Digitale Geschäftsmodelle: Banken brauchen Daten-DNA

von Christian Wolfangel

Sechs von sieben Verbrauchern in Deutschland sind grundsätzlich einverstanden damit, dass Unternehmen persönliche Daten sammeln und auswerten. Die große Mehrheit ist sogar bereit, den Blick auf das eigene Konto mit anderen zu teilen. 78 Prozent vertrauen dabei der eigenen Hausbank am meisten. Das Problem: Viele Institute wissen damit kaum etwas anzufangen. Das zeigen zwei Umfragen von Senacor Technologies.

83 Prozent der Institute sagen von sich, dass sie zwar verstanden haben, wie wichtig Daten für ihr künftiges Angebot sind. Vor allem die Umsatzdaten halten sie für interessant. 73 Prozent wollen die Daten nutzen, um ihre Produkte zu verbessern oder neue zu entwickeln (vgl. Abb. 1). Zwei Drittel sehen diese Chancen auch bei den von ihnen angebotenen Dienstleistungen. Zudem gelten der Vertrieb über Partner sowie Cross- und Upselling als lohnend, wenn es darum geht, Kundendaten auszuwerten und daraus etwas zu machen. Allerdings sind die Institute noch weit davon entfernt, auf Daten aufbauende Angebote in größerem Stil zu starten.


Abb. 1: Banken wollen mit Daten vor allem Produkte und Services besser machen. Quelle: Senacor.

Vorsichtige Planlosigkeit regiert

Gerade mal ein Viertel der Banken sagt von sich, dass sie kurz davor stehen, ein oder gar mehrere digitale Angebote zu launchen. 21 Prozent sind soweit, dass sie einen ersten Prototypen zu einem vollwertigen Dienst ausbauen wollen und magere 19 Prozent sagen von sich, zumindest mit einem ersten Projekt angefangen zu haben. Vielmehr stecken die Institute noch den in Vorbereitungen fest, um digital durchstarten zu können. 30 Prozent der Banken entwickeln beispielsweise gerade erst die Regelsysteme, um Daten systematisch zu analysieren. Jede dritte baut eine eigene Abteilung auf, die mit Daten arbeiten soll. 42 Prozent erschaffen einen zentralen Data Lake, weil die Informationen auf zu vielen IT-Systemen verteilt sind. Viele wissen aber auch noch gar nicht, was genau sie mit den Daten machen wollen.

Fast jede dritte Bank stellt fest, dass sie noch gar keinen Anwendungsfall für ihre Daten hat. Die Hälfte beschäftigt sich derzeit damit, Kunden danach zu fragen, was sie für digitale Diente haben wollen. Ausgerechnet das dürfte aber für einige Ernüchterung sorgen. Die Bundesbürger wissen zwar, dass ihre Daten viel wert sind. 62 Prozent erwarten deshalb, dass sie etwas dafür bekommen, wenn sie Informationen über sich preisgeben (vgl. Abb. 2). Was das aber genau sein soll, ist vielen Verbrauchern genauso schleierhaft wie den Banken selbst. Von günstigeren Versicherungen über eine persönliche Ansprache zu besonderen Lebensereignissen bis hin zu einer laufend aktualisierten Kreditlinie – nichts davon überzeugt die Deutschen stark genug, als dass sie dafür ihre Kontodaten auswerten lassen würden. Jeder Zweite freut sich noch über einen besseren Schutz vor Betrügern.


Abb. 2: Die Deutschen wollen ihre Daten nicht einfach verschenken. Quelle: Senacor.

Banken sollten sich mehr trauen

Die eigenen Kunden werden den Instituten also kaum verraten, was sie mit ihren Daten anstellen sollen. Darauf müssen sie selbst kommen – und das überrascht eigentlichen auch nicht. Hätte man vor etwas mehr zwanzig Jahren gefragt, ob die Bürger Geld per E-Mail verschicken wollen, wäre Paypal vermutlich nie entstanden. Heute nutzen weltweit mehr als 270 Millionen Menschen den digitalen Bezahldienst, um einzukaufen, Rechnungen mit Freunden zu teilen und sich gegenseitig Geld zu senden. Und das, obwohl 63 Prozent der Deutschen Tech-Firmen misstrauen und, genau wie bei Apple Pay und Google Pay, der Anbieter alle Transaktionen sehen kann. Diese Zweifel verfliegen offenbar, wenn das Angebot nur einfach genug ist und den Alltag erleichtert.

Bedenklich stimmt deshalb eine aktuelle Finastra-Umfrage, nach der in Deutschland zwar gut drei Viertel der Institute auf offene Schnittstellen (API) setzen, jedoch nur 40 Prozent ein „Must Have“ im Open Banking sehen. Weil sie wegen PSD2 ihre Datenspeicher aber trotzdem öffnen müssen, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis findige Unternehmen in die Kunde-Bank-Beziehung einbrechen und auf den freigegebenen Kontodaten ein Geschäft aufsetzen. Wie wahrscheinlich das ist, lässt ein Blick auf die deutsche Startup-Szene erahnen. Allein 900 Fintechs zählen Comdirect und Barkow Consulting in ihrer jüngsten Fintechs-Studie allein in Deutschland. Hinzu kommen etwas mehr 130 Insurtechs, die den Versicherungsmarkt aufmischen wollen.

Fazit

Deutsche Banken haben erkannt, wie wichtig Daten für das eigene Geschäft sind und dass sich dieser Trend sogar noch verstärkt. Sie müssen jetzt lernen, sich in eine Rolle einzufinden, die über das klassische Banking hinausreicht. Konkret bedeutet das: sie müssen sich von einem Provider zu einem Innovator entwickeln. Ihre Produkte und Dienstleistungen sind weiterhin gefragt. Doch sie sollten digital mehr riskieren und sich aktiv darauf einlassen, selbst Ideen auszuprobieren und sich nicht auf Kontodiente und eine Trading-App beschränken. Zwar lassen sich viele Dienste auch gemeinsam mit Technologiepartnern umsetzen. Darauf bereiten sich viele Banken inzwischen vor, indem sie APIs entwickeln – und das ist gut. Noch attraktiver ist aber, selbst den Takt vorzugeben, mit eigenen Digitaldiensten Kunden zu binden und dadurch auch die in den letzten Jahren immer stärker in Mitleidenschaft gezogene Cost-Income-Ratio bei den Einnahmen wieder stärker positiv zu beeinflussen.

Über die Umfrage

Anfang 2020 hat Senacor Technologies 1.000 Verbraucher und 100 Fach- und Führungskräfte aus Banken online über Datendienste im Finanzbereich befragt. Banken können die Ergebnisse unter dem Stichwort Trendreport kostenfrei per Email anfordern: research@senacor.com.

Über den Autor





Christian Wolfangel ist Partner bei Senacor Technologies und verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Beratung. Der diplomierte Informatiker hat sich auf die digitale Transformation von Banken und Versicherern spezialisiert. Zu seinen Schwerpunkten zählt zudem die digitale Prozess- und Produktentwicklung. Senacor unterstützt die PSD2-Arbeitsgruppe der Berlin Group, um offene Standards im Zahlungsverkehr voranzutreiben.

Mehr darüber: www.senacor.com und www.berlin-group.org.

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