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Moderne Sklaverei: Ohne auskunftsfähige Lieferkettendaten droht ein Marktverbot

Sarah Carpenter, Director of Corporate Responsibility bei Assent, erläutert in Ihrem Gastbeitrag den Vorstoß der EU-Kommission zum Verbot von Zwangsarbeit, warum Lieferketten-Compliance zur Chefsache werden muss und wie Unternehmen künftigen gesetzlichen Anforderungen erfolgreich begegnen.

Anfang September hat die EU-Kommission den Vorschlag eingereicht, alle Produkte, die in Zwangsarbeit hergestellt werden, auf dem EU-Markt zu verbieten. Davon betroffen sind sämtliche Güter, die auf dem EU-Binnenmarkt in Umlauf sind, unabhängig von ihrer Art oder vom Ort der Herstellung.

Für Hersteller bedeutet das weitreichende Konsequenzen, sobald der Vorschlag der Kommission in geltendes Recht umgesetzt wird. Sie werden dann in der Lage sein müssen, nachzuweisen, dass ihre Waren zu 100 Prozent frei von Zwangsarbeit sind – ansonsten drohen gewaltige finanzielle Schäden.

Zwangsarbeit in der Privatwirtschaft nimmt zu

Die Initiative der EU stammt daher, dass heute laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen weltweit in etwa 27,6 Millionen Menschen in Zwangsarbeit leben. Das sind mehr als noch im Jahr 2016. Der größte Anteil dieser Form der modernen Sklaverei findet in der Privatwirtschaft statt, weshalb die Kommission hier einen Schwerpunkt sieht, um das Problem zu bekämpfen.

Unter den Sektoren, die der Report besonders hervorhebt, befindet sich auch Manufacturing, sprich eben jenes produzierende Gewerbe, das zu den wichtigsten Sektoren des Industriestandorts Deutschland zählt. Es liegt in der Natur der Sache, dass bestimmte Regionen der Welt ein höheres Risiko für Zwangsarbeit aufweisen. Viele unter den Herstellern mit komplexer Produktion haben in ihren Lieferketten einen oder mehrere Zulieferer aus Ländern wie China, Vietnam, Bangladesch oder Brasilien, die zu den Regionen mit einem hohen Anteil an Zwangsarbeit zählen. Damit sind nahezu alle komplexen Hersteller dem Risiko ausgesetzt, dass es an irgendeinem Punkt ihrer Produktionskette zu moderner Sklaverei kommt.


“Es wird immer dringender, eine umfangreiche Datenbasis zur eigenen Lieferkette zu haben und dadurch Transparenz und Auskunftsfähigkeit sicherzustellen.”

Sarah Carpenter ist Director of Corporate Responsibility bei Assent

Die Initiative ist mehr als ein alleinstehendes politisches Mittel

Anders als etwa der US-amerikanische UFLPA (Uyghur Forced Labor Prevention Act) zielt der Vorschlag der EU-Kommission dabei nicht speziell auf eine bestimmte Region ab. Im Gegenteil: Er gilt weltweit und ist damit nicht als Mittel im Handelskrieg mit bestimmten Ländern zu sehen. Die Initiative reiht sich in eine ganze Serie an Gesetzen der letzten Jahre hinsichtlich ESG-Aspekten in Liefer- und Versorgungsketten, beispielsweise das deutsche LkSG (Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz). Sie ist ein Zeichen der wachsenden Bemühungen, Umweltschutz und Menschenrechte in der industriellen Produktion voranzutreiben.

Regelmäßige Kontrollen auf Risikobasis und ernsthafte Konsequenzen

Gemäß dem Entwurf der EU-Kommission reicht dabei ein einziger betroffener Bestandteil eines Produktes aus, damit dieses als von Zwangsarbeit betroffen gilt. Die Folge ist, dass diese Güter weder auf dem EU-Markt gehandelt werden dürfen und auch nicht wieder re-exportiert werden dürfen. Faktisch bedeutet dies, dass solche Waren entweder zerlegt oder zerstört werden müssen.

