Künstliche Intelligenz muss mit Augenmaß reguliert werden

Die KI-Enquete-Kommission des Bundestags fordert die Regulierung von Künstlicher Intelligenz. Damit liegt sie grundsätzlich richtig. Allerdings ist Augenmaß gefragt. Die Stärke von KI sollte nicht ohne Not beschnitten werden.

Von Dr. Kay Knoche*

Gut zwei Jahre lang hat sich eine Enquete-Kommission des deutschen Bundestags intensiv mit dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) beschäftigt. Nun liegt ihr Abschlussbericht vor, der es auf stolze 500 Seiten bringt. Die Kurzfassung des Mammutwerks: Künstliche Intelligenz hat einen großen Nutzen, muss aber reguliert werden. So verlangt die Kommission in ihrem Bericht, dass Betroffene in die Lage versetzt werden müssen, sich gegen eine Diskriminierung durch KI-Anwendungen zur Wehr zu setzen. Als Voraussetzung dafür fordert sie einen Anspruch auf Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Erklärbarkeit von KI-Entscheidungen. Nur dann ist eine gerichtliche Überprüfung automatisierter Entscheidungen möglich.

So weit, so richtig. Künstliche Intelligenz ist in der Tat in vielen Fällen so intransparent, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen können. Manche Algorithmen sind so sehr ausgefeilt, dass sie sich selbstständig machen. Selbst die bestausgebildeten KI- und Datenspezialisten haben dann keine Ahnung mehr, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Wenn eine KI-Software über eine Kreditvergabe oder eine Personaleinstellung entscheidet, muss aber ausgeschlossen sein, dass sie dabei diskriminierende Faktoren heranzieht. Und wenn KI-Systeme die Übertrittsempfehlungen für Grundschüler ermitteln oder Sozialprognosen für Straftäter erstellen, müssen sich diese auch gegenüber Schülern, Eltern und im Zweifelsfall auch Anwälten und Richtern begründen lassen. Wenn niemand weiß, wie diese Entscheidungen zustande gekommen sind, ist das aber schlichtweg unmöglich.

Die Forderungen der Enquete-Kommission gehen deshalb definitiv in die richtige Richtung. Sie sollten allerdings nicht über das Ziel hinausschießen. Mit einer Überregulierung ist auch niemandem gedient. Die Crux bei der KI ist nämlich: je intransparenter sie ist, desto genauer sind ihre Ergebnisse. Diese Stärke sollte man nicht ohne Not beschneiden. Die entscheidenden Fragen für die Regulierung von KI lautet deshalb: Wie viel Transparenz ist auf ihrem jeweiligen konkreten Anwendungsgebiet tatsächlich erforderlich? Und wo sind wir bereit, zugunsten besserer Ergebnisse darauf zu verzichten? Bei Entscheidungen wie Kreditvergaben, Personaleinstellungen oder Schulübertritten ist die Antwort vermutlich eindeutig. Sie müssen zumindest für die zuständigen Fachexperten noch durchschaubar und nachvollziehbar sein. Bei einem Dating-Portal dagegen dürfte fehlende Durchschaubarkeit weniger schwer ins Gewicht fallen. Wer sich dort anmeldet, möchte vor allem eines: einen passenden Partner finden. Wie dieser Partner gefunden wird, dürfte den meisten ziemlich egal sein. Ähnlich verhält es sich im medizinischen Bereich. Bei schweren Krankheiten werden es die meisten Menschen vermutlich vorziehen, wenn eine KI die bestmögliche Therapie für sie ermittelt; und sie werden dafür gerne darauf verzichten zu wissen, wie die KI auf diese Therapie gekommen ist.

Einen allgemeingültigen Maßstab, wo transparente KI zum Einsatz kommen sollte und wo intransparente KI die bessere Alternative ist, gibt es nicht. Das müssen Politik, Gesellschaft und Fachexperten für jeden Lebensbereich einzeln entscheiden und in entsprechende Gesetze gießen. Und das müssen sie ganz ohne die Hilfe von KI bewerkstelligen.

*Dr. Kay Knoche ist Principal Solutions Consultant bei Pegasystems.

Weitere Informationen unter:
www.pega.com/de

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