Vom Schmerz deutscher Schuldner

Sebastian Ludwig, Geschäftsführer coeo Inkasso GmbH (Deutschland) und CEO D-A-CH der coeo Group GmbH hat sich gemeinsam mit dem Unternehmen Fabit in einer Studie um die Schuldner in Deutschland Gedanken gemacht.

Geld ist und bleibt ein sensibles Thema. Es gibt wenig Daten, wenn es um die Frage geht, wie sehr Schulden den Alltag und die Gesundheit Betroffener belasten, denn Schuldner bleiben weitgehend mit ihren Problemen allein. Eine neue Untersuchung nahm nun Lebensumstände und Schuldensituation genauer unter die Lupe und bringt ans Licht, wo und bei wem der Schuh drückt.

Eines gleich vorweg: Den EINEN Schuldner gibt es nicht. In Deutschland gelten zwar bei Weitem mehr Männer als überschuldet und beantragen auch öfter eine Privatinsolvenz, allerdings scheinen Schulden an sich mehrheitlich ein weibliches Phänomen zu sein: Knapp sechs von zehn befragten Personen sind Frauen. Auch beim Alter überraschen die Ergebnisse: Mehr als ein Drittel der Befragten ist jünger als 29 Jahre und macht damit die größte Gruppe der Schuldner aus.
Der Hauptüberschuldungsgrund bei jungen Menschen ist zumeist die unwirtschaftliche Haushaltsführung[1], also der wiederholt übermäßige und überflüssige Konsum, der über die eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse hinausgeht. Aber auch mangelndes Finanzwissen trägt seinen Teil dazu bei.[2] Dazu zählt zum Beispiel, dass viele junge Menschen nicht wissen, wie sie mit Ratenkäufen und -krediten umzugehen haben oder welche Versicherungen tatsächlich notwendig sind. Fast die Hälfte der befragten Schuldner geht einem geregelten Job nach. Junge Menschen in finanzieller Schieflage stehen noch am Anfang ihrer Karriere, was wiederum ein niedriges Einkommen erklären könnte. Allerdings sagt das Netto-Einkommen nichts darüber aus, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand Schuldner wird. Die Daten zeigen vielmehr, dass die Schuldenhöhe mit steigendem Einkommen eher zunimmt.

Trauriger Fakt: Geldsorgen führen in die Isolation und machen krank

Sebastian Ludwig erhofft sich von der Studie neue Sichtweisen auf das Thema „Schulden haben“.

Finanzieller Stress, Geldsorgen und Schulden belasten Betroffene und wirken sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Der Stress hat einen zerstörerischen Einfluss auf die Beziehungen zu Freunden, Kollegen und innerhalb der Familie. Wenn am Ende des Monats kein Geld mehr übrig ist und auch noch Finanzprobleme die Situation belasten, überkommt viele Betroffene ein Gefühl der Ohnmacht. Fast drei Viertel der Schuldner gibt an, sich allein beim Gedanken an die Finanzen wie gelähmt zu fühlen, empfinden ihren Alltag als massiv eingeschränkt und verzichten auf Anschaffungen und Aktivitäten. Dazu kommt die Sorge, sich lebensnotwendige Ausgaben wie Lebensmittel nicht mehr leisten zu können. Die anhaltenden Preissteigerungen der letzten Monate bei Lebensmitteln und Energie dürften dazu geführt haben, dass mittlerweile noch mehr Menschen diese Ängste teilen. Schulden und Geldprobleme belasten die Betroffenen dabei nicht nur in ihrem sozialen Alltag. Scham, Angst und Wut sind nur einige Gefühle, die Schuldner dabei empfinden, wenn sie über ihre finanzielle Situation nachdenken. Aber auch Trägheit, Traurigkeit und das Nichtvorhandensein von Zuversicht führen unweigerlich zu einem psychischen und emotionalen Erschöpfungszustand. Immerhin geben sechs von zehn der befragten Betroffenen an, auch psychisch unter ihrer Situation zu leiden. Depressionen, Angstzustände und Burn-out sind keine Seltenheit. Viele berichten zudem von körperlichen Problemen wie Appetitlosigkeit, Schmerzen und Schlafproblemen. Erkrankungen, Sucht und Unfälle zählen zu den Hauptauslösern von Schulden und Überschuldung. Dass aber auch Schulden krank machen können, ist vielen nicht klar.[3] Umso wichtiger ist es, den Menschen dabei zu helfen, aus ihrem finanziellen Dilemma herauszukommen.

Schulden beeinflussen auch die persönliche Einstellung zu Geld und Finanzthemen. Bei Schuldnern überwiegen negative Assoziationen zu diesen Themen stark. Das Finanzverhalten wird in erster Linie im Elternhaus erlernt. Beobachten Kinder dieses in der Familie, ist die Wahrscheinlichkeit, es später zu übernehmen, groß.


Quellen:

[1] Statistik zur Überschuldung privater Personen 2020, DESTATIS Statistisches Bundesamt, Statistik zur Überschuldung privater Personen – Fachserie 15 Reihe 5 – 2020 (destatis.de)

[2] Statistik zur Überschuldung privater Personen 2020, DESTATIS Statistisches Bundesamt, Statistik zur Überschuldung privater Personen – Fachserie 15 Reihe 5 – 2020 (destatis.de)

[3] Statistik zur Überschuldung privater Personen 2020, DESTATIS Statistisches Bundesamt, Statistik zur Überschuldung privater Personen – Fachserie 15 Reihe 5 – 2020 (destatis.de)


Zur Studie

Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage des Berliner Instituts für Innovationsforschung GmbH (BIFI) im gemeinsamen Auftrag der Fabit GmbH und der coeo Group, an der 364 SchuldnerInnen zwischen dem 07.02.2022 bis 22.02.2022 teilnahmen. Zugelassen zur Studie wurden nur solche Personen, die im Erhebungszeitraum Schulden hatten und in den letzten sechs Monaten Mahnungen, Inkassoschreiben, Zahlungsaufforderungen und/oder Zwangsvollstreckungen erhalten haben.


Über den Autor

Sebastian Ludwig startete seinen beruflichen Werdegang im Forderungsmanagement im Jahr 2000 bei der Deutschen Telekom. Elf Jahre später wechselte er als Head of Sales zur Tesch Unternehmensgruppe (Lowell Group), wo er erst zum Chief Sales Officer aufstieg und später zum Geschäftsführer ernannt wurde. 2018 startete er bei der coeo Inkasso GmbH als Management Director, um das Unternehmen bei seinem Wachstum auf dem deutschen und internationalen Markt zu unterstützen und übernahm 2020 die Leitung als CEO DACH der international agierenden coeo Group.


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