In ein „digitales Hauptquartier“ investieren

Sheela Subramanian ist Vizepräsidentin und Mitbegründerin von Future Forum. Sie gilt als „Stimme der Gleichbehandlung“ und wirbt bei den Unternehmen für ein „digitales Hauptquartier“ um die Teams zu stärken.

Das New Normal hat Einzug gehalten. Finden sich Führungskräfte schon in ihrer neuen Rolle zurecht?
Wenn wir die Daten unserer neuesten Future Forum Pulse Umfrage nach Funktionen aufschlüsseln, stellen wir fest, dass die Zufriedenheit von Führungskräften drastisch zurückgegangen ist, während sie bei Nicht-Führungskräften stabil geblieben oder leicht gestiegen ist. Der Abwärtstrend bei der Zufriedenheit der Führungskräfte ist in den Chefetagen kleiner und mittlerer Unternehmen zu beobachten, aber noch ausgeprägter ist er bei den Führungskräften größerer Unternehmen mit 1.000 oder mehr Mitarbeiter:innen. Mittlere Führungskräfte, die nicht nur ihre eigenen Teams leiten, sondern auch den Führungskräften unterstellt sind, geben in allen Gruppen die niedrigsten Werte für die Mitarbeiterzufriedenheit an. 43 Prozent der Befragten fühlen sich durch ihre Arbeit ausgebrannt.

Was sind die Gründe für diesen Einbruch?
Führungskräfte und Manager der mittleren Ebene sehen sich zunehmend mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die durch veränderte Erwartungen und Normen am Arbeitsplatz verursacht werden. In Zeiten des Wandels können sich Führungskräfte entweder neu orientieren und neue Fähigkeiten erlernen oder auf das zurückgreifen, was sich für sie bewährt hat – oft vor Jahrzehnten. Angesichts der aktuellen makroökonomischen Lage ist es verständlich, dass viele zu dem zurückkehren wollen, was in der Vergangenheit funktioniert hat. Allerdings sind inzwischen zwei Generationen von Digital Natives in die Arbeitswelt eingetreten. Die Belegschaften sind vielfältiger geworden und das Tempo des Wandels und des Wettbewerbs hat sich beschleunigt. Das bedeutet, dass sich auch die Rolle der Führungskräfte ändern muss. Und die Art und Weise zu verändern, wie man arbeitet, kann anfangs schwierig und entmutigend sein.

„Die Investition in ein ‚digitales Hauptquartier‘ erleichtert den Menschen die Zusammenarbeit und die Vernetzung. Unsere Ergebnisse zeigen die Vorteile deutlich: Mitarbeiter:innen, die in Unternehmen arbeiten, die sie als technologisch innovativ bezeichnen, geben eine 1,5-mal höheren Produktivität und eine 2,2-mal höheres Zugehörigkeitsgefühl an“, führt Sheela Subramanian aus.

Alte Denkmuster treffen auf neue Arbeitsweisen: Welche weiteren relevanten Erkenntnisse brachte in diesem Zusammenhang Ihr aktueller Future Forum Pulse zutage?
Burnout ist auf dem Vormarsch. In diesem Quartal ist die Burnout-Quote weltweit auf 40 Prozent gestiegen – ein Anstieg um 8 Prozent im Vergleich zum Mai. In Deutschland fühlen sich derzeit 35 Prozent der Wissensarbeiter:innen ausgebrannt. Auch beim Thema Burnout gibt es ein deutliches Geschlechtergefälle zwischen Frauen und Männern: Weibliche Arbeitnehmer sind 32 Prozent häufiger von Burnout betroffen als ihre männlichen Kollegen. Und auch jüngere Arbeitnehmer:innen leiden häufiger unter Burnout: 49 Prozent der 18- bis 29-Jährigen geben an, sich ausgebrannt zu fühlen, verglichen mit nur 38 Prozent der Arbeitnehmer:innen über 30 Jahren.

