Wie wir die Kreislaufwirtschaft neu denken müssen

Was verstehen Sie unter Kreislaufwirtschaft und wie wirkt sich das auf Ihr Leben aus? Im persönlichen Lebensraum gibt es viele unterschiedliche Arten einen Beitrag zu leisten, von Mülltrennung, über öffentliche Verkehrsmittel, bis hin zu verhaltenem Konsum und Erziehung der eigenen Kinder.

Laut dem europäischen Parlament definiert sich die Kreislaufwirtschaft wie folgt:
“Die Kreislaufwirtschaft ist ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt […] und recycelt werden. Auf diese Weise wird der Lebenszyklus der Produkte verlängert.”

Für Menschen, die zahlenaffin sind, gibt es eine geeignetere Definition: Jener Anteil des Rohstoff Konsums, der durch recycelte Rohstoffe gedeckt wird.
In einer mathematischen Formel dargestellt sieht diese Definition wie folgt aus, für einen ausgewählten Bilanzraum:

[Menge an Rohstoffen aus der Kreislaufwirtschaft] / [Gesamtmenge an verbrauchten Rohstoffen] = ZIRKULARITÄT [%]

Die errechnete Zirkularität liegt weltweit bei rund 8,6% und die theoretische Grenze sehen ExpertInnen bei rund 50%. Die Zirkularität hat sich von 2007-2015 beinahe halbiert. 


“Nur durch Transparenz und Effizienz können wir individuelle Kreisläufe schließen und somit Rohstoffe bestmöglich wiederverwerten”

David Mattersdorf

Nach dem Motto “Measure what you want to manage!” stellt sich im Anschluss die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, die Kreislaufwirtschaft anzukurbeln, nachdem mehrere Jahrhunderte lang die “lineare Ökonomie” optimiert und betrieben wurde und noch immer betrieben wird. Aktuell gibt es eine Unzahl an Ideen und Unternehmungen, um die Kreislaufwirtschaft der Zukunft zu gestalten.

Folgende Punkte bleiben dabei immer gleich:

1. Materialeinsatz: Sekundärrohstoffe haben bereits einen Lebenszyklus hinter sich und verursachen nicht erneut Emissionen durch deren Herstellung. Darüber hinaus ist bereits beim eingesetzten Rohstoff auf die Nachhaltigkeit in den nachfolgenden Lebensabschnitten zu achten.
2. Lebenszyklen: Je länger ein Material bzw. ein Produkt eingesetzt werden kann, je öfter es wiederverwendet werden kann, je öfter es recycelt werden kann und umso weniger Material während der einzelnen Schritte verloren geht, desto effizienter ist die Nutzung.
3. System- und Produkteigenschaften: Am Ende der Lebensdauer eines Produkts hängt es von dessen Eigenschaften und den Systemeigenschaften ab, ob es recycelt wird. Hierbei spricht man von der theoretischen (1), technischen (2) und praktischen (3) Recyclingfähigkeit.
4. Netzwerk: Die Vernetzung aktueller Stakeholder der Kreislaufwirtschaft stellt vermutlich die wirkungsvollste und gleichzeitig anspruchsvollste Maßnahme dar. Nur ein offenes und transparentes System entlang des Wertschöpfungskreises kann jederzeit den effizientesten Kreislauf aufzeigen. Das Vernetzen der verfügbaren Daten ist die einzige Möglichkeit, vorherrschende Bedingungen der im Kreislauf befindlichen Materialien mit der besten Verwertungsmöglichkeit zu verbinden.Diese Eigenschaften stellen mitunter eine der wichtigsten Schnittstellen in der Kreislaufwirtschaft dar und werden im folgenden Beispiel kurz erklärt.

Wir wurden als Firma Cyrkl von einer internationalen Handelskette damit beauftragt, Produkte von Eigenmarken auf deren Nachhaltigkeit zu überprüfen. Theoretisch (1) waren die Produkte zu 100% recyclingfähig, da sich alle Komponenten sauber voneinander trennen ließen und keine außerordentlichen Verunreinigungen aufzeigten. Technisch (2) waren die Produkte nur teilweise recyclingfähig, da ohne Vorbehandlung die Verpackungen mit einem Ölfilm überzogen waren, wodurch etwaige Sortier-Mechanismen gestört wurden. Praktisch (3) waren die Produkte nicht recyclingfähig, da Sammel- und Sortiersysteme in der Umgebung nicht in der Lage waren, den eingesetzten Rohstoff zu sammeln. Auf gemeinsame Anstrengungen hin konnte ein Produkt entworfen werden, welches in Kooperation mit ausgewählten Abnehmern und Verwerten eine 100% praktische Recyclingfähigkeit ermöglicht. Langfristig konnten durch die im Kreis geführten Materialien mehrere hunderttausende Tonnen CO2 pro Standort jährlich eingespart werden.

Schematische Darstellung der Kreislaufwirtschaft und deren Einflussfaktoren

Die Praxis zeigt, dass der nachhaltigste Entsorgungs- bzw. Verwertungsweg oft näher ist als vermutet wird und sich in der Regel für die meisten Stoffströme eine kreislauffähige Lösung finden lässt. Auch wenn Ideen zur Kreislaufwirtschaft, wie ein einheitliches globales System und gleichmäßig verteilte Möglichkeiten zur Umsetzung, noch auf sich warten lassen, gibt es bereits viele bestehende, solide Optionen unsere Zirkularität ein paar Prozente nach oben zu treiben und dort sollten wir anfangen

Wir erleben aktuell die Konsequenzen unseres Wirtschaftens der letzten Jahrhunderte, welches zu Wohlstand und Reichtum geführt hat. Wenngleich der verbleibende Zeitraum, aktuelle Entwicklungen umzukehren, schnell weniger wird, gab es noch nie so viele Mittel und Einigkeit dies zu tun. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir gerade den Beginn einer neuen, positiven Zeitwende erleben.

“Je früher Unternehmen und auch Personen beginnen, sich auf diese neue Zeit einzustellen und nachhaltig zu wirtschaften, desto größer wird deren Vorsprung in der Zukunft auch sein.”

David Mattersdorfer

David Mattersdorfer ist Manager und Partner für die Länder Österreich, Deutschland und Schweiz für Cyrkl.

Über den Autor:

David Mattersdorf leitet mit seinem Team von Wien aus die Geschäftstätigkeiten für das Unternehmen. Mit über 5 Jahren Erfahrung in der deutschsprachigen Abfallwirtschaft heben er und sein Team die Kreislaufwirtschaft und den Handel mit Sekundärrohstofffen auf die nächste Ebene. Nach dem abgeschlossenen Studium an der Montanuniversität Leoben (AT) und 3 Jahren als Manager im Bereich Polymer Trading konnte David als Jungunternehmer in die Recyclingindustrie bzw. Beratung & Vermittlung eintauchen. 2020 fusionierte er sein Unternehmen mit Cyrkl und ist seitdem gemeinsam mit seinem Team das deutschsprachige Standbein im Unternehmen.


Creative Commons Lizenz CC BY-ND 4.0

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