Impact Investing oder Impact-Washing: Wohin geht der Trend?

Dr. habil. Moritz Isenmann, Research and Strategy Manager bei Invest in Visions GmbH, grenzt „echtes“ Impact Investing von „unechtem“ ab.

Kaum ein Begriff ist am Finanzmarkt aktuell so populär wie „Impact“. Immer mehr Anbieter von Finanzprodukten geben an, mit ihren Investments eine positive Wirkung für Gesellschaft und Umwelt zu erzielen, sprich „Impact Investing“ zu betreiben. Dies spiegelt sich in den Angaben zum verwalteten Vermögen wider, die Branchenverbände und Netzwerkorganisationen veröffentlichen. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) beispielsweise, das im Zeitraum 2019/2020 für Deutschland bereits ein Wachstum von 104 Prozent (von 8,1 Mrd. auf 16,6 Mrd. Euro) verzeichnet hatte,[1] gibt in seinem aktuellen Marktbericht eine neuerliche Steigerungsrate von 80 Prozent auf nunmehr 29,9 Mrd. Euro an.[2] Innerhalb von zwei Jahren wäre dies eine Steigerung von knapp 270 Prozent.

Aber wohin geht der Trend, der sich in diesen Zahlen manifestiert, wirklich: zu mehr Impact Investing oder zu mehr „Impact-Washing“? Die Crux mit solchen, in ihrem Steigerungsgrad kaum plausiblen, Marktangaben besteht nämlich darin, dass sie auf Aussagen von Produktanbietern beruhen. Wie viel echter Impact, wie viel gefühlter Impact und wieviel Impact-Washing sich dahinter verbirgt, ist schwer einzuschätzen. Eine unabhängige Datengrundlage gibt es nicht. Durch die Wissenschaft belegt ist jedoch mittlerweile, dass Impact-Washing, also die irreführende Verwendung des Begriffs für werbliche Zwecke, bereits stattfindet.[3] Sollte sich Impact-Washing weiterverbreiten, ist die Legitimität dieses noch jungen Markts bedroht und ein Vertrauensverlust der Anleger zu befürchten.

Was ist eigentlich Impact Investing?

Befördert wird Impact-Washing nicht zuletzt durch unklare bzw. zu breit gefasste Definitionen. Eine gute Orientierung bietet der Definitionsansatz der International Finance Corporation (IFC). Die IFC ist eine privatwirtschaftliche Schwestergesellschaft der Weltbank und selbst einer der weltweit größten Impact Investoren. 2019 hat sie mit den „Operating Principles for Impact Management“ einen ambitionierten Industriestandard für Impact Management vorgelegt, zu dem sich bereits über 160 internationale Impact Investoren bekennen, darunter auch Invest in Visions.[4]

Invest in Visions-Vordenker Moritz Isenmann: „Impact Investing kann einen signifikanten Beitrag zur nachhaltigen Transformation der Wirtschaft leisten.“

Der IFC zufolge müssen für Impact Investing drei Voraussetzungen erfüllt sein: eine Wirkungsabsicht, ein Wirkungsbeitrag (contribution) und die Messung der Wirkung. Nur wenn alle drei Elemente gegeben sind, sollte man von einem „Impact Investment“ sprechen.[5] Die zentrale Position nimmt der Wirkungsbeitrag ein. Ein Wirkungsbeitrag – in der gegenwärtigen Diskussion wird hierfür auch der Begriff „Additionalität“ verwendet – liegt dann vor, wenn ein Unternehmen durch die Investition seine eigene Wirkung (den „Company Impact“) erhöhen oder verbessern kann. Wird der „Company Impact“ hingegen nicht beeinflusst, liegt auch kein „Investment Impact“ vor. Dasselbe gilt, wenn Wirkungsabsicht oder -messung fehlen.

