Future Architecture: Wie Unternehmen eine bessere Zukunft mitgestalten können

Dies ist ein Gastbeitrag von Julio Luis, Director Business Design & Innovation bei Triplesense Reply

Vielen Entscheidern fällt es schwer, ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Innovationen in ihren Unternehmen zu etablieren und voranzutreiben. Das liegt weniger daran, dass sie den Mehrwert davon nicht sehen. Vielmehr bedarf es eines – mitunter aufwändigen und unbequemen – umfassenden Änderungsprozesses und neuer Ideen. Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass es sich ökonomisch durchaus lohnt, nicht nur die Interessen der eigenen Shareholder, sondern, mehr als bisher, auch die aller Stakeholder eines Unternehmens zu berücksichtigen. Eine Studie der Boston Consulting Group besagt, dass Unternehmen, die sich Environment Social Governance (ESG) auf die Fahnen schreiben, diejenigen übertreffen werden, die das nicht tun – gerade in Bezug auf Marktbewertung und Gewinnmargen. Unternehmenslenker sollten sich jetzt die Frage stellen, wie sie komplexe Probleme, sogenannte ‚Wicked Problems‘, wie Klimawandel oder strukturelle Armut, als profitgetriebenes Unternehmen begegnen und angehen können. Technischer Fortschritt oder Gewinnmaximierung sind nicht mehr die alleinigen Treiber, um zukünftig am Markt relevant zu bleiben.

Der Future Architecture-Ansatz

Dafür braucht es non-konforme Ansätze – und hier kommt Future Architecture ins Spiel.
Denkt man bei Architektur als erstes an Bauwerke, geht es bei diesem Begriff um etwas viel Umfassenderes: Der Future Architecture-Ansatz beschreibt einen werte-basierten, kooperativen Ansatz um systematische Veränderungen zu forcieren. Oder einfacher formuliert: Einzelpersonen und Organisationen tun sich zusammen, um eine bessere und gerechtere Welt von morgen zu schaffen. Geprägt hat diesen Begriff Sharon Chang. Sie ist Gründerin der Guild of Future Architects, einem weltweiten Kollektiv von Changemakern.
Future Architecture zielt dabei nicht auf eine bestimmte Methodik oder ein Ergebnis ab. Stattdessen steht der kollaborative Prozess im Vordergrund, mit dem gemeinsamen Ziel, eine ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Zukunft voranzutreiben.

Mensch, Umwelt und Marktwirtschaft

Entscheider können sich diesem Ziel im Sinne ihrer Unternehmerverantwortung nähern, indem sie die „Triple Bottom Line“ verfolgen: das Austarieren der Bedürfnisse von Menschen, der Umwelt und marktwirtschaftlicher Interessen. Im Idealfall verbessert sich alles – von Unternehmenserträgen über Lebensumstände bis hin zu Umweltbedingungen. Die Balance macht’s. Immer wieder stellt sich dabei als erstes die Frage: Gutes tun und Geld verdienen – geht das überhaupt gleichzeitig? Schließlich dienen wirtschaftliche Interessen auf den ersten Blick dem Kerngeschäft, nicht dem Kampf gegen Hungersnöte oder Klimawandel. Dass es funktioniert, machen Unternehmen wie Patagonia und andere Benefit Corporations vor. Sie zeigen, wie man hochprofitabel sein kann und gleichzeitig systemisch integer wirtschaftet.

Schritt für Schritt zur Innovation

Eine Kehrtwende geschieht allerdings nicht von heute auf morgen. Gemäß dem Future Architecture-Ansatz gilt es, einen zentralen Innovationsprozess in Gang zu bringen. Ein Innovationsprozess bedingt allerdings mutige und unpopuläre Entscheidungen und erfordert eine Co-Kreation zwischen allen Bereichen eines Unternehmens.

Folgende Schritte helfen Unternehmenslenkern dabei, ein solches Vorgehen zu initiieren:

