Green Building – nachhaltig bauen

von Andreas Fuhrich

Die Immobilienwirtschaft ist für einen Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich, doch die Branche droht an der Zukunft vorbeizubauen.

Nachhaltiges Bauen braucht ganzheitliche Betrachtung und detaillierte Analyse.
Der Skytower – Hauptsitz der Europäischen Zentralbank – gilt als besonders energieeffizient.

Am nördlichen Main­ufer Frankfurts gelegen, ragt mit 201 Metern eines der nachhaltigsten Bauwerke Deutschlands in die Höhe. Schon die Integration der denkmalgeschützten Großmarkthalle, die durch einen Eingangsbereich mit den ikonischen Zwillingstürmen verbunden ist und jetzt als Kantine sowie Presse- und Konferenzzentrum genutzt wird, zeugt von diesem Gedanken. Ihr Dach fungiert als Regenwassernutzungsanlage und versorgt die Toilettenspülungen in diesem Bauteil sowie die Gartenbewässerung. Ihr offener Bereich dient ebenso wie das Atrium zwischen den beiden Türmen als natürlicher Klimapuffer zwischen Innen und Außen. Die Hochhaustürme sind mit einer eigens für diesen Zweck entwickelten Fassade verkleidet, die im Sommer eine natürliche Belüftung der Büros über Zuluft-Schlitze in den Öffnungselementen erlaubt, welche sich hinter der äußeren Fassade verbergen; im Winter reduziert sie den Lüftungswärmebedarf durch Nutzung der vorgewärmten Luft aus dem Fassadenzwischenraum.

Das Gebäude ist an das Fernwärmenetz angeschlossen und verwendet zudem die Abwärme des eigenen Rechenzentrums. Sie wird sowohl in die Deckenheizung der Büros als auch in die Fußbodenheizung der Großmarkthalle geleitet. Ergänzend kommt als dritte Energiequelle für Heizung und Kühlung die Geothermie hinzu. Dafür wurden Erdsonden in die rund 30 Meter tiefen Pfahlgründungen integriert, deren Leitungsschleifen an die Wärmepumpen im Heizzentrum angeschlossen sind.

Seitdem Christine Lagarde 2019 ihr Amt innehat und das Thema grüne Geldpolitik im Innern des Bauwerks forciert, existiert auch endlich eine Einheit zwischen der nachhaltigen Funktionalität des EZB-Turms und den innen arbeitenden Funktionären. Der Begriff Nachhaltigkeit ist in aller Munde und auf höchster politischer und wirtschaftlicher Ebene angekommen. Weltweit haben Regierungen und Unternehmen die Dringlichkeit erkannt und entsprechende Maßnahmen initiiert. Nur die Immobilienbranche scheint an der Zukunft vorbeizubauen. Im aktuellen EY-Trendbarometer Immobilien-Investmentmarkt 2020 liegt der Klimawandel bei den Megatrends, die die Immobilienbranche prägen werden, an letzter Stelle. Nicht einmal eine öffentlich breit diskutierte CO2-Abgabe findet in der Branche größere Beachtung und weniger als die Hälfte der Befragten identifizieren sie als potenzielle Gefahr für das Geschäfts­modell. Dabei sollte man meinen, dass gerade die Immobilienwirtschaft beim nachhaltigen Wirtschaften voranschreitet. Schließlich ist der Gebäudesektor für einen großen Teil des Endenergieverbrauchs verantwortlich.

Laut einer Veröffentlichung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung ist der Gebäudesektor für 40 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich, wobei allein Nutzung und Betrieb schon 33 Prozent ausmachen.

In einer Veröffentlichung des Bun­desinstituts für Bau-, Stadt- und Raum­forschung aus dem Jahr 2020 wurden die CO2-Emissionen der Wohn- und Nichtwohngebäude in einer sek­tor­über­greifenden Betrachtung bilanziert. Dabei wurden die Umweltwirkungen von der Rohstoffgewinnung bis zur Errichtung von Gebäuden und von der Gewinnung bis zur Nutzung der notwendigen Energieträger für den Betrieb berücksichtigt. Im Ergebnis werden durch Herstellung, Errichtung, Mo­derni­sie­rung, Nutzung und Betrieb der Gebäu­de insgesamt ca. 40 Prozent aller CO2-Emissionen verursacht. Das entspricht einem Fußabdruck von 362 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr. Zulieferer im Ausland verursachen wei­tere 35 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente, wodurch der gesamte Fußabdruck 398 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente beträgt.

„Nur mit Leuchtturm-Projekten“, ist sich Markus Koschlik in Anbetracht dieser Zahlen sicher, „können die Ziele der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie nicht erreicht werden.“ Der Professor für Bauingenieurwesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mosbach fordert von der öffentlichen Hand, ihrer Vorbildrolle gerecht zu werden und bei eigenen Bauprojekten noch stärker auf nachhaltige Lösungen zu setzen: „In der Praxis besteht hier häufig noch der Zielkonflikt zwischen der Haushaltsplanung und dem Lebenszyklusgedanken.“ Damit das nachhaltige Bauen auch in der Breite ankommt, schlägt er vor, maßgebliche Aspekte der Nachhaltigkeit, wie z. B. Ökobilanzen, Lebenszykluskosten oder Raumluftqualitäten, über Leitlinien ver­pflichtend in die Instrumente der kommunalen Planung zu übertragen. „Aber auch weitere Maßnahmen, wie die Einführung einer Baustoffampel analog zum Nutri-Score für Lebensmittel, die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für Recyclate oder die Aufnahme der Rückbauplanung in die HOAI-Leistungsbilder, wären angemessene und wirksame Maßnahmen.“

Besonders wichtig, um den CO2-Fußabdruck der Immobilienbranche zu verkleinern, ist die nachhaltige Bewirtschaftung von Bestandsgebäuden. Von den vorgerechneten 398 Mio. CO2-Äquivalenten pro Jahr fallen allein dabei schon 297 Mio. Tonnen an. Positiv formuliert liegt hier also das größte Optimierungspotenzial.

Jörg Keßler, General Manager bei Johnson Controls, weiß, wie sich dieses heben lässt: „Ob Klimatisierung, Luft- oder Energieverbrauch: Damit Beschäf­tigte und Besu­cher sich wohlfühlen und ein Gebäude zugleich maximal effizient im Betrieb ist, sollten alle Komponenten intelligent vernetzt sein und zusammenwirken.“ Unter der Marke OpenBlue bietet er ein umfassendes Portfolio vernetz­ter Lösungen für eine wirkungsvolle Nachhaltigkeit mit neuen Nutzererfahrungen. „Ein Raum, der leer bleibt, wird nicht mehr unnötig klimatisiert und beleuchtet. Das spart Energie und senkt die CO2-Emissionen“, gibt er ein Beispiel. „Muss man heizen oder ist es auch so warm genug? Wie hoch war der Bedarf in ei­nem früheren Zeitraum? Derartige Va­riablen fließen in das intelligente Ener­gie­mo­nitoring von OpenBlue ein, sodass nur die wirklich benötigten Energiemengen erzeugt und verteilt werden.“ Bis 2050 soll der Gebäudebestand in Deutschland nahezu klimaneutral werden. Würde man solche Systeme häufiger einsetzen, könnte dies gelingen und eine immense Umweltwirkung erzielt werden – am nördlichen Mainufer Frankfurts und überall auf der Welt.

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