Nachhaltig handeln

Europa auf dem Weg zur Klimaneutralität

Sie wurden verleugnet, sie wurden kleingeredet, doch als die Ferien kamen, protestierten sie im­mer noch. Prominente, Künstler, Firmen und faktenschaffende Wissenschaftler schlossen sich an, Kritiker verstummten. UN-Klimakonferenzen gab es zwar schon im 20. Jahrhundert, doch bisher bewirkten diese kaum mehr als ein alljährlich kurzes Medienflackern und inkonsequente Absichtserklärungen. Fridays for Future hingegen macht aus dem Klimawandel ein nicht länger zu ignorierendes Politikum.

Die EU und das grüne Geld

Einen ersten Teilerfolg verbuchte die Bewegung durch die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: „Der European Green Deal ist unsere neue Wachstumsstrategie – für ein Wachstum, das mehr zurückgibt, als es wegnimmt.“ Klimaziele sollen dadurch europarechtlich verankert und der Kontinent bis 2050 klimaneutral werden. Allein bis 2027 sollen für diesen Zweck 100 Milliarden Euro investiert werden. Für die entsprechende Steuerung des Investitionsstroms ist die Europäische Investitionsbank verantwortlich. „Wir werden die Finanzierung von Projekten mit fossilen Energieträgern einstellen und künftig eine Klima­strategie verfolgen, die die Ambitionen aller anderen öffentlichen Finanzinstitute übertrifft“, erklärte EIB-Präsident Werner Hoyer dazu schon vor dem offiziellen Amtsantritt von der Leyens.

Selbst die neue EZB-Chefin Lagarde ver­kündete mit einem Paukenschlag, dass Klimawandel und Umweltschutz für jede Institution im Mittelpunkt stehen sollten – auch für die EZB. Insbesondere das unter dem bisherigen Dogma der Marktneutralität entstandene Anleihenportfolio, welches „viele Schattierungen von grün bis braun“ aufzeigt, hat sie dabei ins Auge gefasst. Klimapolitisch fragwürdige Wertpapiere will sie in Einklang mit den EU-Verträgen durch grüne Anleihen ersetzen. Der Erhalt der Preisstabilität ist so nicht mehr dem unantastbaren Prinzip der Marktneutralität unterworfen, sondern den klimapolitischen Zielen der Europäischen Union verpflichtet. Vorausset­zung ist hierfür allerdings eine klare europäische Definition für grüne Anleihen.

Angela McClellan vom Forum Nachhaltige Geldanlagen
kritisiert die neue EU-Taxonomie, die sich
„nur auf die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit bezieht“.

In einem ersten Schritt einigten sich Europäische Kommission und Europäi­sches Parlament am 18. Dezember auf eine „grüne Liste“ – ein EU-weites Klas­sifikationssystem für nachhaltige Investitionen. Zwar können Anleger durch diese Taxonomie erstmals auf eine De­finition des Begriffs „Grün“ zurückgrei­fen, „dass sich diese Taxonomie nur auf die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit, und auch hier nur auf zwei von sechs EU-Umweltzielen bezieht“, ist dabei für Angela McClellan aber durchaus problematisch. „Das Vorgehen der EU-Kommission erschwert die Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen den drei Dimensionen“, so die Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlagen. Ein weiteres Problem sieht sie darin, dass die Taxo­nomie nur explizit für nachhaltig gelabelte und nicht für alle Finanzprodukte gilt.

„Jetzt muss die EU-Kommission in einem breiten Dialog zügig die Detailregeln ausarbeiten, damit Europa tatsäch­lich zum weltweiten Leitmarkt für nachhaltige Investmentprodukte wird“, fordert Sven Giegold, Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament. Noch gibt die Taxonomie nur einen groben Rahmen vor, was genau Nachhaltigkeit aber für einzelne Technologien bedeutet, muss die EU-Kommission erst noch definieren.

