Zum Glück gezwungen?

New Ways of Working in Zeiten von Corona

Ein Gastbeitrag von Marcus Peters, Senior Business Development Manager bei der adesso SE

Auf Twitter beteiligten sich zu Beginn der Pandemie einige Nutzerinnen und Nutzer an einem interessanten Gedankenspiel: Wie würde die Arbeitswelt aussehen, wenn der Virus nicht 2020 über die Welt rollte, sondern er bereits im Jahr 2000 ausgebrochen wäre? Also Homeoffice ohne Videokonferenzen, Instant Messaging oder Zugriff auf die Daten im Büro. In Zeiten, in denen eine Bandbreite von 768 kBit/s das Nonplusultra war und die Telekom den Online-Zugang stundenweise abrechnete. Das großflächige Arbeiten von zu Hause aus wäre für die meisten Beschäftigten technisch gar nicht möglich gewesen.

„Es knirscht im Getriebe, aber im Großen und Ganzen funktioniert es“, die Beschreibung von Marcus Peters drückt die Situation für viele Beschäftigte ganz gut aus.

Auch jetzt überrumpelte die Situation einige Unternehmen und beansprucht IT-Infrastrukturen bis an die Belastungsgrenze. Die Getriebe knirschen, aber im Großen und Ganzen funktioniert es. So arbeiten jetzt Menschen an heimischen Schreib- oder Esstischen, für die dies noch vor wenigen Wochen undenkbar war. Die Technik steht und die Prozesse spielen sich inzwischen auch ein. Jetzt müssen die Verantwortlichen dafür sorgen, dass aus kurzfristig improvisierten Abläufen langfristig tragfähige Strukturen werden. Denn dass die Arbeitswelt nach überwundener Coronakrise exakt der Vor-Krisen-Welt entspricht, mag auf einige Unternehmen und Arbeitsbereiche zutreffen. Für das Gros der Firmen und Beschäftigten ergeben sich neue Formen der Arbeit und Zusammenarbeit. Es zeichnet sich ab: Technische Aspekte sind beim auf- und umsetzen dieser Neuerungen nicht die größte Hürde.

Verteilte Arbeit, gemeinsame Erfolge

Die aktuelle Situation wird sich als Initialzündung für Homeoffice und darüber hinaus für das ganze Thema flexibleres Arbeiten erweisen. Ob Arbeit von zu Hause, selbstbestimmtes Arbeiten oder Selbstverwirklichung: Was einige Unternehmen immer noch leicht abwertend als „weiche Faktoren“ bezeichnen, ist für immer mehr – gerade gut ausgebildete – Mitarbeitende ein wichtiger Aspekt bei der Arbeitsplatzwahl.

Am Anfang der Krise waren fast alle gleich. Jeder und jede, bei der oder dem es der Job ermöglichte, arbeitete von zu Hause. In dieser Phase entfiel ein Aspekt, der sonst im Umgang mit der Fragestellung „Arbeiten im Büro oder Zuhause?“ eine Rolle spielt: Wie gelingt es, Teammitgliedern die teils vor Ort, teils im Homeoffice arbeiten, gerecht zu werden? Die mangelnde Präsenz und damit Sichtbarkeit im Büro führt schnell zu einer Zweiklassengesellschaft. Wer als Diskussionspartner an der Kaffeemaschine fehlt oder beim spontanen Brainstorming auf dem Flur selten dabei ist, ist häufig außen vor. Im Moment heißt es: „Lass uns eben ein Teams-Meeting aufsetzen, dann reden wir schnell darüber.“ Wenn erst einmal wieder Teile der Belegschaft im Büro arbeiten, wird daraus schnell wieder „Komm, wir holen uns einen Kaffee und klären das im Bistro.“

Unternehmen, die Beschäftigten den Weg ins Homeoffice (weiter) offenhalten wollen, müssen für Chancengleichheit sorgen. Das betrifft ganz operativ Prozesse und Arbeitsweisen: Es muss normal sein, dass Zusammenarbeit nicht zwingend etwas mit räumlicher Nähe zu tun hat. Dass zwei im Büro einen Dritten per Video zuschalten, um Ideen zu spinnen. Damit aus dem Anspruch Praxis wird, kommt es weniger auf starre Regeln an, sondern eher auf den gemeinsamen Willen. Und auf das Vorbild von Führungskräften. Sie müssen einerseits darauf achten, dass ihre Teams zusammenhalten, egal in welcher Konstellation gerade gearbeitet wird. Andererseits müssen Führungskräfte dafür sorgen, dass Beschäftigte, die teils oder ganz im Homeoffice arbeiten, die gleichen Chancen bekommen.

