KI-Technologien und intelligente Apps

Herr Dr. Trommen, wie verändern die Technologien rund um künstliche Intelligenz unsere Medien und die Medienbranche?
Disruptiv und exponentiell. Entscheidend ist, sich mit der Technologie sehr früh zu beschäftigen. Man sieht das bspw. am Erfolg von Axel Springer oder N-TV, die bereits sehr früh auf die Digitalisierung gesetzt haben und in diesem Bereich immer noch führend sind.

Dr. Alexander Trommen, CEO Appsfactory 

Welche Wettbewerbsvorteile können „First-Mover“ generieren, die auf KI setzen?
Zum einen Kostenersparnis, z.B. bei Tätigkeiten, die standardisierbar sind – z.B. das Einsprechen von Podcasts, was mit Text-to-Speech-Schnittstellen automatisiert werden kann. Auf der Re:publica haben wir ein gemeinsames Projekt mit dem WDR vorgestellt. Dabei ging es um die Möglichkeiten Stimmen zu imitieren. Hier braucht man 200 – 400 Minuten an Material, damit der Computer meine Stimme, Ihre Stimme oder welche Stimme auch immer, imitieren kann. Die Erfahrung ist mit dieser Technologie wirklich sehr gut und man kann die Stimmen kaum mehr unterscheiden.

Andererseits wird mehr Reichweite generiert: Wir haben bspw. für die FAZ eines der ersten deutschen Personalisierungsprojekte umgesetzt. Dass sich die FAZ im Vergleich zu den anderen Tageszeitungen in den letzten Jahren in der Reichweite überproportional entwickelt hat, führen wir auch auf die Investitionen in die Technologie zurück.

Welche Projekte bearbeiten Sie in diesem Kontext zurzeit und gibt es Beispiele dafür?
Aktuell experimentieren wir im Bereich von Robo-Journalismus, d.h. automatisierter datengetriebener Journalismus.  Wir fangen an mit einzelnen Bereichen, wie z.B. Corona, Sportjournalismus oder Arbeitslosen-Statistiken, wo wir lokale Daten in großer Menge haben, die nicht jeden Tag redaktionell aufbereitet werden können. In der Tagesschau-App gibt es bereits ein Widget, in dem die aktuellen Corona-Daten komplett automatisiert zu einem Mini-Artikel zusammengefasst werden.

Zwar sind wir weit weg davon, dass der Robo-Journalismus den echten Journalismus ersetzt, aber es gibt im Journalismus sehr viele standardisierte Tätigkeiten. Ein großes Aufgabengebiet der Journalisten bei der Tagesschau ist es bspw. bereits bestehende Texte für die entsprechenden Medien anzupassen. Das Kürzen von Texten ist dabei ein sehr großer, manchmal auch ein bisschen lästiger Bestandteil der täglichen Arbeit. Dort kann man schon sehr stark unterstützen und damit „Zeit freispielen“.

Bieten Sie selbst „Cognitive Services“ an oder nutzen Sie Cloud-Plattformen wie Azure und AWS?

Wir nutzen tatsächlich alle Cognitive-Services-Schnittstellen der drei großen Anbieter, MS Azure, AWS und Google. Die einzelnen Schnittstellen haben unterschiedliche Stärken und Schwächen – die eine ist evtl. etwas besser in der Text-to-Speech-Generierung, die andere in der semantischen Analyse oder im Human-Voice-Bereich. Deswegen „benchmarken“ wir sie ständig gegeneinander.

Wie schätzen Sie den Zukunftsmarkt für Augmented Reality und Virtual Reality ein?
Das ist ein superspannendes Thema – ich befürchte aber, dass wir auf den Massenmarkt noch zehn Jahre warten müssen. Bevor die Brillen genauso groß sind wie die Brillengestelle, die wir einfach tragen, von mir aus 100 Gramm mehr wiegen, werden wir keine AR bzw. VR Massenmarkt haben, da Leute mit den „großen AR-Brillen“ nicht durch die Straßen laufen. Dann aber kann das schon sehr stark disruptiv wirken.

Für welche Unternehmen lohnt sich jetzt schon der Einsatz und welche Kunden-Projekte verfolgt Ihr Haus zurzeit?
Momentan sehen wir eine hohe Nachfrage im Bereich Logistik, vor allem bei Pick-Solution im E-Commerce – wo muss der Picker hingehen, wo etwas entnehmen.

Mit der Tagesschau haben wir ein recht spannendes Projekt gemacht, wo wir dargestellt haben, wie die Tagesschau in 10 – 15 Jahren aussehen könnte. Dabei haben wir Linda Zervakis als 3-D-Modell abgebildet, die quasi ins Wohnzimmer projiziert wird und dort das Wetter illustriert oder über Katastrophen wie den Brand der Kathedrale Notre Dame in 3-D berichtet. Die Objekte stehen dann neben ihr und sie kann sie drehen. Auf Grund der hohen Produktionskosten – man ist hier schnell im sechsstelligen Bereich – ist das jedoch nichts, was man heute schon jeden Tag produzieren kann.