Nach wie vor haben wir es also mit einem “Kulturthema” zu tun. Wie kann Digitalisierung z.B. in Form einer virtuellen Unternehmenszentrale den Führungskräften helfen, „loszulassen“ und gleichzeitig „die Kontrolle zu behalten“?
Führungskräfte nennen eine sinkende Produktivität als zweitwichtigste Sorge, wenn es um das flexible Arbeiten geht. Die Daten widersprechen jedoch der Wahrnehmung der Führungskräfte: flexibles Arbeiten führt zu höherer Produktivität und Konzentration, nicht zu weniger. Unsere Daten zeigen zum Beispiel, dass Arbeitnehmer:innen mit örtlicher Flexibilität 4 Prozent höhere Produktivitätswerte aufweisen als Befragte, die ausschließlich im Büro arbeiten. Und die Flexibilität bei den Arbeitszeiten führt zu noch größeren Vorteilen. Arbeitnehmer:innen, die komplett flexible Arbeitszeiten haben, berichten über eine um 29 Prozent höhere Produktivität als diejenigen, die keine Flexibilität bei ihren Arbeitszeiten haben. Führungskräfte, die vertrauensvoll führen, loslassen können und ihren Mitarbeiter:innen die Flexibilität geben, zu arbeiten, wo und wann sie wollen, werden dafür schnell mit besseren Ergebnissen belohnt. Und letztendlich ist diese Flexibilität nur möglich, wenn Unternehmen und Führungskräfte über eine digitale Firmenzentrale verfügen.

Und wie können die Wechselwirkungen der digitalen Transformation und der Unternehmenskultur bestmöglich „eingefangen“ werden?
Die Investition in ein „digitales Hauptquartier“ erleichtert den Menschen die Zusammenarbeit und die Vernetzung. Unsere Ergebnisse zeigen die Vorteile deutlich: Mitarbeiter:innen, die in Unternehmen arbeiten, die sie als technologisch innovativ bezeichnen, geben eine 1,5-mal höheren Produktivität und eine 2,2-mal höheres Zugehörigkeitsgefühl an, als Befragte, die in Unternehmen arbeiten, die sie als technologische Nachzügler bezeichnen. Und Mitarbeiter:innen, die bei digitalen Nachzüglern arbeiten, haben ein um 38 Prozent höheres Burnout-Risiko als Befragte, die bei digitalen Innovatoren arbeiten.
Eine digitale Firmenzentrale bedeutet dabei nicht, dass man sich nie persönlich trifft. Aber die Zeit, die man gemeinsam im Büro verbringt, sollte in erster Linie für interaktive, kreative Arbeit genutzt werden: Brainstorming, Schulungen, Teambildung und Networking. Wenn Angestellte ins Büro pendeln, um dann wieder in Videokonferenzen zu sitzen, sinkt die Stimmung im Team schnell.

Letztendlich geht es natürlich auch darum, am Arbeitsmarkt attraktiv zu sein, oder? Wenn ja, wie kann das gelingen?
Flexibilität ist ein entscheidender Faktor im Kampf um die besten Talente – und nach dem Gehalt sogar der zweitwichtigste Faktor für die Zufriedenheit im Job. Wird diese Flexibilität verweigert, bekommen die Unternehmen die Folgen schnell zu spüren. Dabei ist den Befragten die zeitliche Komponente besonders wichtig. Arbeitnehmer:innen ohne flexibleArbeitszeiten geben mehr als doppelt so häufig an, dass sie sich im kommenden Jahr “sehr wahrscheinlich” nach einem neuen Arbeitsplatz umsehen werden. Sie wünschen sich mehr Entscheidungsbefugnis und Wahlmöglichkeiten darüber, wie, wann und wo sie arbeiten. Wenn Arbeitgeber darauf reagieren, indem sie die Leistung und Produktivität ihrer Mitarbeiter:innen daran messen, wie viele Stunden sie im Büro verbringen, anstatt sich auf die Qualität der Arbeit und die tatsächlichen Ergebnisse zu konzentrieren, werden ihre Talente wahrscheinlich woanders hingehen.

Über die Interviewpartnerin:

Sheela Subramanian ist Vizepräsidentin und Mitbegründerin von Future Forum. Sie verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Aufbau wachstumsstarker globaler Teams bei Google, Slack und Startup-Unternehmen. Als Verfechterin der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz wird ihre Arbeit im Wall Street Journal, der New York Times, der Harvard Business Review, Fast Company und anderen Publikationen zitiert. Sie ist außerdem Mitautorin von How The Future Works: Leading Flexible Teams to Do the Best Work of Their Lives.Sheela hat ihren BA an der Stanford University und ihren MBA an der Harvard Business School erworben und ist Mutter von zwei zauberhaften Töchtern.


Creative Commons Lizenz CC BY-ND 4.0

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