Wie steht es mit der Elektromobilität in Deutschland?

Ist Deutschland E-Mobilitätsland? Fakt ist: Es tut sich einiges. Automotive-Experte Dr. Stephan Blankenburg von Q_PERIOR über Fortschritte bei der Lade-Infrastruktur, Batterietechnologien und E-Mobilität als Generationenfrage.

Alternative Antriebstechnologien nehmen in Deutschland Fahrt auf. Das zeigen die Zahlen: Allein im Juni 2020 wurden rund 52.000 Pkw mit Hybrid-Antrieb zugelassen, ein Zuwachs von 144 Prozent zum Vorjahresmonat.[1] Auch bei den Elektroautos gibt es Erfreuliches zu berichten: Die Anzahl der Neuzulassungen hat sich seit 2015 fast verdreifacht. Seit Jahresbeginn wurden rund 77.200 Autos zugelassen.[2] Daraus lässt sich schließen, dass die grundsätzliche Bereitschaft zum alternativen Antrieb vorhanden ist. In vielen Fällen dürften die Kaufprämien von Bund und Herstellern im Zuge der Corona-Pandemie den entscheidenden Impuls für die Anschaffung gegeben haben.

E-Mobilität in Deutschland kommt also langsam in den Köpfen an. Doch noch ist es zu früh, von einer generellen Bereitschaft zum Wechsel zum E-Auto zu sprechen. Woran liegt das? Ein wichtiger Grund neben dem Kaufpreis ist die Reichweite der Fahrzeuge. Die Befürchtungen, nur kurze Strecken fahren zu können oder irgendwo mit leerem Akku zu stranden, sind weiterhin groß. Letztlich sind es auch Hürden in den Köpfen, die abgebaut werden müssen. Das ist nicht nur eine technologische Frage, sondern insbesondere eine des Erlebnisses vom Fahren bis hin zum Laden.

Die Ladeinfrastruktur einfacher für den Nutzer gestalten

Mit der Ladeinfrastruktur für Elektroautos ist es ein bisschen wie mit der Henne und dem Ei. Lange ging der Ausbau schleppend voran, weil der Bedarf gering blieb. Nun aber sehen wir eine positive Entwicklung: die Anzahl der Ladestationen im deutschen Straßennetz wächst. Weltweit hat sich die Zahl der Stationen in den vergangenen fünf Jahren vervierfacht.[3]

Ebenso wichtig ist das Laderlebnis. Aktuell ist es noch kompliziert und vor allem uneinheitlich, an der jeweiligen Ladesäule den passenden Tarif oder eine passende Bezahlmöglichkeit zu wählen. Jeder Ladesäulenanbieter hat seine eigene Ladekarte und seine eigenen Tarife in Abhängigkeit unter anderem von Ladedauer oder der Ladeart (u.a. Wechsel- oder Gleichstrom). Zwar bieten Portale für Ladesäulen hier Orientierung, dennoch ist eine längere Fahrt mit dem E-Auto mit Mühen und sorgfältiger Vorausplanung verbunden. Überquert man dann noch innereuropäische Grenzen, bräuchte man gleich mehrere Ladekarten für die unterschiedlichen Anbieter in den jeweiligen Ländern. Außerdem können im In- und Ausland Roaming-Gebühren anfallen, ebenfalls eine potenzielle Kostenfalle. All das schreckt ab.

Hier Abhilfe zu schaffen, hat sich unter anderem die Digital Charging Solutions zum Ziel gesetzt. Das Joint Venture von BMW und Daimler entwickelt öffentliche Ladelösungen als Whitelabel-Produkt für Automobilhersteller und Flottenbetreiber und arbeitet daran, die Komplexität im Markt der Ladesäulenanbieter, den sogenannten Charge Point Operators (CPO), für uns Nutzer zu verstecken. Damit sollen Fahrer von E-Autos weltweit unkompliziert öffentliche Ladestationen sowie vereinheitlichte Stromtarife nutzen können – analog zu herkömmlichen Tankstellen, die ebenfalls weltweit standardisiert sind. Auf diese Weise wäre ein entscheidender Vorteil von Verbrenner-Autos beim Tank- beziehungsweise Ladeerlebnis aufgeholt.

