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Low-Code ist keine eierlegende Wollmilchsau

Von Florian Binder *

Das Schweizer Armeemesser gilt zu Recht als Paradebeispiel für ein gelungenes, leicht handhabbares Multifunktions-Werkzeug. Das entbindet den Nutzer trotzdem nicht davon, sorgsam damit umzugehen. Andernfalls kann es auch schonmal blutige Finger geben. Oder wie es ebenso plakativ wie zutreffend auf den Betonlastern der Neunziger Jahre prangte: „Es kommt drauf an, was man damit macht.“ Dieses Motto könnte auch für den Umgang mit Low-Code und Low-Code-Plattformen gelten. Der Hype um das Thema ist groß. Aber Low-Code ist kein Selbstläufer in dem Sinne, dass man lediglich eine Plattform dafür im Unternehmen einführen müsse, und alles würde gut. Das ist eine überzogene, unrealistische Erwartungshaltung. Der teure Ratschenkasten im Keller macht noch keinen guten Handwerker.

Fakt ist: Der Einsatz von Low-Code verspricht gleich ein ganzes Bündel unternehmensrelevanter Vorteile. Dazu zählen unter anderem die schnellere Entwicklung und Bereitstellung von Fachanwendungen, eine höhere Qualität und Individualisierung der Anwendungen und nicht zuletzt die Entlastung der unter Modernisierungsdruck und Expertenmangel ächzenden IT-Abteilungen. Da haben wir über die Punkte Wiederverwendbarkeit standardisierter Software-Bausteine, Kostenoptimierung durch die Einbeziehung bislang brachliegender Entwicklungs-Ressourcen und durchgehende Automatisierung von Prozessketten noch gar nicht gesprochen. Sie alle sind aber nur dann sinnvoll umzusetzen, wenn Low-Code gezielt für vorab gemeinsam definierte Ziele eingesetzt wird, und dafür die personellen und strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden.

Am Anfang steht folgerichtig die Frage, was denn nun fachlich-inhaltlich mit Low-Code überhaupt umgesetzt werden soll. Die Bandbreite möglicher Anwendungen ist groß und berührt das gesamte Spektrum der Enterprise-Software. Es reicht von horizontalen Funktionen wie ERP und HR über vertikale Fachbereiche wie Vertrieb oder Marketing bis zu spezifischen Fachanwendungen. Die Königsdisziplin für Low-Code-Anwendungen aber sind individuelle, digitale Ende-zu-Ende Vorgänge, intelligente Prozess-Automatisierung, interaktive Omni-Kanäle mit Chatbots und virtuellen Assistenten, automatisierte Workflow-Systeme und letztlich Robotic Process Automation (RPA). All das kann man mit einer Low-Code-Plattform machen. Aber bitte nicht gleich mit hochambitionierten komplexen Projekten beginnen, sondern erste Erfahrungen mit einfacheren, übersichtlicheren Aufgabenstellungen machen, und daraus idealerweise erste Erfolgserlebnisse ziehen.

Die wichtigste Lehre aus eher zäh angelaufenen Low-Code-Projekten ist jedoch der dringende Rat, die in die Software-Entwicklungen eingebundenen Abteilungen und Mitarbeiter nicht unkoordiniert vor sich hinwurschteln zu lassen. Daraus entsteht bestenfalls ein Konglomerat von, zugegeben schneller entwickelten und qualitativ meist besseren, aber eben nur singulären Fachanwendungen. Software-Fragmente und -Silos sozusagen, die die eigentlichen Effizienz- und Qualitätspotenziale von Low-Code konterkarieren. Sie gestatten weder die Ende-zu-Ende-Automatisierung von Prozessketten, noch kann daraus ein Repository wiederverwendbarer Lösungs-Bausteine für künftige Applikationen entstehen. Zusammen aber schöpfen sie erst den potenziell möglichen praktischen Wertschöpfungsbeitrag von Low-Code voll aus. Das personelle Pendant zu einem sich sukzessive ausbildenden Lösungs-Repository ist ein internes Center of Excellence, in dem die in den DevOps-Prozessen engagierten Mitarbeiter aus der IT-Abteilung und den Fachbereichen ihr Wissen austauschen, bündeln und weitergeben. Das sind die beiden Säulen, auf denen ein Unternehmen Anwendungen gezielt optimieren und Prozessketten sinnvoll automatisieren kann. Die passenden Werkzeuge dafür liefert eine geeignete Low-Code-Plattform, deren Auswahl daher mit entsprechender Sorgfalt angegangen werden sollte.

* Florian Binder ist Principal Solution Consultant bei Pegasystems


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