Regenerative Landwirtschaft ist ein Gewinn

Juliana Jaramillo ist die globale Leiterin für regenerative Landwirtschaft bei der Rainforest Alliance. Sie zeigt auf, wie nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen in der Landwirtschaft von der regenerativen Landwirtschaft profitieren können.

Die Beweise sind eindeutig: Die konventionelle Landwirtschaft ist einer der weltweit größten Verursacher des Klimawandels und des Verlusts der biologischen Vielfalt, und uns läuft die Zeit davon, ihre negativen Auswirkungen umzukehren. Doch durch Rückbesinnung zur Natur und auf unsere indigenen Wurzeln haben wir die Möglichkeit, diese Krise zu bewältigen. Und zwar durch die Art und Weise, wie die Welt Landwirtschaft betreibt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben wir einen dramatischen Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion erlebt. Diese so genannte “Grüne Revolution” hat zwar das Versprechen eingelöst, die Ernährungssicherheit und die Produktion in einigen Teilen der Welt zu verbessern, aber sie hat auch einen hohen Tribut an unseren Planeten gefordert. Da die Landwirtschaft die Hälfte der weltweit bewohnbaren Fläche beansprucht, sind rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.

Konventionelle Anbaumethoden wie der übermäßige Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden und das schonungslose Pflügen haben eine weitere Kette negativer Auswirkungen ausgelöst, darunter eine extreme Wasser- und Bodenverschmutzung (schätzungsweise 25 Prozent der Ackerböden weltweit sind geschädigt). Als wäre das noch nicht genug, ist die Landwirtschaft auch für 24 Prozent aller vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Unterm Strich muss unser Agrarsystem dringend überarbeitet werden. Aber was wäre, wenn unser globales Agrarsystem nicht nur die Schäden für die Gesundheit der Erde verringern, sondern diese sogar verbessern könnte, während es gleichzeitig eine wachsende Bevölkerung ernährt und den Landwirt:innen zu einer besseren Lebensgrundlage verhilft?

Hier kommt die regenerative Landwirtschaft ins Spiel: ein Naturschonungs- und Rehabilitationskonzept für die Nahrungsmittelproduktion. Dabei werden spezielle landwirtschaftliche Praktiken wie die Steigerung der Pflanzenvielfalt und die integrierte Schädlings- und Unkrautbekämpfung eingesetzt. Somit werden nicht nur die Qualität und der Ertrag der Pflanzen verbessert, sondern auch das Land und die Ökosysteme, auf denen die Pflanzen angebaut werden. Der Übergang zu regenerativen Praktiken kann damit beginnen, dass Landwirt:innen bestimmte Arten von Bäumen oder Sträuchern neben oder zwischen den Kulturen pflanzen.

Diese Agroforsttechnik kann die Kohlenstoffbindung steigern und gleichzeitig die biologische Vielfalt erhalten sowie die Fruchtbarkeit und Gesundheit des Bodens verbessern. Dies macht Pflanzen widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Krankheiten, was zu höheren Erträgen führt und schließlich den Bedarf an externen Mitteln wie Pestiziden verringert. Dieses Konzept ist nicht neu. Traditionelle Farmer:innen und indigene Völker entwickeln und praktizieren schon seit Ewigkeiten Anbauformen, die der regenerativen Landwirtschaft ähneln.


„Für viele Landwirt:innen, insbesondere für Kleinbauern, kann der Übergang zu regenerativen Praktiken jedoch eine große Hürde darstellen. Schwankende Erntepreise und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels führen dazu, dass die Landwirt:innen oft schon jetzt um ihr Überleben kämpfen und darauf vertrauen müssen, dass eine Investition in eine regenerative Landwirtschaft ihnen tatsächlich zugute kommt. Hier können solide Daten, Kenntnisse und Fähigkeiten ihnen helfen, den Sprung zu wagen“, erläutert Juliana Jaramillo (Bildquelle: Privat).

