Hybride Arbeit ist nicht der Königsweg

Während der Pandemie arbeiteten viele von uns plötzlich von zuhause. Es wäre ein Fehler und sogar ein echtes Versagen von Führungskräften, diese Erfahrung mit wirklicher Remote Work gleichzusetzen.

Viele Arbeitnehmende erlebten während der Hochphase der Pandemie eine Version der Büroatmosphäre in ihrem eigenen Zuhause. Persönliche Besprechungen wurden durch tägliche Stand-Up-Calls ersetzt. Happy Hours wurden durch After-Work-Zooms ersetzt. Das, was wir in dieser Zeit erlebt haben, war kein Remote Work – denn fehlte es an Flexibilität und Autonomie.

Jetzt drängen viele Unternehmen ihre Mitarbeitenden zurück ins Büro und preisen „flexible“ oder „hybride“ Ansätze an, die in Wirklichkeit nicht flexibel sind. Das Management versäumt dabei, Arbeit neu zu erfinden.

Hybride oder „ortsunabhängige“ Arbeit wird oft als der Königsweg für Unternehmen angesehen. In der Praxis bringt hybride Arbeit aber oft das Schlechteste aus beiden Welten zusammen. Sie schränkt ein, wo Mitarbeitende wohnen und wie sie arbeiten können, und ermöglicht gleichzeitig nicht die beste Erfahrung für diejenigen, die nicht im Büro sind. Hybride Arbeitsformen stellen das Büro immer noch in den Mittelpunkt der Arbeit und bevorzugen Arbeitnehmende, die regelmäßig ins Büro fahren.

Mit einem Remote-first-Ansatz können sich Unternehmen bewusst neu organisieren, um so die Vorteile einer geografisch verteilten Belegschaft zu nutzen. Jeder Mitarbeitende lernt eine neue Denkweise kennen, von der Kommunikation bis zum persönlichen Zeitmanagement. Dadurch wird er oder sie unabhängig vom Standort zum Erfolg geführt.

Dies führt nicht nur zu einer besser organisierten Arbeitsumgebung, sondern auch zu echter Ortsunabhängigkeit – sei es am anderen Ende der Stadt oder am anderen Ende der Welt. Neue Mitarbeitende können unabhängig von ihrem Wohnort eingestellt werden, wodurch das Unternehmen einfacher wachsen kann. Mitarbeitende verbessern ihre Life-Work-Balance und können ihre Arbeit nach ihrem Privatleben ausrichten, nicht umgekehrt.

Seit acht Jahren habe ich nicht mehr in einem Büro gearbeitet, zuerst bei GitLab und jetzt bei dem Unternehmen, das ich mitgegründet habe, Remote. In all diesen Jahren habe ich immer wieder erlebt, wie Remote Work den Menschen ein ausgeglichenes, gesünderes Leben ermöglicht und sie gleichzeitig bessere Arbeit leisten.

Die besten und erfolgreichsten Remote-Unternehmen sind diejenigen, die einen besonders bewussten Ansatz verfolgen. Es ist nicht schwer, einen solchen Arbeitsplatz zu schaffen, aber es erfordert eine neue Denkweise. Wie Unternehmen sich daran ausrichten und echte Remote Work schaffen können, das möchte ich nun gerne erläutern.

Aktiv die Unternehmenskultur gestalten

Job van der Voort ist Mitgründer und CEO von Remote


Im Büro entsteht Kultur oft passiv durch spontane Gespräche, Teamaktivitäten und auch einfach durch die Umgebung wie die Einrichtung und den Standort des Büros. In einer Remote-Umgebung brauchen Unternehmen jedoch Strategien, um eine Kultur mit Intention zu etablieren. Dafür muss zunächst die Unternehmenswerte definiert werden, um dann im nächsten Schritt sicherzustellen, dass das Team diese Werte bei allem erlebt, was es tut, sieht und hört.

Ein Mitarbeiterhandbuch ist dabei ein einfaches und gleichzeitig erstaunlich wirkungsvolles Mittel, um die Kultur und die Art und Weise zu definieren, wie diese Werte in den täglichen Aufgaben zum Ausdruck kommen. Darin sollte zum Beispiel festgelegt werden, was von den Mitarbeitenden erwartet wird und wie sie ihre Aufgaben angehen sollen. Dadurch müssen sich Unternehmen nicht auf externe Faktoren verlassen, sondern können selbst gestalten, wie sich die Unternehmenskultur anfühlt.

