HR als Schlüsselfaktor in der Krise

Viele Unternehmen sparen in der Krise an HR. Fatal, wie Cassandra Hoermann, Head of People Experience bei Personio, beschreibt.

In Zeiten, in denen alle Zeichen auf Rezession stehen, die Inflation das Land fest im Griff hat und die Lebenshaltungskrise die Menschen verunsichert, sind Unternehmen gleichzeitig gefordert, die Herausforderungen der digitalen Transformation der Arbeitswelt zu meistern. Dabei müssen die Personalabteilungen alles daran setzen, den Ansprüchen an Employee Experience gerecht zu werden, das Recruiting trotz Fachkräftemangels voranzutreiben und die Mitarbeiterbindung in Zeiten von New Work zu verbessern.

Laut Statistischem Bundesamt liegt die Inflationsrate derzeit bei 7,9 Prozent, während die Energiekosten um 35,6 Prozent gestiegen sind. Die Personalabteilungen bemühen sich nach Kräften, die Preisexplosion, die ihre Mitarbeitenden verunsichert, abzufedern, indem sie bereits heute Initiativen anbieten, die die Lebenshaltungskosten der Belegschaft abfedern sollen. Darüber hinaus investieren sie in die Employee Experience. Wo es jedoch in vielen Unternehmen noch hakt, sind schlanke und effiziente Abläufe und Strukturen – mit dem Ergebnis, dass HR-Teams nicht selten von den wichtigen, wertschöpfenden Aufgaben ausgebremst werden.

Doch auf die Organisationen kommt ein weiteres Problem zu: Neben der Gefahr einer weltweiten Rezession, vor der die Mitarbeitenden Sorge haben, glaubt nur die Hälfte daran, dass ihr Arbeitgeber weiterhin in sie investiert. Dies zeigt eine aktuelle Umfrage im Auftrag von Personio unter 7.000 Angestellten und 3.500 Personaler:innen in europäischen Unternehmen.


Autorin Cassandra Hoermann, Head of People Experience bei Personio, erläutert, warum HR in der Krise im Fokus stehen sollte.

Budgetkürzungen haben drastische Folgen

In gut jedem zweiten Unternehmen stehen Budgetkürzungen an der Tagesordnung. Was in der Krise für viele Unternehmensverantwortliche selbstverständlich sein mag, schlägt sich leider umgehend in der Employee Experience nieder. In der Folge sinken Motivation und Produktivität. Gleichzeitig steigt bei Budgetkürzungen die Arbeitslast von HR-Teams. Eine alarmierende Entwicklung, wenn man bedenkt, dass gerade ihnen in der Krise eine Schlüsselrolle zukommt – als strategischer Partner für Management und Mitarbeitende. Um  diesen Anforderungen gerecht werden zu können, müssen Unternehmen ihre HR-Prozesse effizienter gestalten, automatisieren und darüber hinaus in die Employee Experience investieren. Denn auch in diesem Bereich sprechen die Zahlen der Personio-Studie für sich: Fast die Hälfte der Befragten sind demnach unzufrieden an ihrem Arbeitsplatz und 38 Prozent planen sogar, sich in den kommenden Monaten nach einem neuen Job umsehen zu wollen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es: 91 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass ihr Arbeitgeber Mittel und Wege finden kann, die eigene Zufriedenheit zu erhöhen.

Was HR-Teams ausbremst

Wenn der HR-Abteilung eine Schlüsselrolle im Unternehmen und bei der Krisenbewältigung zukommt, stellt sich die Frage, welche Faktoren und Maßnahmen entscheidend für die Bewältigung ihrer Anforderungen und zur Stärkung der Resilienz der gesamten Organisation sind. Die gute Nachricht lautet: Die Mehrheit der Personalverantwortlichen fühlt sich gut vorbereitet, das Unternehmen bei einem wirtschaftlichen Abschwung zu stärken – und dies aus mehreren Gründen: Zum einen ist die Zusammenarbeit mit der Führungsebene zufriedenstellend und es steht genügend Budget für die Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung der Employee Experience zur Verfügung. Und zum anderen können sie auf gute HR- und Business-Tools zugreifen, die es ihnen erlauben, Ressourcen für strategische Aufgaben freizumachen. Extrem wichtig für die Wettbewerbs- und Widerstandsfähigkeit bei Krisen sind für HR-Teams außerdem, dass Unternehmen langfristige Ansätze verfolgen – sowohl im Hinblick auf die Personalstrategie als auch auf die Employee Experience.