Immer mehr Landwirt:innen profitieren von den Vorteilen der regenerativen Landwirtschaft. Ein Beispiel ist die 1.000 Hektar große Kaffeeplantage Aquiares in Costa Rica, die vor 17 Jahren auf ein nachhaltigeres Konzept umstellte und von einer Monokultur mit voller Sonneneinstrahlung auf den Anbau von Schattenkaffee überging. Als größte Rainforest Alliance-zertifizierte Kaffeefarm in Costa Rica, die ihre Bohnen an Unternehmen wie Nespresso liefert, war Aquiares ein Pionier bei der Anwendung regenerativer Prinzipien im großen Stil, indem mehr als 50.000 Bäume gepflanzt und zwei wichtige Wildtierkorridore effektiv miteinander verbunden wurden. Heute beherbergt die Farm 76 verschiedene einheimische Baumarten und 140 Vogelarten – 103 davon waren vor der Umstellung auf die regenerative Methode noch nie gesehen worden.  

Für viele Landwirt:innen, insbesondere für Kleinbauern (die 30-40 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ausmachen), kann der Übergang zu regenerativen Praktiken jedoch eine große Hürde darstellen. Schwankende Erntepreise und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels führen dazu, dass die Landwirt:innen oft schon jetzt um ihr Überleben kämpfen und darauf vertrauen müssen, dass eine Investition in eine regenerative Landwirtschaft ihnen tatsächlich zugute kommt. Hier können solide Daten, Kenntnisse und Fähigkeiten ihnen helfen, den Sprung zu wagen.

Um den gesamten Sektor einen Schritt voranzubringen, haben die Rainforest Alliance und Nespresso die Regenerative Coffee Scorecard entwickelt: ein freiwilliges Instrument für Kaffeeunternehmen, das ihnen bei der Umstellung auf eine regenerative Landwirtschaft helfen soll, indem es die aktuelle Leistung der Bauern ermittelt, aufzeigt, wo gezielte Unterstützung erforderlich ist, und Verbesserungen in Richtung regenerativer Ziele verfolgt.

Mit der regenerativen Landwirtschaft haben wir die einmalige Chance, eine der größten Bedrohungen für das Klima und die biologische Vielfalt in eine der mächtigsten Lösungen zu verwandeln.

Juliana Jaramillo

Die Umstellung auf eine regenerative Landwirtschaft sollte nicht allein auf den Schultern der Landwirt:innen lasten – es bedarf gemeinsamer Anstrengungen aller Akteure in der gesamten Lieferkette. Lebensmittelunternehmen und Einzelhändler müssen auf eine gerechtere Machtdynamik innerhalb ihrer Lieferkette hinarbeiten, indem sie in regenerative Landwirtschaft investieren und Landwirt:innen, die regenerative Praktiken anwenden, mit einem höheren Preis belohnen.

Regierungen und zwischenstaatliche Organisationen müssen überdenken, wie sie künftige politische Maßnahmen, Konjunkturpakete und Pläne für die ländliche Entwicklung so gestalten, dass sie Anreize für eine regenerative Landwirtschaft schaffen.

Wichtig ist auch, die Verbraucher:innen zu einer bewussteren Lebensmittelauswahl zu erziehen, um die Nachfrage nach Produkten aus regenerativer Landwirtschaft zu steigern. Die Rolle der Finanzinstitute und Investoren wird zwar oft übersehen, aber sie können als echter Katalysator für den Übergang dienen, indem sie Investitionsentscheidungen treffen, die regenerative Lebensmittelsysteme unterstützen. Dazu gehört auch die Bereitstellung langfristiger Kredite für Landwirt:innen, die ihre Betriebe in regenerative Betriebe umwandeln wollen.

Zu guter Letzt spielt auch die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle, indem sie die Finanzierung, die Forschung und die Feldprogramme mit technischer Ausbildung vorantreibt und die Kleinbauern mit den Märkten vernetzt.

Mit der regenerativen Landwirtschaft haben wir die einmalige Chance, eine der größten Bedrohungen für das Klima und die biologische Vielfalt in eine der mächtigsten Lösungen zu verwandeln. Eine, bei der die Nahrungsmittelproduktion gesichert ist und Landwirt:innen und Natur gedeihen. Worauf warten wir also noch?

Über die Autorin

Juliana Jaramillo ist die globale Themenleiterin für regenerative Landwirtschaft bei der Rainforest Alliance. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen nachhaltige Landwirtschaft, Erhaltung der biologischen Vielfalt und integrierte Schädlingsbekämpfung (IPM) beaufsichtigt Jaramillo die globale Strategie der Organisation zur Förderung regenerativer landwirtschaftlicher Praktiken und Richtlinien in ihren Zertifizierungs- und Landschaftsprogrammen.


Bildquelle / Lizenz Aufmacher: Charlie Watson


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