Der Königsweg für das Leisten eines Wirkungsbeitrags ist die Allokation von Kapital. Hier ist der Privatmarkt in einer privilegierten Position, da das Kapital direkt vom Investor an das Unternehmen fließt. Über den Sekundärmarkthandel an der Börse ist ein Wirkungsbeitrag hingegen kaum zu erbringen, da kein neues Kapital allokiert wird, sondern eine Aktie lediglich den Besitzer wechselt. Das bedeutet nicht, dass nicht möglicherweise eine irgendwie geartete Wirkung entfaltet wird, beispielsweise das Stützen eines Aktienkurses. Doch ist diese weder im Vorhinein plan- noch im Nachhinein messbar, wie es die anderen beiden Merkmale von Impact Investing erfordern. Die IFC jedenfalls schließt das reine Investieren am Sekundärmarkt von den eigentlichen Impact-Strategien aus. Das ist auch sinnvoll, wenn Impact Investing als klar definierbare Investitionsstrategie erhalten werden soll. Begriffsschöpfungen wie „Impact Alignment“, die darauf abzielen, auch Investitionen ohne zurechenbaren Wirkungsbeitrag als Impact Investments bezeichnen zu können,[6] werden hingegen, so ist zu vermuten, zu einer Vermehrung von Impact-Washing führen, weil sie den Anspruch an eine Verwendung des Impact-Begriffs senken.

Mikrofinanz und SME-Finanzierung

Eine der ältesten Formen von Impact Investments mit Wirkungsbeitrag, die bis in die 1970er Jahre zurückreicht, ist die Vergabe von Mikrokrediten in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Mittlerweile ist Mikrofinanz eine fest etablierte Asset-Klasse. Über Mikrofinanzfonds wie den IIV Mikrofinanzfonds werden Mikrofinanzinstitute in den Entwicklungs- und Schwellenländern refinanziert, die Kleinstkredite an ihre Kunden:innen vergeben. Bei diesen handelt es sich um einkommensschwache Menschen, die keine ausreichenden Sicherheiten bieten können, um Darlehen von traditionellen Finanzinstituten zu erhalten. 1,7 Mrd. Menschen sind Schätzungen zufolge in den Emerging Markets von Finanzdienstleistungen ausgeschlossen.[7] Die Mikrokredite werden mehrheitlich für die Aufnahme bzw. Ausübung gewerblicher Tätigkeiten vergeben, mit denen die Darlehensnehmer:innen sich eine Existenz aufbauen bzw. sichern können, oder für sozial notwendige Ausgaben wie beispielsweise Beerdigungen.[8]

Mikrofinanz bzw. der Zugang zu Finanzdienstleistungen wird von den Vereinten Nationen als Beitrag zu verschiedenen nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs) anerkannt und im Text von mehreren Unterzielen erwähnt.[9] Tatsächlich haben es Mikrounternehmen, ebenso wie SME (Small and Medium Enterprises), die zusammen mehr als 90 Prozent aller Unternehmen stellen, in den Entwicklungs- und Schwellenländern oft schwer, an Kapital zu gelangen. Damit wird ihr enormes Potenzial zur Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Wirtschaftswachstum und damit auch zum Abbau von Ungleichheiten stark einschränkt. Die IFC schätzt die Finanzierungslücke für MSME (Micro, Small and Medium Enterprises) in den Emerging Markets auf 5,2 Billionen US-Dollar, von denen 772 Milliarden auf Mikrounternehmen und 4,5 Billionen auf den SME-Sektor entfallen.[10]

Die „Impact-Leitlinien“: ein Aufruf zu mehr Transparenz

Impact Investing (in seiner traditionellen Form) kann, das hat auch der Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung (SFB) in seinem Abschlussbericht vom Februar 2021 festgestellt,[11] einen signifikanten Beitrag zur nachhaltigen Transformation der Wirtschaft leisten. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Impact-Washing auf dem Finanzmarkt konsequent eingehegt wird. Dazu sollen die „Leitlinien zur Darstellung von Impact im Bereich wirkungsorientierter Investments“ (kurz Impact-Leitlinien) beitragen. Unterzeichnet haben diese zusammen mit der Invest in Visions die GLS Investments, die GLS Bank, die Frankfurt School of Finance, die Bank im Bistum Essen, die Steyler Bank, Arethe Ethik Invest und die Pax-Bank.

