Klimaschutz und Nachhaltigkeit unter neuen Bedingungen

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die Mehrheit der Staatengemeinschaft, allen voran die westlichen Länder, dazu gebracht, gemeinsam und entschlossen zu handeln. Die dabei vereinbarten wirtschaftlichen Sanktionen sind umfassend und betreffen eine Vielzahl an Branchen und Industrien. Und auch bei uns machen sich die Maßnahmen bemerkbar. Viele Unternehmen sehen sich jetzt mehr denn je gezwungen, ihre bisherigen wirtschaftlichen Strukturen, wie Lieferbeziehungen, Rohstoffimporte oder Finanzströme neu zu definieren – und vor allem krisensicherer und zukunftsfähiger zu gestalten.

Am Klimaschutz führt aber kein Weg mehr vorbei ­– auch in Kriegszeiten.  Das wissen Alice Berger und Anita Merzbacher vom Nachhaltigkeitsnetzwerk UNO INO und Moritz Lehmkuhl von ClimatePartner aus ihrem langjährigen Engagement in den Bereichen Klimaschutz und nachhaltigem Wirtschaften. Im folgenden Interview verraten sie, wie Unternehmen angesichts der aktuellen humanitären, politischen und wirtschaftlichen Krise den Wandel nachhaltig und zukunftsweisend einläuten können.

Die neue politische Weltlage bringt große Veränderungen auch für die Wirtschaft und Gesellschaft. Ist dies ein Vorzeichen für den Handlungsdruck, der durch den Klimawandel auf uns zukommt?

Anita Merzbacher: Der Krieg in der Ukraine ist wie ein Brennglas: Er verschärft die Situation und verkürzt die Zeit, die Unternehmen zur Verfügung haben, um sich nachhaltig aufzustellen. Denn gestiegene Energiekosten, unsichere Lieferketten, instabile politische Lagen usw. führen zu enormen Herausforderungen. Die Risiken für Unternehmen, die eine „Weiter so“-Mentalität an den Tag legen und ihre Geschäftsmodelle aus der Vergangenheit fortführen wollen, erhöhen sich mit jedem Tag in einer neuen geopolitischen Ordnung. Für Unternehmen, die mutig neue Wege gehen, die nicht an alten betriebswirtschaftlichen Glaubenssätzen festhalten und bereit sind, ihr gesamtes Unternehmenssystem nachhaltig auszurichten, können sich dagegen die unternehmerischen Chancen verbessern.

Wie lässt sich verhindern, dass die Bedeutung von Klimaschutz und eine an Nachhaltigkeit orientierte Wirtschaft in den Hintergrund treten?

Alice Berger: Wir müssen alle aktuellen Geschehnisse als zusammenhängend betrachten, ganz im Sinne eines umfassenden Nachhaltigkeitsverständnisses. Denn ohne eine weitreichende und schnelle Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung, stehen die nächsten Kriege und Fluchtbewegungen durch Klimakrisen, Hunger und Armut vor der Tür. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (UN SDGs) stellen das in einem kreisförmigen Logo ganz anschaulich dar: Jedes Ziel – von „Keine Armut“ über „Weniger Ungleichheiten“ und „Maßnahmen zum Klimaschutz“ bis hin zu „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ – bedingt die anderen. Keines steht für sich allein. Wir sollten anfangen, diese Ganzheitlichkeit zu verstehen und zu leben. 

Unternehmen sind derzeit damit beschäftigt, ein komplexes Geflecht von Warenproduktion und Logistik aufrecht zu erhalten. Worauf kommt es nun dabei an?

Moritz Lehmkuhl: Obwohl es mir angesichts des so großen menschlichen Leids schwer fällt, es so auszudrücken – genau jetzt müssen wir die Gelegenheit nutzen, erzwungene Veränderungen in Impulse zum positiven Wandel umzukehren. Wir sind jetzt bereit, Einschnitte als Chance zur Verbesserung zu akzeptieren, uns mit der Verarbeitung von Neuem, Unbekannten zu beschäftigen. Das betrifft nicht nur den Ausstieg aus fossilen Energieträgern wie Öl, Gas oder Kohle, sondern grundsätzlich alle bisherigen Gewissheiten, die scheinbar unveränderbar waren. Wir erleben gerade, dass sich in atemberaubender Geschwindigkeit eine neue Realität einstellt, in der sich einseitige Abhängigkeiten als wirtschaftlicher und politischer Unsicherheitsfaktor zeigen.

Was wären hierfür konkrete Lösungsansätze?

