Green Finance

Die Taxonomie-Verordnung schafft die weltweit erste „grüne Liste“ für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten und stößt doch an Grenzen.

von Andreas Fuhrich

Im Jahr 2030 will die EU die Pariser Klimaschutzziele erreichen, also 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 ausstoßen. Bis 2050 will sie sogar komplett klimaneutral sein. Allein die zu schließende Investitionslücke im Energiesektor, um wenigstens die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, beziffert der EU-Rat auf 180 Milliarden Euro pro Jahr. Ein aussichtsloses Unterfangen also, wenn nicht auch die Finanzwirtschaft in die Pflicht genommen wird und Kapitalströme in die richtigen Kanäle geleitet werden.

Die Bauarbeiten an dem benötigten Kapitalaquädukt – um im Bild zu bleiben – begannen am 20. Juni 2020 und werden am 1. Januar 2022 einen ersten Meilenstein erreicht haben. An diesen Tagen erschien bzw. tritt die sogenannte EU-Taxonomie-Verordnung in Kraft. Der Europäischen Kommission folgend handelt es sich dabei um „ein neues gemeinsames Klassifizierungssystem mit einheitlichen Begrifflichkeiten, das Anleger überall verwenden können, wenn sie in Projekte und Wirtschaftstätigkeiten mit erheblichen positiven Klima- und Umweltauswirkungen investieren wollen“. Konkret schafft sie ein Klassifikationssystem, das sämtliche Aktivitäten in nachhaltig, d.h. „grün“, bzw. nicht-nachhaltig, d.h. „braun“, einstuft.

Auf ihrer Basis soll es möglich sein, den grünen Anteil an Umsätzen, Aufwänden und Investitionen anzuzeigen. Finanzmarktakteure wie Asset Manager und Versicherer, aber auch große Unternehmen, die unter die bisherige Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung fallen, müssen diese Informationen ab dem nächsten Jahr offenlegen. Diese Transparenz soll dazu führen, dass Investitionen verstärkt in nachhaltige Aktivitäten fließen. Investoren können mit einem Blick auf Umsatz, Aufwände und Investitionen wissen, wie groß der Anteil der Nachhaltigkeit ist, was dem Greenwashing vorbeugen soll.

Anja Kern, Stiftungsprofessorin für Handel und Führung, ist für globale Standards bei Kapitalanlagen.

Lesen Sie das ausführliche Interview:
Einfluss der EU-Taxonomie im Kontext nachhaltiger Investments

Ein Durchbruch für einen nachhaltigen Kapitalmarkt?

Wie groß der Effekt der Verordnung nach ihrem Inkrafttreten tatsächlich sein wird, ist allerdings fraglich. „Verordnungen, die nur in der EU gelten, können zu einer Verlagerung der braunen Aktivitäten außerhalb der EU führen“, prangert Anja Kern an. „Nur eine globale Lösung kann die Erde retten.“ Die Inhaberin der von der Dieter Schwarz Stiftung gGmbH und dem Stifterverband geförderten Stiftungsprofessur für Handel und Führung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mosbach hat sich Gedanken darüber gemacht, was geschehen müsste, damit die Regeln eine Aussicht auf globale Anwendung hätten. Anstatt wie die Taxonomie das Klimaproblem mit anderen Umweltzielen und sozialen Standards zu vermischen, schlägt sie einen Klimafokus vor, „weil so die höchsten Chancen bestehen für das dringlichste Problem eine globale Lösung zu finden“. Zudem plädiert sie dafür, dass ein solcher Standard unter der Beteiligung von Unternehmen entwickelt und getestet wird und nicht von Regierungen beschlossen wird, ohne praktische Erfahrungen aus der Wirtschaft zu berücksichtigen. „Es ist zu befürchten, dass die Taxonomie zu einem bürokratischen Monster wird, das global wenig zum Stoppen des Klimawandels beiträgt.“

Wollen sich Unternehmen und Finanzberater dieser Herausforderung stellen, „bleibt keine andere Möglichkeit, als sich mit den Gesetzestexten auseinanderzusetzen und sich auf deren Inkrafttreten vorzubereiten“, befindet Angela McClellan, Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlagen. „Momentan“, merkt sie allerdings kritisch an, „bestehen noch viele offene Anwendungsfragen, insbesondere hinsichtlich der Offenlegungs- und Taxonomie-Verordnung, wo die EU nachschärfen muss.“ So stehen zwar die Kriterien für Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel so gut wie fest und sollen ab Januar 2022 Anwendung finden, doch an denen für die restlichen vier Umweltziele – nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, Übergang zur Kreislaufwirtschaft, Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung, Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme – wird derzeit noch gearbeitet.