Mit dem „Green Deal“ sollen die Weichen für eine sauberere Wirtschaft gelegt werden, doch Geld allein wird hier nicht reichen.

Experte für die Erstellung solcher Standards ist Daniel Sailer, Leitung Sustain­able Investment Office und ESG Advisor bei der Metzler Asset Management GmbH. „Nachhaltige Investments wer­den heute von allen unseren Kundengruppen nachgefragt, zum Beispiel Un­ternehmen, Versicherungen, Pensionskassen, Städten und Kommunen sowie Stiftungen“, berichtet er. „Entsprechend den unterschiedlichen Anforderungen und Zielen in Bezug auf nachhaltige Investments entwickeln wir kundenspezifische Lösungen.“ Die umfassende Beratung im Vorfeld umfasst unter anderem eine Analyse, wie sich individuell definierte ESG-Kriterien auf die Chancen und Risiken eines Investmentuniversums auswirken.

Dabei sind nachhal­tige Kapitalanlagen keinesfalls chancen­ärmer oder risikoreicher als andere. Der MSCI World Socially Responsible Index (SRI) etwa ist an den MSCI World Index angelehnt, schließt aber Unternehmen aus den Bereichen Kernkraft, Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Militärwaffen, zivile Schusswaffen, Gentechnik, Heizkohle und Erwachsenenun­terhaltung aus. Die dem MSCI World entsprechende Sektoren- und Regionengewichtung wird dann durch einen Best-in-Class-Ansatz mit einem eigenen ESG-Auswahlprozess wiederher­gestellt. Seit seiner Aufsetzung im September 2007 entwickelte sich dieser ins­gesamt lukrativer als sein älterer Bruder.

Wie sich Klimaneutralität in Portfolios integrieren lässt,
veranschaulicht Daniel Sailer.
Klimaneutral Geld anlegen – geht das eigentlich?
Wie sich nachhaltige Minenbetreiber finden lassen,
berichtet Tobias Tretter.
Mining-Trips für nachhaltige Verkehrskonzepte

Die Mobilitätswende

Während Tesla im MSCI World SRI gelistet ist, sucht man die Vertreter der deutschen Automobilindustrie dort ver­gebens – Prädikat durchgefallen.
E-Mobilität gilt gemeinhin als weg­weisend für eine klimafreundliche Verkehrszukunft, doch die Pionierarbeit wurde andernorts geleistet. Zulange hielt man hier am Irrglauben einer fortschreitenden Optimierung herkömmlicher Methoden fest. „Optimiert“ wurde in der Folge lediglich die Messsoftware, Fahrzeuge wurden als „Clean Diesel“ verkauft und der Verbraucher für dumm.

Das von der Bundesregierung im vergangenen Jahr eingerichtete Klimakabinett beschloss am 20. September eine Reihe an Maßnahmen, die insbesondere auch die Mobilität betreffen. Bis 2030, so das angestrebte Ziel, sollen in Deutschland sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge auf den Straßen surren. Also fast sieben bis zehn Millionen mehr als aktuell. Aus gerade einmal 20 650 Ladepunkten sollen dann eine Million werden. Um diese Ziele zu erreichen, wird die Dienstwagensteuer für reine Elektrofahrzeuge von 0,5 Prozent auf 0,25 Prozent reduziert. Zudem soll die auf zehn Jahre befristete Steuerbefreiung für Elektrofahrzeuge, die bisher für Fahrzeuge mit Erstzulassung bis Ende 2020 galt, bis zum 31. Dezember 2025 verlängert werden. Die Dauer der Steuerbefreiung wird allerdings befristet, und zwar bis Ende – ganz genau – 2030. Anders ausgedrückt: Der Bund will bis 2030 sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge zulassen, aber nicht mehr.