Evolution oder Revolution?
Sie kennen vielleicht die Story von Neurolink, also einem Elon-Musk-Unternehmen, wo jetzt der erste Chip in einen Affen implementiert wurde, der in der Lage ist, mit den Gedanken ein Videospiel zu steuern. Zusammen mit AR entstehen hier ganz neue Möglichkeiten. Also definitiv Revolution – aber es braucht noch ein bisschen Zeit.

Welche neuen Geschäftsmodelle wären vorstellbar?
Geschäftsmodelle werden alle in Richtung Abo-Economy laufen. Im journalistischen Bereich gibt es dieses Modell mittlerweile schon seit Jahrzehnten. Es ist relativ einfach zu skalieren auf der Anbieterseite. Auf der Konsumentenseite setzt es sich immer mehr durch, da ich meine Kosten kalkulieren kann.

Wearables sind erst der Anfang der BYOE-Revolution am Arbeitsplatz – wieviel steckt in Exoskeletten und implantierter Technologie und welche Geschäftsmodelle sind denkbar?
Da gibt es gerade in der Medizintechnik schon echte Anwendungen jenseits der Robocop-Visionen. Hier haben wir ein Projekt mit einem sehr großen Prothesen-Hersteller umgesetzt, wo eine Fußgelenksprothese per App auf bestimmte Anforderungen angepasst werden konnte – also ob ich bspw. joggen oder normal gehen will. Der nächste Schritt wird sein, das Ganze mit einer KI zu koppeln, so dass das System selbst erkennt, was sein Nutzer eigentlich will, ohne dass er dies in einer App auswählen muss. Die Geschäftsmodelle sind aber glaube ich, die gleichen wie immer. Sie verkaufen diese Prothesen oder Produkte.

Und implantierte Technologien – wenn es z.B. darum geht, später etwas schlauer zu werden – sehen Sie dort auch neue Möglichkeiten?
Wenn Sie mich heute fragen würden, ob ich Aktien von Neurolink kaufen würde, dann würde ich sagen: ja, auf jeden Fall. Die Frage ist dann, wie das Geschäftsmodell aussieht. Was ist es wert, wenn ich noch 20 % intelligenter werde? Es ist also schwer zu kalkulieren, aber auf jeden Fall sehr spannend.

Was kann Deutschland von anderen Ländern noch lernen?
Wenn wir sehen, wie langsam wir durch die Pandemie gekommen sind und wie schnell einige asiatische Länder dabei waren, dann sieht man, dass die Corona-App hier bei uns einfach nicht funktioniert hat. Ein Grund hierfür war eine überhöhte Anforderung an den Datenschutz.

Zudem stelle ich fest, dass viele andere Länder zwar in der Forschung hinten dran sind – und die KI-Forschung in Deutschland muss sich wirklich nicht verstecken – dennoch sind wir diejenigen, die daraus keine Community-Services zur Verfügung stellen. Wir haben keinerlei Plattformanbieter, die ihre Schnittstellen bereitstellen. Nicht einmal die Telekom, die die Manpower hätte, stellt Ihre Schnittstellen bereit.

Was sind momentan Ihre spannendsten Projekte und welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Eines unsere spannendsten Projekte ist aus dem Bereich Android-Open-Source, also dem Betriebssystem, mit dem ganz viele Automotiv-Hersteller ihr komplettes Infotainment machen und machen werden. In diesem Bereich gibt es kaum Firmen mit Ahnung, weswegen wir dort eine Schlüsselposition einnehmen. Dass das Infotainment in Fahrzeugen insgesamt wichtiger wird, ist bei selbstfahrenden Automobilen und den heutigen Entwicklungen, selbsterklärend.

Ein weiteres spannendes Projekt haben wir mit Huawei zusammen. Mit Harmony schafft Huawei gerade eine Android-Variante mit eigenem Ökosystem und eigenem Vertriebssystem, das nicht nur auf Smartphones, sondern auch auf Wearables läuft. Wir helfen Huawei das Ökosystem aufzubauen, in dem wir im Bereich Shops bzw. Appstore als auch bei der App-Portierung helfen.

Unser Ziel bis 2025 ist es, die Anzahl unserer Mitarbeiter auf 500 zu verdoppeln. Wir wollen weiter wachsen zu einen der bedeutendsten Full-Service-Dienstleister im Bereich der Applikationen und der digitalen Transformation in Deutschland.

www.appsfactory.de

Aufmacherbild / Quelle / Lizenz
Bild von kalhh auf Pixabay

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