„Die Finanzwirtschaft kritisiert, dass die bisherige Datenlage nicht ausreicht, um eine ausreichende Bewertung von Investitionen nach der Taxonomie vorzunehmen“, ergänzt sie. „Die Notwendigkeit einer einheitlichen finanziellen und nicht-finanziellen Berichterstattung als auch einer zentralen, elektronischen Sammelstelle quantitativer und qualitativer Unternehmensdaten wird deutlich, soll die Taxonomie breitenwirksam
Anwendung finden.“

Im März 2019 zerstörte der tropische Wirbelsturm Idai mit Beira die zweitgrößte Stadt in Mosambik.
Bruder Matthias Maier, Präsident der „Franziskaner Helfen“, unterstützt Projekte vor Ort.

Transparenz mit Durchschlagskraft

Unterstützung zumindest für Asset Manager auf dem Weg zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft bietet Maren Schmitz. Die Partnerin und Leiterin des Asset Management Beratungsgeschäfts von KPMG Deutschland hilft nicht nur, Produkte und Assetklassen nachhaltig auszurichten, sondern auch einen auf die ESG-Kriterien hin ausgerichteten Risikomanagement-Ansatz und einen effizienten ESG-Datenhaushalt aufzusetzen. Zukünftig werde Asset Manager sich durch nachhaltige Produkte und die Performance ihrer Investments voneinander abheben. „Innovative Produkte, die einen Impact kreieren und auf langfristige Ziele einzahlen, dürften hier eine besondere Rolle spielen“, ergänzt sie. „Doch dabei dürfen Asset Manager die stetig steigenden Anforderungen an die Transparenz ihrer Investments keinesfalls vernachlässigen. Denn nur, wer das Thema Nachhaltigkeit durchgängig und glaubwürdig besetzen kann, hat auch etwaigen Greenwashing-Vorwürfen etwas entgegenzusetzen.“

 

Über jeden Zweifel erhaben ist in diesem Zusammenhang der terrAssisi-Aktienfonds. „Zunächst ist unser Nachhaltigkeitsansatz nachvollziehbar und wird auch durch unterschiedliche Veröffentlichungen bzw. Publikationen sichtbar“, erläutert Bruder Matthias Maier von der Ordensgemeinschaft der Franziskaner und Präsident von „Franziskaner Helfen“. Investierene können auf den Internetseiten von terrAssisi und der Ampega Investment GmbH als Kapitalverwaltungsgesellschaft die größten Einzeltitel im Portfolio abrufen. „Auf Wunsch geben wir auch Einblick in das aktuelle Gesamtportfolio“, ergänzt Bruder Matthias. Die Fonds werden darüber hinaus von einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungskanzlei auf das Einhalten der Aussagen und Richtlinien überprüft und der laufend aktualisierte Bericht ist ebenfalls online einsehbar. Als Initiator erhält „Franziskaner Helfen“ einen Teil der Verwaltungsvergütung, der zur Unterstützung in die Finanzierung der verschiedenen Hilfsprojekte miteinfließt. „Sei es der Bau eines Brunnens, der ein kenianisches Dorf mit sauberem Trinkwasser versorgt oder die Unterstützung und Begleitung von Frauen in Argentinien, die als Opfer häuslicher Gewalt den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben suchen“, gibt Bruder Matthias zwei Beispiele für über 650 Projekte, die zum Teil aus den Mitteln des Fonds finanziert werden und dessen Impact damit über die Grenzen der EU hinausgeht.

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