Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit

Autor: Kai Grunwitz, Geschäftsführer der NTT Ltd. in Deutschland

Verzicht oder doch lieber grünes Wachstum: Wie retten wir die Welt?     

Kann unsere Wirtschaft beständig weiterwachsen angesichts des Klimawandels und der Umweltverschmutzung, die sich überall auf der Welt verschärfen? Über die Notwendigkeit einer nachhaltigeren Entwicklung und den Übergang zu einer ressourcensparenden Produktions- und Lebensweise wird seit Jahren debattiert. Die Diskussion wird oftmals mit der Forderung verbunden, künftig gänzlich auf Wirtschaftswachstum zu verzichten oder dieses zumindest in den Industrieländern deutlich zurückzufahren. Während die einen also ein Nullwachstum verlangen und damit politisch und gesellschaftlich für Zündstoff sorgen, plädieren die anderen für ein „grünes Wirtschaftswunder“ unter Zuhilfenahme von Zukunftstechnologien.

Politiker europäischer Staaten wollen durch den Umstieg auf erneuerbare Energien, die Förderung der Kreislaufwirtschaft und eine immer effizientere Nutzung von Ressourcen Wirtschaftswachstum und Umweltschäden mehr oder weniger voneinander entkoppeln. Auch die deutsche Bundesregierung hat dieses Leitmotiv unter dem Schlagwort „klimaneutraler Wohlstand“ in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen So soll es gelingen, dass die Wirtschaft weiterwachsen kann, Wohlstand gesichert wird und gleichzeitig negative Folgen für die Umwelt zurückgehen.

Fakt ist, unser Wirtschaftssystem muss nachhaltiger werden. Soll man dafür das herrschende Paradigma grundsätzlich über Bord werfen? Nein, das ist unrealistisch. Unternehmen sind nun einmal auf Wachstum ausgerichtet. Zudem wäre es fragwürdig und kaum vertretbar, Vorteile des technischen Fortschritts, den wir seit Jahrzehnten genießen, Menschen in weniger entwickelten Regionen zu verweigern.

Wir sind in einer Situation, in der sich die Weltwirtschaft in den nächsten 20 Jahren etwa verdoppeln wird, weil die Weltbevölkerung entsprechend wächst. Deshalb ist die entscheidende Herausforderung, den Sprung zu einem Wachstum im Einklang mit der Natur zu schaffen. Und hier vertraue ich auf einen grundlegenden Glaubenssatz der ökonomischen Schule: Jede Nachfrage schafft sich ihr Angebot. Nachhaltigkeit ist längst aus der früheren Nische in den Mainstream gewandert. Der breite Markt verlangt sie heute – nicht nur die oft zitierten Millennials, sondern auch immer mehr andere Bevölkerungsgruppen interessieren sich für nachhaltige und umweltverträgliche Produkte. Wer diesen Trend verschläft, sieht neben der Konkurrenz schnell ziemlich alt aus.


“Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, eine umweltfreundlichere Alternative zu finden. Es geht darum, die gesamte Gesellschaft umzugestalten. “

Kai Grunwitz

Dieses Bewusstsein der Verbraucher für die ökologischen Folgen ihres Konsums setzt die Industrie unter Druck. Sie muss, Produktions- und Lieferketten nachhaltig aufbauen, indem sie soweit wie möglich den Energieverbrauch reduziert, umweltfreundliche Materialien verwendet und eine Kreislaufwirtschaft etabliert, was wiederum Rohstoffe schont und unnötige Abfälle reduziert. All diese Maßnahmen sind notwendig, denn sie helfen, die unmittelbaren Auswirkungen des eigenen Handelns zumindest abzuschwächen. Umso mehr sind deshalb die vielbeschworenen Öko-Innovationen gefragt, die per Definition zu einer nachhaltigeren Entwicklung beitragen. Und hier kann Digitalisierung eine große Triebfeder sein: Durch eine neue Art der Energieproduktion und des Städtedesigns sowie durch eine fundamentale Veränderung der industriellen Produktionsweise und Landwirtschaft.

Intelligente Mobilitätskonzepte, dank derer wir künftig sicherer, effizienter und nachhaltiger unterwegs sind, sind wahrscheinlich das prominenteste Beispiel dafür. Fahrzeuge werden untereinander, mit anderen Devices, mit der Verkehrsinfrastruktur und mit Plattformen vernetzt sein, sodass das automatisierte Fahren Schritt für Schritt Realität wird. Dabei gilt: Je mehr Daten zu Verkehrslage und Fahrverhalten zur Verfügung stehen, desto effizienter kann die Mobilität der Zukunft gestaltet werden. Denn erst durch einen allumfassenden Datenaustausch entsteht ein sich selbst steuerndes System der Echtzeit-Verkehrsplanung, der On-Demand-Verfügbarkeit und der bedarfsgerechten Intermodalität, um so die Mobilitätsströme optimal zu steuern und gleichzeitig im Kontext der Debatte um Luftreinheit und Klimawandel die CO2-Bilanz in Städten zu verbessern. Denn Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, eine umweltfreundlichere Alternative zu finden. Es geht darum, die gesamte Gesellschaft umzugestalten. Und hier müssen wir die Angst verlieren, neue Wege zu gehen.


“Ein nachhaltiges Wachstum wird allein durch eine fehlende Innovationsfreudigkeit begrenzt sein, mit weniger natürlichen Ressourcen mehr menschliches und gesellschaftliches Wohlergehen zu schaffen.”

Kai Grunwitz

Für mich passen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit also sehr wohl zusammen. Um allerdings den sogenannten Rebound-Effekt zu vermeiden, sollten wir die gesellschaftliche Verantwortung durchaus stärker hinterfragen. Jedoch gilt auch festzuhalten, dass dies nicht immer genügen mag. Aus diesem Grund ist es gut und nachvollziehbar, dass neue regulatorische Vorgaben, zudem der Druck auf die Wirtschaft erzeugen. Das Lieferkettengesetz steht nur exemplarisch dafür. Große Firmen müssen künftig ihren unternehmerischen Sorgfaltspflichten gerecht werden und bei ihren weltweiten Zulieferern sowohl für die Einhaltung der Menschenrechte als auch den Schutz der Umwelt geradestehen.

Nachhaltiger zu produzieren kann aufwendiger sein, ein solches Gesetz schafft bei konsequenter Anwendung gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle und wird die Bereitschaft, unternehmerisches Wirtschaften mit ökologischen und sozialen Aspekten zu kombinieren, steigern. Nachhaltigkeit und ein digitales Wirtschaften können sehr wohl Hand-in-Hand gehen. Ein nachhaltiges Wachstum wird allein durch eine fehlende Innovationsfreudigkeit begrenzt sein, mit weniger natürlichen Ressourcen mehr menschliches und gesellschaftliches Wohlergehen zu schaffen.

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