Neue Wege für Verbindungen schaffen


Ohne die Kaffeeküche oder den Wasserspender muss ein Remote-Unternehmen neue Möglichkeiten schaffen, damit sich Mitarbeitende besser kennenlernen können.

So wird der vorrangige Kommunikationskanal – wie Slack oder Teams – plötzlich das neue Büro. Genau wie ein physischer Raum kann es ein Ort des Zusammenhalts sein, an dem nicht nur die Arbeit erledigt wird. Das bedeutet, es bedarf Räume für zwanglose Gespräche, in denen die Mitarbeitenden einfach sie selbst sein und ein wenig plaudern können. Niemand erwartet, dass jedes Gespräch zwischen Mitarbeitenden in einem Büro sofort produktiv ist, und das Gleiche muss auch für virtuelle Umgebungen gelten.

Nur weil Unternehmen Remote-First arbeiten, können sich Mitarbeitende natürlich trotzdem nach wie vor persönlich treffen. Unternehmen müssen dafür nicht zwangsweise ein Büro betreiben, sondern können auch die Kosten für Co-Working-Spaces übernehmen, sodass Mitarbeitende in der gleichen Region einen gemeinsamen Treffpunkt haben. Wichtig ist nur, dass dies nie zur Pflicht wird.

Transparenz in der Struktur verankern


Ein transparenter Informationsfluss ist das Kernstück einer produktiven Remote-Kultur. In global verteilten Teams können Fragen zu stundenlangen Verzögerungen führen, weil durch die Zeitverschiebung ein Teil des Teams schläft. Eine transparente Arbeitsstruktur mit klarer Dokumentation reduziert Fragen und stimmt die Teams auf die Strategie und die Erwartungen ab. Dazu sollten alle Teammitglieder stets wissen, an welchen Aufgaben aktuell gearbeitet wird und wer für die einzelnen Aspekte verantwortlich ist. Jede Person sollte jeden Tag in der Lage sein, sich in den Feierabend zu verabschieden und dabei genügend Infos hinterlassen, damit eine andere Person nahtlos übernehmen kann.

Dafür müssen Mitarbeitende alles dokumentieren und viel kommunizieren. Führungskräfte müssen Mitarbeitende dazu ermutigen in öffentlichen Kanälen zu kommunizieren und regelmäßig zu teilen, woran sie gerade arbeiten. Es ist wichtig, dass Richtlinien existieren, die erläutern, wo Informationen gespeichert werden und wie regelmäßig sie aktualisiert werden sollten.


Fazit


Ein ortsunabhängiger Arbeitsplatz fördert Mitarbeitende, macht sie produktiver und gibt ihnen mehr Freiheit als jedes andere Modell. Es gibt einen Grund, warum einige der innovativsten Unternehmen, darunter AirBnb, Dropbox und Shopify, auf Remote-Arbeit setzen: Es ist das Modell der Zukunft.
Wenn Unternehmen bewusst Best Practices entwickeln, schaffen sie eine Kultur mit einem gesünderen Arbeitsumfeld und glücklicheren Mitarbeitenden. Laut Gartner kann eine gute Unternehmenskultur die Leistung der Mitarbeitenden um bis zu 37 Prozent steigern und die Mitarbeiterbindung um 36 Prozent erhöhen. Auf der anderen Seite könnten Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden regelmäßig ins Büro zwingen, ein Drittel ihres Teams (33 %) verlieren.
Remote Work erfordert ein Umdenken – doch die Vorteile für Mitarbeitende und Unternehmen sind sehr weitreichend und überwiegen deutlich.

Über den Autor


Job van der Voort ist Mitgründer und CEO von Remote, einem Unternehmen, das es Arbeitgebern ermöglicht, jeden von überall aus einzustellen. Vor der Gründung von Remote arbeitete Job van der Voort als Neurowissenschaftler, bevor er die akademische Welt verließ und VP of Product bei GitLab wurde, wo er Mitarbeitende aus 67 verschiedenen Ländern einstellte. Van der Voort ist ein gefragter Keynote-Speaker, der über Themen wie die Skalierung eines Remote-Startups, die Kultur bei Remote-Unternehmen und die Zukunft der Arbeit spricht. Er hat zwei Kinder und fünfhundert Hobbys. Mehr unter www.remote.com



Aufmacherbild Quelle/Lizenz:

Photo by manny PANTOJA on Unsplash


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