Vom Herzinfarkt zur Geschäftsidee

Meik Baumeister zeigt mit seinem Start-up Cardisio eine neue Herangehensweise an eine Volkskrankheit: Herz-Kreislauferkrankungen.

Noch immer sterben die meisten Menschen in Deutschlang Jahr für Jahr an Herz-Kreislauferkrankungen. Eine der Ursachen für die hohen Todeszahlen: Bis vor kurzem existierte keine Methode zur frühzeitigen Diagnose von Herzerkrankungen, die gleichermaßen präzise und einfach zu handhaben ist. Die gebräuchlichste Untersuchungsmethode im Bereich der Herzvorsorge ist bis dato das EKG. Was die wenigsten Patient:innen wissen: Dieses Standartverfahren ist inzwischen über 100 Jahre alt und besitzt nur eine geringe diagnostische Aussagekraft, sodass Erkrankungen des Herzens häufig unerkannt bleiben. Ein Herz-CT bzw. eine Herzkatheteruntersuchung hingegen sind zwar sehr präzise, allerdings vergleichsweise teuer und aufwändig. Darüber hinaus sind beide Verfahren für die Patient:innen zu belastend, um sie ohne konkreten Verdacht durchzuführen, was Ärzt:innen bislang vor ein Dilemma stellte. Die Lösung dieses Problems liefert nun die sogenannte „Cardisiographie“ (CSG) des Medizin-Start-ups Cardisio aus Frankfurt.

Die neue Ära der Herzvorsorge ist dreidimensional

Bei der Cardisiographie handelt es sich um eine neue Screening-Methode zur frühzeitigen Erkennung koronarer Herzerkrankungen. Das Verfahren ist nicht-invasiv, ähnlich unkompliziert und schnell durchführbar wie ein EKG, aber dank KI dennoch hochpräzise. Im Gegensatz zum Standardverfahren EKG (Elektrokardiogramm), welches die Herzströme lediglich zweidimensional erfasst, baut die Cardisiographie auf dem Prinzip der Vektorkardiologie auf, welches die dreidimensionale Visualisierung der elektrischen Herzaktivität ermöglicht. Die Ergebnisse der Datenaufnahmewertet ein patentierter Algorithmus aus, der zuverlässig in der Lage ist, Muster von Herzerkrankungen zu erkennen.

Cardisio-Gründer Meik Baumeister: Herzinfarkt im Alter von 32

Traurig, aber wahr: Den Anstoß zur Entwicklung der Cardisiographie und der Gründung von Cardisio gab der Herzinfarkt von Meik Baumeister, einem der Unternehmensgründer. Der damals erst 32 Jahre alte Coesfelder war immer sportlich, schlank und bis dato ohne größere gesundheitliche Beschwerden. Zum Glück reagierte Baumeister dennoch genau richtig, als er sich an einem Samstagnachmittag aus heiterem Himmel unwohl fühlte, ihm der kalte Schweiß ausbrach und er ein bislang unbekanntes Panikgefühl aus der Bauchregion aufsteigen spürte. Trotz der diffusen Symptomatik suchte der IT-Experte umgehend den ärztlichen Bereitschaftsdienst auf. Gerade erst in der Klinik angekommen, erlitt er in Anwesenheit des diensthabenden Arztes einen schweren Vorderwandinfarkt. Baumeister wurde daraufhin sofort in die benachbarte Klinik eingeliefert, wo die verstopfte Arterie per Katheter und mit Hilfe eines Stents wieder geöffnet wurde. Die Diagnose: koronare Herzkrankheit – und das mit erst 32 Jahren. Allein die Tatsache, dass zwischen dem eigentlichen Infarkt und dem Katheter-Eingriff lediglich eine Dreiviertelstunde lagen, rettete Meik Baumeister das Leben, denn bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute.