Eine Frage der Batterie

In der Forschung und Entwicklung von Batterietechnologien geht es ebenfalls voran. Entwickelt werden Batterien, die schneller geladen werden können, eine größere Reichweite ermöglichen und auch bei großer Belastung nicht zu schnell altern. Dabei entwickelt sich die Feststoffbatterie als ernstzunehmende Alternative zum heute gängigen Lithium-Ionen-Akku.

Bereits 2017 kündigte VW auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) an, in den kommenden Jahren 50 Milliarden Euro in die Batterieforschung und -entwicklung zu stecken. Erst vor kurzem, im Juni 2020, gab der Autoriese bekannt, weitere 200 Millionen US-Dollar in einen Batteriespezialisten in den USA zu investieren, um die gemeinsame Entwicklung der Feststoffzellen-Technologie voranzutreiben. Toyota plant, 2025 mit Feststoffbatterien in Serie zu gehen. Das zeigt: Es wird weiterhin investiert, trotz Corona und der damit verbundenen bisherigen Umsatzeinbrüche. Ein gutes Zeichen.

Pionierarbeit im Motorsport

Auch der Blick in den Motorsport zeigt, dass Elektromobilität dabei ist, sich weiter zu etablieren. Mittlerweile ist mit der Formel E sogar eine eigene Rennsportsparte für Formelwagen mit Elektromotor entstanden. Im vergangenen Jahr präsentierte Porsche mit dem Taycan Turbo den ersten batterieelektrischen Serien-Sportwagen auf der IAA – ein weiterer Meilenstein für die E-Mobilität. Dass ein Sportwagenhersteller wie Porsche außerdem angekündigt hat, seine Fahrzeuge konsequent zu elektrifizieren, ist ebenfalls Beweis für das Commitment zum Elektroantrieb.

Wie sieht die Zukunft der E-Autos aus?

Um E-Autos weiter zu etablieren, reicht es nicht, nur die jüngeren Generationen mit ihrem ohnehin großen Umweltbewusstsein zu begeistern. Auch die Älteren müssen besser erreicht werden. Hier leisten Hybrid-Modelle gute Vor- und Überzeugungsarbeit, da sie an das Thema alternative Antriebstechnologien heranführen und gleichzeitig den Ausbau der Ladeinfrastruktur weiter fördern.

Zudem hat Corona vieles in Bewegung gebracht. Sollte sich etwa das Arbeiten im Homeoffice langfristig etablieren, wird sich das auf die Verkehrsströme auswirken. Berufspendler und längere Geschäftsreisen könnten weniger werden, die Bereitschaft zum E-Auto dafür steigen. Dafür braucht es eine kluge Stadt- und Verkehrsplanung, die die Ladeinfrastruktur mitdenken muss und eine intermodale Verknüpfung von verschiedenen urbanen Mobilitäten ermöglicht. Ladestationen an P+R-Plätzen wären hier ein denkbares Konzept. Auch die Energieversorger müssen in der Lage sein, den dann wachsenden Strombedarf lokal zu bedienen.

Bis die herkömmlichen Verbrennungsmotoren abgelöst sind, wird es wohl noch lange dauern. Doch die alternativen Antriebstechnologien sind auf einem guten Weg. Und die Vision von Tesla-Gründer und E-Auto-Pionier Elon Musk kann Wirklichkeit werden: Elektromobilität massentauglich zu machen.

Über den Autor

Dr. Stephan Blankenburg ist Associate Partner für den Bereich Automotive bei der international tätigen Unternehmensberatung Q_PERIOR. Er studierte Physik und promovierte im Bereich Nanotechnologie an der Universität Paderborn sowie der École Polytechnique in Paris. Vor seinem Wechsel zu Q_PERIOR im Jahr 2018 war Blankenburg viele Jahre in den Bereichen Strategie-, Organisations- und Prozessberatung sowie für die Bereich Business Development und Technologieentwicklung bei und für verschiedene Unternehmen tätig. Neben seinen Beratungsschwerpunkten aus den Bereichen Strategie, Cultural Change und Digitalisierung interessiert sich Blankenburg für Themen wie Leadership und Future Technologies.


[1] https://de.statista.com/infografik/22498/pkw-neuzulassungen-in-deutschland-nach-kraftstoffarten/, Kraftfahrt-Bundesamt (KBA)

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/244000/umfrage/neuzulassungen-von-elektroautos-in-deutschland/

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/871914/umfrage/anzahl-oeffentlicher-ladestationen-fuer-e-autos-weltweit/

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