Geschäftsmodellen der Zukunft auf der Spur

Gastbeitrag von Dr. Ute Günther

Business Angels als Innovationsindikatoren

Geschäftsmodelle der Zukunft sind wichtige Eckpunkte einer prosperierenden Volkswirtschaft. Sie zu erkennen, ist schwierig und herausfordernd, zumal sie sich zu einem späteren Zeitpunkt durchaus als nicht erfolgreich erweisen können.

Wer spürt ihnen nach?

Dr. Ute Günther

Business Angels sind auf der ständigen Suche nach innovativen Geschäftsmodellen. Sie sind Deutschlands wichtigste Frühphasenfinanzierer, investieren Kapital und Know-how in junge, innovative Unternehmen, und zwar in einer sehr frühen Phase, wenn das Risiko am größten ist, denn dann – und nur dann – haben sie die Chance, als First Mover vom Wachstum einer disruptiven Geschäftsidee zu profitieren, ein veritables ROI einzufahren, um den Exiterlös wieder in neue innovative Unternehmen zu investieren.

Trend: Ja-aber!

Dealsourcing, die Suche nach innovativen Geschäftsideen und begeisternden Teams, die diese in den Markt bringen, ist für Angel Investorinnen und Investoren ebenso überlebenswichtig, wie der stets wachsam kritische Blick auf alles, was als Trend in den öffentlichen Diskurs Einzug hält oder bereits gehalten hat. Niemand will das Risiko eingehen, einem populistischen Hype aufzusitzen und sein Geld in das zehnte Copycat investieren, das bereits zum Zeitpunkt der Investition dem nahen Untergang geweiht ist und schnell verglüht.

Angel sein, ist Leben am Puls der Zeit, besser noch vor der Zeit – „der frühe Vogel fängt den Wurm“. Es macht also Sinn, sich anzusehen, welche Trends bei Angel Investoren gerade hoch im Kurs stehen, um den Geschäftsmodellen der Zukunft auf die Spur zu kommen.


Der Blick in die Portfolien aktiver Angel Investorinnen und Investoren ist aufschlussreich.


Verlässliches Marktbarometer für alles, was bei Privatinvestoren jeweils im Vierteljahresrhythmus angesagt ist, ist seit 2001 das von Business Angels Netzwerk Deutschland e. V. (BAND), dem Bundesverband der Angel Investoren, den VDI nachrichten, der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) und der Universität Duisburg-Essen initiierte „Business Angels Panel“.

Im ersten Quartal 2021 sah die Rangfolge im Blick auf Branchentrends und Technologien wie folgt aus: Softwareentwicklung, Umwelttechnik und Webservice machten die Podiumsplätze unter sich aus. Auf Platz 4 folgte Industrieautomatisierung. Einen Riesensatz nach vorne machte die Biotechnologie. Sie schafften es auf Platz 5. So hoch in der Gunst der Investoren stand sie über zehn Jahre nicht. Zu den Aufsteigern zählten außerdem Logistiker, die sich auf Platz 6 vorkämpften.[1]

Angels scannen Trends, kennen die Hitlisten der veröffentlichten Trends, springen aber längst nicht auf jeden Trendzug auf. Sie wissen, dass ein Trend noch lange kein Garant für ein erfolgreiches Geschäftsmodell ist. Nicht jeder Trend mündet in tragfähige Geschäftsideen und -modelle, denen die Investoren zutrauen, im Markt erfolgreich zu wachsen. Entscheidend ist vielmehr u. a. die Frage nach dem Kundennutzen, dem (Nischen)-Marktvolumen, der Skalierbarkeit, dem Erlösmodell und insbesondere auch – häufig unterschätzt – dem richtigen Zeitpunkt.

Insofern ist der Blick in die Portfolien aktiver Angel Investorinnen und Investoren aufschlussreich.

Trend erzeugt Gegentrends

Mitnichten entsprechen die in den Angels-Portfolien versammelten Geschäftsmodelle in Gänze den angesagten Trends.