Andere Länder haben im Kontext der E-Mobilität wesentlich ambitioniertere Pläne. So will Norwegen schon 2025 keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungs­motoren zulassen und Dänemark, Irland, Israel, Nepal, die Niederlande, Slowenien und Schweden folgen 2030. Trüben könnte diese Ambitionen eine unzureichende Rohstoffproduktion, wie Tobias Tretter, geschäftsführender Gesellschafter der Commodity Capital AG, warnt. „Grundsätzlich gibt es ausreichend Rohstoffe. Wenn der Umstieg auf Elek­troautos allerdings zu schnell geht, wird es keine Möglichkeit geben, die Nachfrage zu bedienen. Daher erwarten wir leider ein böses Erwachen bei einigen Rohstoffen, sobald die Massenproduktion von Elektroautos ins Rollen kommt.“ Insbesondere das für die Batterien notwendige Lithium muss in einem komplizierten chemischen Prozess gewonnen werden, wobei jedes einzelne Projekt einzigartig ist und eine entsprechend lange Vorlaufzeit benötigt. „Eine Tatsache, welche eine kurzfristige Produktionsanpassung auf eine sprunghafte Nachfrage schlicht nicht zulässt.“

Damit der nachhaltige Gedanke der Elektromobilität nicht ad absurdum geführt wird, überzeugt er sich vor Investitionsentscheidungen selbst von einem möglichst nachhaltigen Rohstoffabbau vor Ort, beleuchtet den dort vorhandenen Umweltschutz und das Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Denn eines ist klar, ohne die zugrunde liegenden Rohstoffe gibt es weder eine flächendeckende Elektromobilität noch eine erfolgreiche Energiewende.

57 Milliarden für
umweltschädliches Verhalten

Politisches Versagen

Ähnlich mutlos wie in puncto Verkehrswende zeigt sich das ausgehandelte Klimapaket auch bezüglich der Ener­giewende. Nach vielen Monaten Vorbereitungszeit und einem 20-stündigen Verhandlungsmarathon inklusive Nachtsitzung ist das Ergebnis ein entsprechend müder Kompromiss. Statt aktuell 866 Millionen dürfen wir ab 2030 nur noch 563 Millionen Tonnen an Treibhausgasen ausstoßen, andernfalls drohen Milliardenstrafen aus Brüs­sel. Um dieses Ziel zu erreichen, werden zwar Fotovoltaikanlagen noch weiter gefördert, doch der Ausbau der Windenergie durch fragwürdige Regelungen nahezu stillgelegt. Tausend Meter Abstand müssen Windräder jetzt zu Wohnhäusern halten, die frei verfügbare Fläche und damit das Potenzial der Windkraft wird so nahezu halbiert.

In Bayern bleibt zudem die besonders restriktive 10-H-Regel erhalten. Demnach muss ein Windrad mindestens zehn­mal soweit von Wohnungen entfernt sein, wie es hoch ist. Bei einer Standard­höhe von 200 Metern sind das entsprechend 2 000 Meter Abstand, was einem Stopp des Windkraftausbaus im Söderland gleichkommt. Statt des Ausbaus will die Bundesregierung, so die ernst gemeinte Begründung, die Akzeptanz für neue Ökostromanlagen fördern, man fragt sich nur, wo. Auch der Abbau fossiler Subventionen, die jeder ernst gemeinten Energie- und Klimawendeambition entgegenwirken, wurde nicht angefasst. Mit sieben Milliarden Euro jährlich wird Diesel an Zapfsäulen günstiger gehalten. Kerosin wird weiter steuerfrei in die höheren Schichten der Atmosphäre geblasen, wo sich der Scha­den potenziert.

Konzerne wie RWE, die ohne Not öko­diverse Waldbestände vernichten und im Streitfall öffentlich Rückendeckung vom Steigersohn mit Kanzlerambitionen Armin Laschet erfahren, zahlen keinen einzigen Cent für den Raubbau am deutschen Boden. Mit 57 Milliarden Euro, rechnet das Umweltbundesamt vor, wird jedes Jahr umweltschädliches Verhalten subventioniert.

Grund genug also, weiterhin jeden Freitag zu protestieren.

von Andreas Fuhrich

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