Bereits dieser Umstand an sich bedeutet für Herstelle gewaltige finanzielle Schäden. Kommen Sie dem nicht nach, drohen dazu mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Strafen. Es liegt auf der Hand, dass neben den finanziellen Aspekt auch mögliche Reputationsschäden für Hersteller treten, wenn Kunden oder Medien sich mit einem Fall betroffener Waren öffentlich beschäftigen. Betroffene Produkte werden in der ICSMS-Datenbank (Information and Communication System for Market Surveillance) der EU gelistet.

Für die Umsetzung der Vorschriften sollen, sobald sie in Kraft sind, die Zollbehörden der jeweiligen Einfuhrländer zuständig sein. Es ist das Ziel, die Produkte so früh wie möglich am Markteintritt zu hindern, idealerweise an den Außengrenzen der EU. Um dabei im Rahmen der verfügbaren Kapazitäten zu handeln, sollen Kontrollen auf Basis einer Risiko- und Einflussanalyse erfolgen. Im Klartext bedeutet das, dass Branchen und Einfuhrregionen, die besonders häufig betroffen sind, auch häufiger kontrolliert werden. Zudem sollen große Unternehmen und Einfuhrmengen stärker herangezogen werden als kleinere. Dies ist ein weiterer Faktor, weshalb große Unternehmen mit komplexer Produktion besonders aufmerksam sein sollten.

ESG-Nachweise: Viele Unternehmen müssen noch aufrüsten

Was können Hersteller also tun? Klar ist, dass es immer dringender wird, eine umfangreiche Datenbasis zur eigenen Lieferkette zu haben und dadurch Transparenz und Auskunftsfähigkeit sicherzustellen. Bei stark verzweigten und kleinteiligen Versorgungsketten kann dies eine Menge Aufwand mit sich bringen, insbesondere da an vielen Stellen zu Zulieferern zweiten oder dritten Grades noch immer keine direkte Beziehung besteht. Je nach Branche ist dabei auch der Wissensstand, wie dies aufzubauen und umzusetzen ist, stark unterschiedlich. Beim Thema ESG standen bisher verschiedene Industriesektoren unterschiedlich stark im Rampenlicht, beispielsweise muss die Bekleidungsindustrie sich schon sehr viel länger mit entsprechenden Vorwürfen auseinandersetzen.

Als Hilfestellung für Unternehmen hat die EU angekündigt, Leitlinien bieten zu wollen, die Informationen rund um die Risikobewertung von Zwangsarbeit enthalten sollen, dazu Anleitungen, wie Unternehmen ihre Sorgfaltspflichten erfüllen können. Bis diese ausgearbeitet sind, können sich Entscheidungsträger an dem existierenden Leitfaden der EU zu Forced Labour Due Diligence orientieren.

Es braucht eine Datenbasis – aber wie?

Damit diese aber einen praktischen Nutzen haben können, müssen Hersteller ihre Lieferketten kennen und durch Daten auskunftsfähig sein. Transparenz und Reporting-fähige Daten sind die absolute Basis und es gilt, diese anbieten zu können. Klar ist, dass entsprechende Programme kaum innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft werden können. Sofern es nicht eh schon geschehen ist, müssen Unternehmen jetzt damit beginnen, Kapazitäten für ESG-Reportings aufzubauen. In-House-Lösungen werden in vielen Fällen nur schwer möglich sein, gerade bei Unternehmen mit umfangreichen Lieferketten. Auch daher sind in den letzten Jahren mehrere Anbieter auf den Markt gekommen, die Herstellern dabei helfen, den Zugriff zu Experten und dem aktuellen Wissensstand zu Compliance-Fragestellungen zu bekommen sowie zudem über Software und den direkten Kontakt zu Zulieferern eine auskunftsfähige Datenbasis zu schaffen.

Nicht nur von Seiten der Gesellschaft, sondern mittlerweile auch von Seiten der Politik wachsen der Druck und die Erwartungen hinsichtlich ESG-Compliance von produzierenden Unternehmen. Management und Verantwortliche müssen die Lieferketten-Compliance zur Chefsache machen, ansonsten sind der Erfolg und der Marktzugang ihrer Unternehmen immer mehr in Gefahr.

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Über die Autorin

Sarah Carpenter ist Director of Corporate Responsibility bei Assent, einem führenden Plattform-Anbieter, der sich auf das Nachhaltigkeitsmanagement in Lieferketten von Herstellern mit komplexer Produktion spezialisiert hat.

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