Moritz Lehmkuhl: Es steht grundsätzlich fest, dass die Abhängigkeit von fossiler Energie wie Öl und Gas beendet werden muss. Es wird zum Beispiel im Energiesektor nun darum gehen, gezielt auf den Ausbau erneuerbarer Energien zu setzen. Das ist nicht nur eine Aufgabe des Staates, sondern kann auch durch Unternehmen gefördert und beschleunigt werden – zum Beispiel durch den Umstieg auf Ökostrom, die Nutzung von Solar- oder thermischer Energie und durch allgemeine Maßnahmen zur Energieeinsparung und Energieeffizienz. Auf der anderen Seite gilt aber auch: Wenn ich von heute auf Morgen auf alle Gasimporte aus Russland verzichte, dafür temporär auf Atomkraft setzen muss und damit den Krieg beenden könnte, würde ich es möglicherweise tun.

Kann die aktuelle Handlungsbereitschaft, die viele Unternehmen angesichts des Krieges zeigen, auch für mehr Klimaschutz genutzt werden?

Alice Berger: Dies sehen wir ganz deutlich. Eine Mehrheit in Deutschland ist für ein sofortiges Embargo fossiler Energien aus Russland, um unsere Wirksamkeit für den Frieden zu erhöhen. Auch die Wissenschaft bestätigt, dass ein sofortiger Ausstieg möglich wäre. Würde dies umgesetzt, wäre es zugleich ein gewaltiger Effekt für den Klimaschutz.

Moritz Lehmkuhl: Dem  kann ich nur zustimmen. Allein der Umstieg in der Energieversorgung kann einen enormen Effekt auf den Emissionsausstoß von Unternehmen haben. Viele sind nun bereit – egal ob durch die Umstände gezwungen oder aus eigener Überzeugung – grundlegende Veränderungen zuzulassen. Sie sollten nun in jedem neuen Prozess und bei jeder neuen Entscheidung den Klimaschutz gleich mitdenken.

Krisenfestigkeit und Anpassungsfähigkeit sind weitere Schlagworte, die Unternehmen jetzt hören. Wie können sie diese Punkte bei sich berücksichtigen?

Anita Merzbacher: Ein wesentlicher Punkt hin zu mehr Krisenfestigkeit ist, die aktuelle Situation mit all ihren Schwierigkeiten zu analysieren und zu verstehen, z.B. mit Hilfe einer Sustainable SWOT-Analyse: Wo sind Nachhaltigkeits-Risiken, wo liegen Chancen, wo sind Schwächen und was läuft schon gut? Dieser kurze Blick auf den Status Quo ist einfach, wird aber in vielen Unternehmen, gerade bezogen auf Nachhaltigkeitsaspekte, aktuell noch nicht gemacht. Darauf aufbauend gilt es dann, die eigene Unternehmensstrategie nachhaltig auszurichten. Idealerweise führt das auch zu einem positiven Impact auf die Gesellschaft. Die Resilienz im Sinne von Krisenfestigkeit steigt dann im Unternehmen an, wenn Nachhaltigkeit immer mehr zum Wesenskern wird, d.h. zur DNA des Unternehmens gehört.

Sind langfristige Strategieziele schnell genug, um den sich bereits zeigenden Klimawandel zu begrenzen?

Moritz Lehmkuhl: Alle Möglichkeiten, Emissionen in den Griff zu bekommen und die Erderwärmung zu begrenzen, müssen ausgeschöpft werden. Wenn dies sogar noch in Kombination mit Entwicklungsarbeit, Know-how-Transfer und ganzheitlicher Nachhaltigkeit geschieht, umso besser. Bei allen Transformationsstrategien, die in der Regel mittel- bis langfristig angelegt sind, kommt es weiterhin darauf an, auch solche Maßnahmen anzugehen, die sofort wirksam sind. Die Berechnung, die Reduktion und der Ausgleich von Emissionen ist dabei eine wichtige Methode. Aus ihr heraus ergeben sich entscheidende Impulse und Hinweise darauf, in welche Richtung mittel- und langfristige Reduktions- und Vermeidungsstrategien gehen sollten. Sie macht die Emissionstreiber ebenso sichtbar wie die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Reduktion und Vermeidung. Auch der aktuelle IPCC-Bericht von Ende Februar spricht explizit an, dass die Dimensionen der drohenden Klimaveränderungen und die geringe verfügbare Zeitspanne von weniger als zehn Jahren es sogar zwingend erfordern, verstärkt kurzfristig wirksame Maßnahmen anzugehen.

Mit welcher Hoffnung blicken Sie in die Zukunft?

Alice Berger:Das gemeinsame Verständnis von Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist es, die Lebensbedingungen weltweit zu sichern und zu verbessern. Dieses Verständnis gilt es aufrecht zu erhalten, denn Nachhaltigkeit ist stets auch Friedenssicherung.

Moritz Lehmkuhl: Die derzeitige Einigkeit in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zeigt, dass auf ähnliche Weise ein globales Handeln für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz möglich ist, wenn wir es nur wollen.

Weitere Informationen zur Position von UNO INO sind hier verfügbar: https://unoino.de/welt-in-der-krise/

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von ClimatePartner (zum Original-Text)

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