„Wir müssen uns unserer Verantwortung stellen“

Die TREND-REPORT-Redaktion spracht mit Marcus Sultzer, Mitglied des Vorstands der EQS Group, zum Entwurf des Lieferkettengesetzes auf EU-Ebene. Marcus Sultzer gehört seit 2018 dem Vorstand der EQS Group AG an. Als Vorstandsmitglied ist er verantwortlich für die globalen Umsätze, Marketing sowie Produkte und Partnerschaften.

Herr Sultzer, inwiefern geht der aktuelle Entwurf des EU-Lieferkettengesetzes über das bereits existierende deutsche Pendant hinaus, das Anfang 2023 in Kraft tritt?
Die EU-Kommission setzt mit dem Entwurf ihrer Richtlinie zum Schutz der Umwelt-, Klima- und Menschenrechte deutlich strengere Maßstäbe als das deutsche Lieferkettengesetz. Das beginnt bereits damit, dass wesentlich mehr Unternehmen betroffen sind. Unter die EU-Regelungen fallen Unternehmen mit mindestens 500 bzw. bereits 250 Mitarbeitenden, wenn diese in einer Risikobranche wie etwa der Textilindustrie tätig sind. Das deutsche Gesetz greift dagegen im ersten Schritt erst bei Gesellschaften ab 3.000, ab 2024 dann ab 1.000 Beschäftigten. Aus unserer Sicht sind aber zwei andere Punkte noch viel bedeutender.

Auch für viele Bewerber und Bewerberinnen ist Nachhaltigkeit mittlerweile ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers.

Marcus Sulzer

Welche sind das?
Während die Anforderungen des deutschen Gesetzes sich auf die direkten Zulieferer beschränken, verlangt die EU von den Unternehmen, die gesamte Wertschöpfungskette im Auge zu behalten. Dadurch wird die Prüfung natürlich erheblich komplexer. Wird hierbei die Sorgfaltspflicht verletzt, besteht zudem die Gefahr, auf Schadensersatz verklagt zu werden. Denn im EU-Entwurf ist eine Haftungsklausel enthalten, die in Deutschland am Widerstand der Wirtschaftsverbände scheiterte.

Marcus Sulzer: „Es ist höchste Zeit, dass wir alle unserer sozialen Verantwortung gerecht werden.“

Warum ist es auch für kleinere Unternehmen wichtig, die Vorgaben zu erfüllen?
Auch viele kleine Gesellschaften, die nicht unmittelbar unter die EU-Regelungen fallen, sind Glieder von Lieferketten, da sie Rohstoffe oder Vorprodukte liefern. Sie müssen daher davon ausgehen, dass ihre großen Kunden sie verpflichten werden, ihre Wertschöpfungsketten lückenlos zu dokumentieren – ansonsten drohen ihnen Wettbewerbsnachteile. Hierfür sollten frühzeitig die Weichen gestellt werden, denn es bedeutet einen großen organisatorischen Aufwand, über Ländergrenzen oder sogar Kontinente hinweg darzulegen, wie bei der Produktion beispielsweise der Schutz der Menschenrechte und die Einhaltung von Umweltstandards gewährleistet wird.

Was können Sie in dieser Hinsicht für Ihre Kunden leisten?
Hier bedarf es angesichts der vielfältigen Herausforderungen tatsächlich eines ganzheitlichen Ansatzes. Die zentrale Vorgabe des EU-Lieferkettengesetzes ist ein Beschwerdeverfahren. Diesen Prozess bilden wir mit unserem digitalen Hinweisgebersystem Integrity Line ab, das viele Vorteile bietet: Es wahrt die Vertraulichkeit und den Datenschutz, kann problemlos relevanten externen Personen zur Verfügung gestellt werden, und es ermöglicht die saubere Dokumentation der Vorgänge. Des Weiteren arbeiten wir daran, in unserem Compliance-Cockpit in Kürze auch für die übrigen Vorgaben der EU-Richtlinie effiziente Workflows bereitzustellen – im Fokus stehen dabei vor allem die Risikoanalyse und das Risikomanagement, die Geschäftspartnerprüfung sowie das Reporting und die damit verbundenen Pflichten.

Letztlich ist es aber nicht nur die Legislative, die derartige Entwicklungen antreibt. Auch immer mehr Investoren erwarten verantwortungsvolles Wirtschaften.
Das ist richtig, neben Kunden, Mitarbeitenden und Geschäftspartnern verlangen auch Investoren vermehrt ein klares Bekenntnis zu den relevanten ESG-Standards. Aber auch für viele Bewerber und Bewerberinnen ist Nachhaltigkeit mittlerweile ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen oder die Einhaltung ethischer Grundsätze innerhalb der eigenen Lieferkette sollte deshalb transparent kommuniziert werden. Es wird für Unternehmen ohne eine klare Positionierung ansonsten immer schwerer, erfolgreich am Markt zu agieren.

Welche grundsätzlichen Ratschläge möchten Sie unseren Lesern daher mit auf den Weg geben?
Es ist höchste Zeit, dass wir alle unserer sozialen Verantwortung gerecht werden. In den Unternehmen sollte man sich daher, unabhängig von den zukünftigen regulatorischen Vorgaben, bereits jetzt fragen: Was ist unser gesellschaftlicher Beitrag? Wie unterstützen wir den Kampf gegen den Klimawandel? Und nicht zuletzt: Wie stellen wir die Einhaltung ethischer Standards in unserem geschäftlichen Alltag sicher? Es ist keine leichte Aufgabe, hier die internen Prozesse anzupassen oder umzustellen, aber es gibt dazu keine Alternative, denn verantwortungsvolles Handeln ist mittlerweile ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.


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