Inventur im Vorbeiflug

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Floerkemeier, ist CTO und Mitgründer von Scandit

Computer Vision und Barcode-Scanning helfen dabei, viele Prozesse in der Lagerlogistik und im Einzelhandel zu automatisieren, etwa bei der Erfassung von Beständen oder der Kommissionierung von Aufträgen. Dabei muss die Technik nicht immer in spezialisierten Lagerrobotern stecken, sondern kann beispielsweise auch in vorhandene Putzroboter, Lagerfahrzeuge oder Drohnen integriert werden, die dann eine Inventur im Vorbeifahren beziehungsweise im Vorbeifliegen vornehmen.

In vielen großen Lagern sind bereits heute autonome Lagerroboter unterwegs und suchen kleine oder mittelgroße Produkte und Teile zusammen. Diese bringen sie zu einem Mitarbeiter, der sie für den Versand verpackt oder sie in Verkaufs- und Fertigungsbereiche weiterleitet. Der Mitarbeiter kann Aufträge dadurch viel schneller abarbeiten, weil der zeitaufwändigste Arbeitsschritt bei der Kommissionierung – das Zurücklegen von Wegstrecken im Lager – für ihn wegfällt. Andere Roboter übernehmen das Einsortieren von Waren und Paketen in Regale und Ablagefächer oder führen selbständig Inventuren durch, indem sie auf vordefinierten Routen durch Gänge patrouillieren und Bestände erfassen.

Die Schlüsseltechnologien dafür sind Computer Vision und Barcode-Scanning, mit denen die kleinen Helfer verschiedenste Barcode-Typen erkennen, mehrere Barcodes in einem Rutsch scannen und auch Versandaufkleber und Etiketten auf Paletten verarbeiten können – und das selbst bei schlechten Lichtverhältnissen oder wenn die Aufdrucke verwischt oder beschädigt sind. Auf diese Weise identifizieren sie Produkte und Teile zuverlässig und unterstützen Unternehmen bei der Automatisierung vieler Lagerprozesse. Zudem liefern sie eine kontinuierliche Rückmeldung an Lagerverwaltungs- und ERP-Systeme, sodass Unternehmen stets über ihre aktuellen Lagerbestände informiert sind.

Lagerfahrzeuge übernehmen neue Aufgaben

Christian Floerkmeier, CTO und Mitgründer von Scandit, sieht in der Automatisierung von Lagerlösungen noch riesiges Potenzial – aber auch die Notwendigkeit, Prozesse noch weiter zu integrieren.

Allerdings müssen für die Verbesserung von Lager- und Inventurprozessen nicht ausschließlich spezialisierte Roboter zum Einsatz kommen – Computer Vision und Barcode-Scanning lassen sich auch in viele Systeme integrieren, die Unternehmen bereits im Lager oder auf Verkaufsflächen nutzen. Dazu zählen im Lager beispielsweise Transportfahrzeuge und Gabelstapler, die ohnehin den ganzen Tag zwischen den Regalreihen unterwegs sind. Unternehmen können sie mit Kameras und Einplatinenrechnern wie Nvidia Jetson oder Asus Tinker bestücken und mit Hilfe von Software Development Kits von Spezialanbietern wie Scandit für Scan-Aufgaben fitmachen. Anschließend übernehmen sie die Erfassung von Lagerbeständen im Vorbeifahren.

Ebenso sind Drohnen gut für Inventuraufgaben geeignet, da sie viele Bereiche einfacher und schneller als Menschen erreichen, etwa in Hochregallagern. Im einfachsten Fall steuert sie ein Mitarbeiter, doch inzwischen können Spezialdrohnen wie Inventurroboter am Boden auch selbständig eine vorgegebene Route abarbeiten, entlang der sie Warenbestände präzise erfassen. Weil es sich bei einem Lager um einen nicht-öffentlichen Luftraum handelt, dürfen Drohnen dort auch autonom fliegen, ohne menschlichen Bediener. Ein GPS-Signal benötigen sie dafür dank einer hinterlegten Karte des Lagers und intelligenten Funktionen zur Ermittlung der eigenen Position nicht. Um den Lagerbetrieb nicht zu stören, können die Drohnen ihre Arbeit autonom in den Nachtstunden verrichten, sodass zum morgendlichen Schichtbeginn die aktuellen Bestände im Lagerverwaltungs- beziehungsweise ERP-System erfasst sind.

Exakte Warenbestände verbessern Omnichannel-Services

In Verkaufsräumen, wo Transportfahrzeuge und Drohnen eher unüblich sind, können Unternehmen dagegen Reinigungs- und Verkaufsroboter für den Scan von Regalen und Waren einspannen. Allerdings sind Verkaufsroboter, die Kunden mit Produktinformationen versorgen und den Weg zu gesuchten Produkten weisen, aktuell noch nicht allzu verbreitet und es bleibt abzuwarten, wie sie von Kunden angenommen werden. Die regelmäßigen Scans würden Händlern allerdings helfen, die hohe Bestandsgenauigkeit sicherzustellen, die sie für neue Services wie Click and Collect oder Ship from Store benötigen. Bei Click and Collect bestellt der Kunde online und holt die Ware im Laden ab, bei Ship from Store versendet der Händler die Bestellung direkt aus seinem Ladengeschäft. Beides funktioniert nur zuverlässig, wenn der Händler seinen Warenbestand kennt und Verfügbarkeits- und Lieferzeitzusagen einhalten kann.

Weil die smarten Helfer nicht nur Barcodes scannen, sondern dank Computer Vision auch Objekte erkennen, sind sie in der Lage, Lücken in der Regalbestückung zu entdecken und Mitarbeiter zu informieren, dass ein Produkt nicht mehr vorrätig ist und das Regal aufgefüllt werden muss. Ebenso können sie Mitarbeiter auf schlecht platzierte Produkte oder von Kunden an der falschen Stelle abgestellt Waren hinweisen und damit sicherstellen, dass alle Regale immer gut gefüllt sind und alle Produkte optimal präsentiert werden – so wie es im Planogramm des Händlers festgelegt ist.

Fest installierte Kameras in Lagern und Verkaufsräumen könnten Unternehmen für ähnliche Aufgaben nutzen. Da sie in erster Linie für Überwachungszwecke installiert sind, haben sie üblicherweise wenig tote Winkel und Einblick in alle Bereiche, in denen sich Waren befinden. Das Bildmaterial ließe sich mit Machine Vision auswerten, um leere Regalflächen zu identifizieren oder falsch abgestellte Paletten. Für eine richtige Inventur mit Barcode-Scans eignen sie sich dagegen nicht, weil sie nicht mobil sind – allerdings können sie durchaus Barcodes erkennen. Ein möglicher Anwendungsfall wären hier Zugangskontrollen, bei denen beispielsweise ein Lieferant oder Abholer einen vorab auf sein Smartphone geschickten Code vor die Kamera hält, um eine Tür zu öffnen oder ein Ablagefach zu entriegeln.

Alle diese Szenarien zeigen, dass in Lagern und Verkaufsräumen eine stärkere Integration vorhandener Fahrzeuge, Roboter und Systeme möglich und notwendig ist, um weitere Prozesse zu automatisieren, insbesondere bei der Bestandserfassung und Bestandskontrolle. Viele existierende Lösungen werden dabei neue Aufgaben übernehmen und Menschen von zeitaufwändigen, repetitiven und fehlerträchtigen Aufgaben wie Inventuren befreien und Unternehmen kontinuierlich mit genaueren Bestandsdaten versorgen.

Weitere Informationen unter:
www.scandit.com

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