Oftmals steht die Ineffizienz der Personalprozesse im Weg: Gut jede:r zweite HR-Verantwortliche beklagt unnötige Verwaltungsaufgaben und sich wiederholende Prozesse, sprich zeitraubende To-Dos, die keinen wirklichen Mehrwert bringen. So kommt es, dass nahezu jede:r Arbeitnehmende täglich wertvolle Zeit durch Aufgaben verliert, die nicht mit der eigenen Kerntätigkeit zusammenhängen. Der Umfrage zufolge benötigen Personaler:innen im Schnitt rund 3,5 Stunden pro Woche allein für die Beantwortung von Mitarbeiteranfragen.

Was mehr als jeden zweiten Befragten  zusätzlich beschäftigt, ist, dass ihr Unternehmen dazu neigt, überstürzte Entscheidungen bei der Personalstrategie zu treffen. Gleichermaßen viele sind der Meinung, dass ihrer Abteilung die Daten und Einblicke für strategische Entscheidungen fehlen. Allerdings sind für Unternehmen, die auch über die Krise hinaus wettbewerbsfähig bleiben möchten, gute, datengestützte Personalentscheidungen unerlässlich.

Vorbereitung auf eine drohende Rezession

Zieht man ein Résumé aus den wichtigsten Erkenntnissen der Umfrage, bedingen sich die Employee Experience, die Produktivität und der Unternehmenserfolg gegenseitig. Das bedeutet konkret: Gerade in schwierigen Zeiten ist es umso wichtiger, die Mitarbeitenden zu unterstützen und resilient aufzustellen. Motivation und Leistungsfähigkeit sind hierbei entscheidend, sodass die Employee Experience eine tragende Rolle spielt. Um solche strategischen Personalaufgaben erfolgreich angehen zu können, benötigen HR-Teams jedoch genügend Zeit, die ihnen nur dann zur Verfügung steht, wenn Routineaufgaben digitalisiert und automatisiert werden.

Um sich adäquat auf eine drohende Rezession vorzubereiten, können Unternehmen jetzt folgendes tun:

  1. Genau hinhören
    Zunächst gilt es, die aktuelle Stimmung und das Befinden der Mitarbeitenden zu analysieren. Sind finanzielle Sorgen ein Thema oder droht ein Burnout? Besteht die Angst vor einer Kündigung? Darüber hinaus wirken sich Budgetkürzungen und ein gleichzeitig erhöhtes Arbeitsaufkommen negativ auf die Employee Experience aus. HR-Verantwortliche tragen die Verantwortung dafür, sich in diesen unwägbaren und stressigen Zeiten um die Mitarbeitenden zu kümmern und sie zu begleiten. Dies bedeutet in erster Linie, deren Ängste wahrzunehmen und proaktiv Unterstützung anzubieten.
  2. Zeit für wertschöpfende Projekte schaffen
    Die Digitalisierung unternehmensweiter HR-Prozesse steigert die Effizienz aller Mitarbeitenden, indem fragmentierte HR-Prozesse, die verschiedene Tools und Teams involvieren, automatisiert werden.
  3. Den HR-Support verbessern
    Gerade in der Krise benötigen die Mitarbeitenden schnelle und effektive Unterstützung, während HR-Teams nur mit reibungslosen Prozessen all ihre Aufgaben erfolgreich meistern können. Eine zentrale HR-Help-Desk-Lösung, die alle Anfragen von Mitarbeitenden bündelt, kann beiden Parteien weiterhelfen.
  4. Budgetkürzungen im HR-Bereich vermeiden
    Je höher der Stellenwert des HR-Bereichs in der gesamten Organisation, desto weniger ist er von Budgetkürzungen betroffen. Lässt sich durch die bereits beschriebenen Maßnahmen die Employee Experience merkbar verbessern, steigen Effektivität und Produktivität der Mitarbeitenden, während die Fluktuation von wertvollen Talenten weiter sinkt. Auf diese Weise profitiert die gesamte Organisation und die Widerstandsfähigkeit gegen Krisen wird gestärkt.

Fazit

Die Rezession, auf die wir zusteuern, ist sicherlich nicht die letzte Krise, mit der sich Personalabteilungen auseinandersetzen müssen. Dass sie bei der Bewältigung großer Herausforderungen eine ganz entscheidende Rolle einnehmen und zurecht einen Platz am Management-Tisch fordern, haben sie bereits während der Pandemie unter Beweis gestellt. Daher sollten HR-Teams auch jetzt ihren Einfluss nutzen, um die Produktivität im gesamten Unternehmen zu steigern und Mitarbeitende in Zeiten der Unsicherheit zu unterstützen. Effizientere Prozesse sind dabei der Hebel, um die Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Organisation zu optimieren.