Darüber hinaus wird auch mehr Soziales online stattfinden. Vom virtuellen Team-Frühstück über die Chat-Runde jeden Freitagnachmittag bis hin zu gemeinsamen Spielen: Technologie ersetzt den persönlichen Kontakt nicht. Aber sie hilft dabei, Distanz zwischen Menschen zu reduzieren – egal wo sie sitzen.

Diese Gleichberechtigung und dieses Gleichschätzen sind die zentralen Werte, die über den langfristigen Erfolg von Homeoffice-Angeboten entscheiden. Unternehmen, die das Thema auch nach Corona vorantreiben wollen, werden nicht darum herumkommen, daran zu arbeiten.

Neben dem Einbinden von Beschäftigten ist das Vertrauen in Engagement und Ergebnisse ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zu Homeoffice-Konzepten. Aktuell gibt es keine Alternative für Unternehmen. Aber die Lockerungen der coronabedingten Maßnahmen sorgen auch hier für Diskussionsbedarf. Denn eine „Wer nicht hier ist, der arbeitet auch nicht wirklich“-Einstellung ist immer noch zu finden. Führungskräfte haben Angst vor dem Kontrollverlust, wenn ihre Beschäftigten Zuhause arbeiten.

Ganz unabhängig vom Homeoffice ist so eine Einstellung nur schwer mit agilen Projektmodellen vereinbar. Teams, die in Eigenverantwortung arbeiten, die flexibel auf Änderungen reagieren sollen, sind nur schwer durch engmaschige Kontrollmechanismen zu motivieren. Es gibt einen Unterschied zwischen Präsenz und Produktivität. Unternehmen müssen Strukturen schaffen, die das Erreichen eines Ergebnisses belohnen und nicht das Abreißen von Stunden. Führungskräfte müssen dies vorleben. Wer seine Zielvereinbarungen entsprechend anpasst, kann Beschäftigte beruhigt ins Homeoffice schicken. Durch das gemeinsame Ausformulieren solcher Vereinbarungen lassen sich Teams – ob im Büro, im Homeoffice oder gemischt – steuern, ohne sie zu gängeln.

Eine besondere Situation sind Projekte, in denen mehrere Unternehmen – beispielsweise Kunde und Dienstleister – zusammenarbeiten. In diesen Konstellationen sind die Gestaltungsmöglichkeiten eines einzelnen Beteiligten bei der Arbeitsorganisation eingeschränkt. Aber auch hier werden sich neue Spielräume ergeben. Die Tendenz zu flexibleren Arbeitsstrukturen macht vor keinem Unternehmen halt. Entsprechend steigt die Kompromissbereitschaft auf allen Seiten.

Der Umgang mit der akuten Phase der Krise zeigt: Passende Technologien – von Kollaborationsplattformen über den gemeinsamen Dateizugriff bis hin zum virtuellen Whiteboard – um von überall zu arbeiten, stehen zur Verfügung. Wie häufig liegt die eigentliche Herausforderung in den Köpfen. Seit Jahrzehnten gelebte Prozesse umzustellen, erfordert Kraft und Nerven. Aber Unternehmen wissen jetzt, was möglich ist, wenn die Beteiligten es nur wollen – oder müssen.

Die Anstrengungen lohnen sich: Flexibler zu sein bedeutet nicht nur, produktiver zu sein oder leichter qualifizierte Beschäftigte zu finden. Es bedeutet auch, von der nächsten kritischen Situation deutlich besser gewappnet zu sein.

Über den Autor

Marcus Peters ist Senior Business Development Manager bei der adesso SE. Er bringt 25 Jahre Erfahrung in IT- und Projektthemen mit. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind der Einsatz von Microsoft-Lösungen in Unternehmen und der Einfluss, den moderne Technologien auf die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft haben.

Weitere Informationen unter:
www.adesso.de

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