Arteriosklerose blieb bei Standart-Check-Up unerkannt

Was Meik Baumeister besonders irritierte: Trotz seines jungen Alters ging er vor seinem Infarkt bereits regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen bei seinem Hausarzt, der ihm stets einen guten gesundheitlichen Zustand attestierte. So musste das spätere Cardisio-Gründungsmitglied am eigenen Leib erfahren, was nur den wenigsten bekannt ist: Zum einen handelt es sich bei den meisten Herzerkrankungen um schleichend voranschreitende Prozesse, die meist solange unerkannt bleiben, bis es zum ersten und oftmals leider tödlichen Symptom kommt – dem Herzinfarkt. Zum anderen sind die traditionellen Untersuchungsmethoden wie das EKG nicht in der Lage, eine koronare Herzkrankheit zu erkennen und somit auch nicht besonders aussagekräftig, wenn es um die Vorhersage eines Herzinfarkts geht. Wesentlich präzisere Diagnosen lassen sich mit Technologien wie MRT oder CT erstellen. Allerdings sind diese Verfahren für einen rein prophylaktischen Einsatz in der Vorsorge viel zu aufwändig und teuer. Aus diesem Grund wird insbesondere bei symptomfreien Patienten wie auch Meik Baumeister eine koronare Herzerkrankung und somit ein erhöhtes Herzinfarktrisiko oftmals nicht erkannt.

Hochgenau und leicht interpretierbare Ergebnisse dank KI

Von der sehr viel präziseren Methode der Vektorkardiographie erfuhr Baumeister erst über Prof. Dr. Gero Tenderich, Kardiologe, Experte für Vektorkardiographie und ebenfalls Mitgründer von Cardisio. Das Problem des Verfahrens: Da die komplexen Vektorinformationen nur von geschulten Expert:innen interpretiert werden können, wurde das Verfahren lange Zeit lediglich zur Klärung besonderer Fragestellungen verwendet. Eine Tatsache, die Baumeister und Tenderich ändern wollten, um eine so einfache wie präzise Form der Herzvorsorge zu ermöglichen. Ihr Plan: die Vektorkardiographie in der Breite anwendbar zu machen. Das Ergebnis war die Gründung von Cardisio und die Entwicklung der Cardisiographie. Bei der neuen Screening-Methode analysiert die künstliche Intelligenz mittels Algorithmen die aufgenommenenHerzdaten und bereitet die daraus resultierenden Ergebnisse innerhalb weniger Minuten leicht nachvollzieh- und interpretierbar auf. So ist auch nicht speziell geschultes Personal in der Lage, kranke und gesunde Herzen voneinander zu unterscheiden – ein Aspekt, der beim aktuellen Fachkräftemangel besonders ins Gewicht fällt.

Neben der leichten Interpretierbarkeit hat die Cardisiographie noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil: sie ist schnell. Dank der Methode kann innerhalb von weniger Minuten geklärt werden, wie es um die Herzgesundheit der Patient:innen bestellt ist und eine entsprechende Therapie – falls erforderlich – entsprechend schnell eingeleitet werden. Bei der konventionellen Diagnostik hingegen können durchaus mehrere Monate vergehen, bis ein endgültiges Ergebnis vorliegt – Zeit, die viele Patient:innen nicht haben. Im konkreten Fall von Meik Baumeister hätte eine Cardisiographie seine damals bereits bestehende Arteriosklerose frühzeitig erkannt und sein Herzinfarkt mit entsprechender Medikation höchstwahrscheinlich verhindert werden können. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat das Team von Cardisio ehrgeizige Ziele für die nahe Zukunft: In spätestens fünf Jahren will das Team die Cardisiographie soweit etabliert haben, dass sie zur weltweiten Standardmethode für das Screening von Herzkrankheiten geworden ist. Damit hätte das EKG in der Herzvorsorge endgültig ausgedient.


Über den Autor:

Meik Baumeister (Co-founder und CEO Cardisio) hat über 20 Jahre Erfahrung in der Umsetzung von komplexen IT-Projekten und Führung von IT-Unternehmen. Angefangen als Berater für Business Intelligence und CRM, führte ihn sein Werdegang als Geschäftsführer zu mehreren mittelständischen IT-Häusern in ganz Deutschland (u.A. 7N, IMPAQ Group). Eine besondere Expertise weist Meik Baumeister in den Bereichen E-Health, Kardiologie und Künstliche Intelligenz auf. Zudem war er erfolgreich am personellen Aufbau von jungen Start-ups und im Markeneintrittsmanagement beteiligt.


Aufmacherbild / Lizenz: Photo by Alexandru Acea on Unsplash 


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