Plattformökonomie demokratisieren: Die leise Revolution über Blockchain

Die Plattformökonomie hat es in hoher Effizienz geschafft, einen zweiseitigen Markt zu kreieren. Amazon, Ebay, AirBnB und Uber bringen Anbieter und Nachfrager zusammen, in dem sie einen zentralen Marktplatz mit hoher Transparenz und reduzierten Transaktionskosten schaffen. Distributed Ledger Technologies (DTLs) wie die Blockchain „überspringen“ nun diese Intermediäre. Die TREND-REPORT-Redaktion sprach mit Prof. Dr. Oliver Gassmann vom Institut für Technologiemanagement an der Universität St.Gallen zu Distributed Ledger Technologien und den möglichen Auswirkungen.

Herr Prof. Gassmann, inwiefern stellen Distributed Ledger Technologies wie die Blockchain eine Gefahr für die derzeitigen Plattformökonomieanbieter dar?
Die Plattformökonomie hat es in hoher Effizienz geschafft, einen zweiseitigen Markt zu kreieren. Amazon, Ebay, AirBnB und Uber bringen Anbieter und Nachfrager zusammen, in dem sie einen zentralen Marktplatz mit hoher Transparenz und reduzierten Transaktionskosten schaffen. Die Basis hierfür hat das Internet geschaffen, die Plattformökonomie sorgt aber dafür, dass eine einmal etablierte Plattform für alle Seiten immer attraktiver wird und damit eine enorme Konzentration stattfindet. Distributed Ledger Technologien (DLT wie Blockchain) hingegen verknüpfen direkt die Anbieter und Nachfrager ohne die Mittelsmänner oder Intermediäre. DLT ermöglichen damit sichere Transaktionen zwischen anonymen Akteuren und sparen damit die oft überzogene Transaktionsgebühr ein.

Die direkte Verknüpfung über z.B. die Blockchain stellt aber gleichzeitig auch eine große Chance dar für die Kundenbeziehung. Genannt seien etwa direkte Verknüpfung, Datensicherheit und nicht zuletzt auch Fairness. Können Sie dies anhand eines Beispiels verdeutlichen?
Dies ist korrekt. Die Technologie stellt Datensicherheit und direkte Verknüpfung sicher. Der Wegfall des dominanten Intermediärs ermöglicht eine fairere Verteilung der Margen. Uber hat keine eigenen Fahrzeuge, keine eigenen Fahrer angestellt, verlangt aber für die Nutzung der Plattform über 20 %, in Berlin bis zu 28,5 % des Umsatzes. Ist dies fair für die Fahrer, welche das gesamte Risiko tragen? Eine dezentrale Plattform über DLT könnte die Fahrgäste direkt mit den Fahrern verbinden, die positiven Marktplatzeffekte könnte man weiterhin aufrechterhalten. Allenfalls würde eine Stiftung oder ein Verein die dezentrale Plattform – Technologie, Schnittstellen, Vermarktung – führen.

Wie sollten sich wertschöpfende Unternehmen aufstellen, um DLTs Raum im Geschäftsmodell zu geben?
DLT wird zwar noch stetig weiterentwickelt, ist aber bereits jetzt verfügbar. Es ist wichtig, das richtige Geschäftsmodell zu entwickeln. Hierzu empfehlen wir Konsortialansätze, bei denen eine Gruppe von Akteuren zusammenspannt, um gemeinsam den Kunden auf seiner Customer Journey noch besser zu bedienen. Wichtig ist dabei die Orchestrierung der Akteure hin zu einem überragenden Nutzenversprechen für den Kunden. Oft findet diese Orchestrierung durch einen externen Player oder einen neu gegründeten Verein statt, um die Neutralität sicherzustellen.

Warum sprechen Sie in diesem Kontext von einer „Demokratisierung von Technologie durch die Blockchain“?
Die Plattformökonomie basiert auf dem Prinzip der wachsenden Grenznutze: Mit jedem weiteren Nutzer oder Anbieter wächst der Wert der Plattform. Eine einmal starke Plattform wächst damit immer weiter, wie Amazon, die in Europa bereits zwischen 42 und 50 % des Umsatzes im ECommerce beherrschen. Damit bestimmt der dominante Intermediär wie Amazon oder Uber weitgehend die Spielregeln und die Verteilung der Margen. Blockchain und dezentrale Plattformen können die Marktmacht wieder zu den direkt wertschöpfenden Akteuren zurückgeben. Hier finden eine fairere Verteilung und eine Mitsprache der Akteure statt.

Ist dann die Zeit der großen „Marktplätze“ im Internet vorbei?
Die heutigen Marktplätze werden meines Erachtens noch einige Jahre die Wirtschaft dominieren. Aber es zeichnen sich bereits verschiedene Konsortien ab. Wie auch das Internet-Protokoll TCP/IP benötigt es einige Jahre, bis zur Durchsetzung – dann aber mit disruptivem Potential für verschiedene Industrien.

Sehen Sie bereits Entwicklungen, die DLTs weiterführen?
Es gibt zahlreiche Strömungen in der Weiterentwicklung von DLTs, welche die Probleme Energieeffizienz, Skalierbarkeit, Updates und Performance adressieren. Um Beispiele zu nennen: Polkadot legt Wert auf komplette Offenheit und Interoperabilität, eher die dezentralste Version. Hyperledger, von IBM promoted, geht eher in Richtung eines Hybridmodells. Es ist nicht einfach zu sagen, welches Modell sich durchsetzt. Wir sehen auf jeden Fall in unseren Konsortialprojekten mit Unternehmen wie Siemens, Bosch, VW, EnBW, Osram oder Commerzbank, dass die strategischen Ziele von zentraler Bedeutung sind. Die konkrete Technologie hängt ab von den Anforderungen des Geschäftsmodells, welche an DLT gestellt werden.

Am 5.11.2019 findet der große Blockchain-Roundtable in Zürich statt, www.blockchain-roundtable.ch. Hier werden Geschäftsmodelle und konkrete Nutzen diskutiert und entwickelt.

Oliver Gassmann

Oliver Gassmann ist seit 2002 Professor für Innovationsmanagement an der Universität St. Gallen und leitet das Institut für Technologiemanagement sowie das Global Center for Entrepreneurship & Innovation. Vor seiner akademischen Karriere war Gassmann mehrere Jahre als Forschungsleiter für Schindler tätig. Er ist Gründungspartner von BGW, BMI-Lab und GLORAD sowie Mitglied mehrerer Verwaltungsräte. Als einer der meist zitierten Innovationsforscher publizierte er über 350 Fachpublikationen. Sein Buch ‚Business Model Navigator‘ wurde ein internationaler Bestseller.

Weitere Informationen unter:
https://www.alexandria.unisg.ch/persons/250

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