Dort zeigt sich, wo dezidiert gegen den Trend investiert wird, und zwar in Geschäftsmodelle, die Negativaspekte eines sich behauptenden Trends abfedern. Ein aktuelles Beispiel: Wenn Formen digitalen Arbeitens mit Verlagerung ins Homeoffice Fahrt aufnehmen, wenn der Bildschirm die Norm ist und das Tippen auf die Tastatur das persönliche Gespräch mit dem Gegenüber verdrängt, Technik auch den zwischenmenschlichen Alltag bestimmt, der Drang, sich immer und überall zu vernetzen – funktioniert per Mausklick in Sekundenschnelle und generiert massenhaft oberflächliche Kontakte – gepaart ist mit Dauerkommunikation über die sozialen Medien, stellt sich unweigerlich die Sehnsucht nach mehr Mensch und weniger Maschine ein, nach einem Leben in kleinen, überschaubaren Einheiten mit vertrauten Sozialkontakten, in Nachbarschaften, die wieder als lebenswerte Orte, an denen Mensch sich wohl und zu Hause fühlt, gestaltet werden.

Diese Reaktion auf Veränderung ist keine Rückbesinnung auf Tradiertes, sondern richtet den Blick in eine Zukunft jenseits digitaler Verwerfungen stabiler zwischenmenschlicher Beziehungen, bietet also reichlich Nährboden für innovative Geschäftsideen, die z. B. das Digitale mit dem Lokalen verbinden, das eigene Heim „hyggelig“ machen, den smarten, nachhaltigen Indoor-Garten für zu Hause anbieten, eine Plattform für das Management selbstbestimmter Identität entwickeln, Erlebnisnächte in der Natur anbieten, zu Resilienz anleiten oder nachbarschaftliches Miteinander organisieren.

Angels scannen auch diese Gegentrends und nehmen sie in den Blick als potentielle Investments.


Angels scannen auch diese Gegentrends und nehmen sie in den Blick als potentielle Investments.


Mutmacher

Auch das offenbaren Angels-Portfolien: Für Start-ups, die nicht im Trend und Gegentrend laufen, die Geschäftsideen vorantreiben, die so gar nicht dem Zeitgeist entsprechen, ist es mehr als ermutigend zu erkennen, dass sie durchaus die Chance haben, eine Finanzierung zu finden. Angels-Investoren setzen zu keiner Zeit auf pauschale Zuschreibungen und Einengungen, wenn es um Geschäftsideen der Zukunft geht. Sie wissen: Wer auf Innovationen setzt, betritt unbekanntes Terrain, muss bereit sein, ein Risiko einzugehen. Angels-Portfolien sind Mutmacher und liefern Indikatoren für alle, die Geschäftsmodellen der Zukunft auf der Spur sind und legen vielfach ein Vetorecht ein gegenüber reiner Trendgläubigkeit.

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Über die Autorin:

Dr. Ute Günther ist seit 2001 Vorstand von BAND und in dieser Eigenschaft auch Vice-President von Business Angels Europe (BAE). Sie hat Philosophie, Romanistik und Erziehungswissenschaft an der Ruhr Universität Bochum und der Sorbonne in Paris studiert und in Philosophie promoviert. Sie war in Forschung und Lehre tätig an den Universitäten Bochum, Essen, Trier und Vallendar. Parallel dazu entwickelte sie Infrastrukturprojekte im Bereich Innovation und Qualifizierung, seit Mitte der Neunzigerjahre vorwiegend im Ruhrgebiet. Gegenwärtig ist sie außerdem Geschäftsführendes Vorstandsmitglied von pro Ruhrgebiet e. V. (VpR), Vorstand der Business Angels Agentur Ruhr e. V. (BAAR) und Geschäftsführerin der Startbahn Ruhr GmbH. Seit 2019 ist Dr. Ute Günther Mitglied im Zukunftskreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und steht dem BMBF hinsichtlich Zukunftstrends beratend zur Seite.

Foto: © Business Angels Netzwerk Deutschland e. V. (BAND)


[1] https://www.business-angels.de/business-angels-panel-75/

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