Warum Autokonzerne jetzt zu Tech-Companies werden müssen

Corona wirkt auch für den Automobilsektor wie ein Katalysator: Die aktuelle Situation zwingt die Branche zu grundsätzlichen Entscheidungen. Worauf es jetzt ankommt, erläutert Dr. Stephan Blankenburg, Automotive-Experte bei Q_PERIOR.

Ein Gastbeitrag von Dr. Stephan Blankenburg, Associate Partner bei Q_PERIOR

Alternative Antriebstechnologien, digitale Schlüsselthemen (Stichworte: Connected Car und On-Demand-Funktionen), die digitalisierte Produktion oder der weitere Weg in Richtung autonomes Fahren: Der Automobilsektor beschäftigt sich schon lange mit einem breiten Spektrum an entscheidenden Zukunftsthemen. Ein klarer Fokus jedoch war bislang nicht überall zu erkennen. Das wird sich aufgrund von Corona ändern. Corona zwingt die Branche, klare Prioritäten zu setzen: Umsatz- und Gewinneinbrüche führen dazu, dass sich die Automobilkonzerne künftig auf die wirklich wichtigen Kerninnovationen und -märkte konzentrieren müssen. Hinzu kommt die zunehmend starke Konkurrenz aus Asien und den USA. Wohin also geht künftig die Reise im Autoland Deutschland?

Vom traditionellen Automobilhersteller zur Tech-Company

Das immer intelligenter werdende Auto ist die eine Herausforderung, die umfassende Transformation der traditionellen Autokonzerne zu Technologie-Konzernen die andere. Mit letzterer tat sich die Branche trotz aller digitalen Innovationen im Fahrzeug bisher eher schwer. Zu komfortabel war die weltweite Spitzenposition in Sachen Ingenieurskunst und Hardware, bei Karosserie, Fahrwerk und Verbrennungsmotoren.

Das dürfte nun vorbei sein. Asiatische und US-amerikanische Wettbewerber, allen voran Tesla, sind deutlich weiter, was Software und die Digitalisierung von Autos betrifft. Deshalb müssen sich deutsche Autokonzerne spätestens jetzt darauf konzentrieren, ihre alten Stärken mit der Software-Seite zu verheiraten und sich zum Full-Service-Anbieter weiterzuentwickeln. Nur so können sie ihre internationale Vorrangstellung weiterhin behaupten. Denn das Auto wandelt sich immer stärker vom reinen Fahrzeug zum interaktiven All-in-One-Device mit vielen Service-Funktionen. Damit wird es Teil der digitalen Ökosysteme der Kunden. Das wiederum bereitet den Boden für neue Geschäftsmodelle abseits der Autohäuser. Dazu zählen Carsharing-, Unterhaltungsangebote oder digitale Assistenten – Services also, die auch nach Auslieferung des Fahrzeugs verkauft werden können.

Wichtig ist auch die Sicherheit im Auto. Das betrifft neben Knautschzonen ganz zentral die Software. Denn je digitalisierter ein Auto ist, desto anfälliger wird es für Software-Fehler, Ausfälle und Hacker-Angriffe. Hier tragen die Autohersteller also eine große Verantwortung. Entsprechend wichtig sind Cybersecurity und regelmäßige Sicherheitsupdates.

In Zukunft wird also neben der Antriebstechnologie vor allem die Ausgestaltung des Auto-Betriebssystems eine zentrale Rolle spielen. Dafür müssen Autokonzerne ihre bewährten Plattform-Strategien um die Software-Komponente ergänzen.

Diese Rolle spielt der Mensch

Doch mit der Technik allein ist es nicht getan. Um die Transformation zur Tech-Company zu bewerkstelligen, ist ein echter Kulturwandel in den Unternehmen zwingend notwendig. Diese Erkenntnis ist nicht neu, vieles ist auch schon im Umbruch. Um hier Schritt zu halten, muss sich in den Autokonzernen dennoch die interdisziplinäre Herangehensweise stärker durchsetzen. Fachübergreifende Teams werden wichtiger denn je, Silodenken und klassisches Expertentum, das die Industrie lange geprägt hat, sind überholt. Jetzt kommt es auf Flexibilität an, um die Zusammenarbeit neu auszurichten und in den Köpfen zu verankern. Dabei können agile Arbeitsmethoden helfen, inklusive der Verarbeitung von Rückschlägen – kurzum, eine echte Fehlerkultur muss sich (weiter)entwickeln. Doch was einfach klingt, wird ein langer Prozess – nämlich alte Denk- und Verhaltensweisen grundlegend zu verändern. Und eines fällt dabei auf: Blickt man auf die Vorstandsetagen der deutschen Automobilindustrie, so findet man hier kaum IT-Experten. Der Software-Bereich, das heißt die Zukunft des Autos ist nur marginal, wenn überhaupt vertreten. Das macht den Weg zur Tech-Company mit Sicherheit nicht einfacher.

Wichtiger denn je: eine klare Vision

Die Herausforderung ist also, einen Paradigmenwechsel in Gang zu setzen. Dafür braucht es eine klare Vision und idealerweise eine starke Identifikationsfigur mit dem Willen, sie auch umzusetzen. Wer es außerdem schafft, die Belegschaft zu begeistern und mitzureißen, kann echte Veränderungen erreichen. Dann lässt sich auch ein großer Konzern transformieren. Genau das muss die deutsche Automobilindustrie schaffen, um auch für die nächsten 125 Jahre im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Über den Autor

Dr. Stephan Blankenburg ist Associate Partner für den Bereich Automotive bei der international tätigen Unternehmensberatung Q_PERIOR. Er studierte Physik und promovierte im Bereich Nanotechnologie an der Universität Paderborn sowie der École Polytechnique in Paris. Vor seinem Wechsel zu Q_PERIOR im Jahr 2018 war Blankenburg viele Jahre in den Bereichen Strategie-, Organisations- und Prozessberatung sowie für die Bereich Business Development und Technologieentwicklung bei und für verschiedene Unternehmen tätig. Neben seinen Beratungsschwerpunkten aus den Bereichen Strategie, Cultural Change und Digitalisierung interessiert sich Blankenburg für Themen wie Leadership und Future Technologies.

Weitere Informationen unter:
https://www.q-perior.com/

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