Nicht zuletzt plädieren die Impact-Leitlinien auch für einen verantwortungsvollen Umgang mit den SDGs. Unbestritten ist, dass sich die graphisch ansprechenden Piktogramme außerordentlich gut für Marketingzwecke eignen. Falls der Anspruch erhoben wird, einen Beitrag zum Erreichen eines bestimmten nachhaltigen Entwicklungsziels zu leisten, sollte man sich aber auf ein offizielles Unterziel oder einen Indikator des jeweiligen Ziels beziehen. Sonst kann ein Bezug leicht missbräuchlich werden. Schließlich trägt nicht jede Investition in ein Pharmaunternehmen zu „SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen“ bei, ebenso wie nicht jeder Lebensmittelkonzern dabei hilft, den Hunger aus der Welt zu schaffen („SDG 2: Kein Hunger“).

Die Impact-Leitlinien sind an allererster Stelle ein Aufruf zur Transparenz, präsentiert in Form von sechs Fragen, auf die man als Impact Investor Antwort geben können sollte. So lautet die erste Frage: „Wer ist für den Impact verantwortlich: Investor oder Investment“? Hier sollte genau differenziert werden, ob durch das Investment Kapital an Unternehmen fließt, mit dem diese eine positive Wirkung erzielen können, oder ob es sich um einen Sekundärmarkthandel ohne Kapitalfluss hin zum Unternehmen handelt. Eine weitere Frage zielt darauf ab, ob spezifische Impact-Indikatoren aufgestellt wurden, um den Beitrag zur Erreichung bestimmter sozialer oder ökologischer Ziele zu messen. Im Mikrofinanzbereich sind solche Indikatoren u. a. die Anzahl erreichter Kreditnehmer:innen (berechnet über den refinanzierten Anteil des jeweiligen Kreditportfolios) oder die Portfolioallokation nach wirtschaftlichen Sektoren.[12]

Die vollständigen „Impact-Leitlinien“ finden Sie hier.


Quellen:

[1] FNG_Marktbericht2021_Online.pdf (fng-marktbericht.org), S. 10.

[2] https://fng-marktbericht.org/deutschland#c1936danlagen (fng-marktbericht.org), S. 10.

[3] Suzanne Findlay / Michael Moran, Purpose-washing of impact investing funds: motivations, occurrence and prevention, in: Social Responsibility Journal 15 (2019), S. 853-873.

[4] Signatories & Reporting | Operating Principles for Impact Management (impactprinciples.org)

[5] IFC, Creating Impact. The Promise of Impact Investing, 2019, S. 3 ff. Online unter: https://www.ifc.org/wps/wcm/connect/66e30dce-0cdd-4490-93e4-d5f895c5e3fc/The-Promise-of-Impact-Investing.pdf?MOD=AJPERES&CVID=mHZTSds.

[6] Timo Busch et al., Impact investments: a call for (re)orientation, SN Bus Econ, 2021 S. 1-33.

[7] Asli Demirgüc-Kunt et al., The Global Findex Database 2017. Measuring Financial Inclusion and the Fintech Revolution, Washington D.C.: International Bank for Reconstruction and Development/Worldbank 2018.

[8] Zu den wichtigsten Entwicklungen im Bereich Mikrofinanz und finanzielle Inklusion in den vergangenen zehn Jahren siehe unseren Impact Report 2021, S. 13-14. https://www.investinvisions.com/media/iiv_impact_report_2021.pdf

[9] So beispielsweise in Unterziel 4 von „SDG 1: Keine Armut“ und Unterziel 2 von „SDG 2: Kein Hunger“.

[10] IFC, MSME Financing Gap: Assessment of the Shortfalls and Opportunities in Financing Micro, Small, and Medium Enterprises in Emerging Markets, 2017, S. 28.

[11] Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung, Shifting the Trillions. Ein nachhaltiges Finanzsystem für die Große Transformation, 2021, https://sustainable-finance-beirat.de/wp-content/uploads/2021/02/210224_SFB_-Abschlussbericht-2021.pdf

[12] Invest in Visions, Impact-Report 2021, S. 30-31.


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