  1. Ausgangslage vergegenwärtigen: Zunächst gilt es das zu lösende Problem zu definieren. Darauf basierend fällt der Startschuss für die erste Iteration des Innovationsprozesses.
    Ein Beispiel: Ein global agierendes Logistikunternehmen möchte die CO2-Emissionen seiner Flotte signifikant senken. Das potenzielle und zu lösende Problem ist dabei die sogenannte letzte Meile.
  2. Trends identifizieren: Erkenntnisse und Bedürfnisse sind zu ermitteln und Marktsignale – ob stark oder schwach – aufzuspüren.
  3. Zukunftsszenarien entwickeln: Mögliche Szenarien und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten werden näher beleuchtet. Hier kristallisiert sich der Zielkorridor heraus, innerhalb dessen sich innovative Lösungen kreativ erarbeiten lassen.
    Disziplinen wie Trendforschung, Future Thinking mit Fokus auf Technologieentwicklung und nutzer-zentriertes Design führen im genannten Beispiel zu folgender Fragestellung: Wie können bestehende Bewegungsströme in urbanen Gebieten ökologisch sinnvoll genutzt werden, um ein Paket von A nach B zu transportieren? Die Lösung: Ein „kollektives Logistiksystem“, ähnlich dem Crowddelivery-Prinzip, auf welchem auch die Geschäftsmodelle von Unternehmen wie Lieferando oder Flaschenpost basieren.
  4. Prototyping starten: Die erarbeitete Lösung wird getestet – in verschiedenen Formaten, in offenen oder geschlossen Gruppen. Erkenntnisse und Ergebnisse, die dabei entstehen, fließen in die weitere Ausgestaltung und Optimierung der Zukunftsidee ein.
    Im Fall des Logistikunternehmens könnte die prototypische Lösung in einem definierten urbanen Raum erfolgen.
  5. Skalierbarkeit prüfen: Hat sich die Idee als tragfähig erwiesen, geht es darum, ihr jetzt eine größere „Schlagkraft“ zu verleihen. Sie wird um Skalierungsmechaniken konzeptionell erweitert. Die Wirkung soll nicht in einem kleinen Raum verpuffen, sondern der mögliche Impact maximal ausgereizt werden.
    Um auf das Beispiel des Logistikunternehmens zurückzukommen: Hier könnte das Konzept, das ursprünglich vor allem auf den B2C-Markt abzielte, genauso für den Einsatz im Cargo-Geschäft adaptiert werden.
  6. Realisierung vorantreiben: Die Ergebnisse aus der ersten Iteration des Innovationsprozesses gehen in die zweite große Phase (Venture Design) und werden für die reale Umsetzung vorbereitet.

Die richtigen Werkzeuge und ein gemeinsames Narrativ

Der Future Architecture-Ansatz setzt stark auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Innovation entsteht im zwischenmenschlichen Miteinander der beteiligten Personen, die an gemeinsamen Lösungen arbeiten. Um dieses Momentum zu unterstützen, empfiehlt es sich, auf neuartige Methoden zurückzugreifen. Ein gutes Beispiel ist die „Theory U“ des deutschen Aktionsforschers C. Otto Scharmer. Man übt sich darin, gemeinsam etwas Neues zu entwickeln und setzt dafür nicht nur das Gehirn, sondern den ganzen Körper ein. Mit solchen Toolsets wird eine gemeinsame Interaktion lebendig und es entstehen oft überraschende Einsichten, Gedanken, Ideen und Konzepte.

Damit der Innovationsprozess nicht an Bewegung verliert, sollten folgende Stellschrauben richtig stehen: Die oder derjenige, die/der Prozesse vorantreiben soll, muss mit entsprechendem Einfluss im Unternehmen ausgestattet sein und von der Leitung unterstützt werden. Durchhaltevermögen ist gefragt – ebenso wie die Fähigkeit, die direkten Stakeholder in einem co-kreativen, inklusiven und langen Innovationsprozess zusammenzuführen.

Außerdem ist es sinnvoll, so viele Stakeholder wie möglich in den Prozess zu involvieren, statt mit einer kleinen Gruppe einen Testballon zu starten. Damit die Mitarbeiter und Stakeholder aktiviert werden, braucht es außerdem ein starkes Narrativ. Im besten Fall ist eine Idee ansteckend und erzeugt eine Sogwirkung. Manchmal ist sie erklärungsbedürftiger, dann hilft gutes Storytelling, um alle auf diese Reise mitzunehmen. Für den messbaren Erfolg zeigen etablierte Kennzahlen, wo man im Prozess steht: Wieviel Prozent erneuerbarer Energien werden genutzt? Wie viel Kilogramm Abfall wird in Fertigungsprozessen eingespart? Um wie viele Jahre verlängert sich die Lebenszeit eines Produkts?

Künftig werden diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, die nicht nur die Interessen der Stakeholder aus erster Reihe – also Eigentümer und Unternehmer – berücksichtigen, sondern sich mit einem erweiterten Kreis aus Stakeholdern, nämlich Gesellschaft und Umwelt, auseinandersetzen. In führenden Wirtschaftsräumen der EU, USA und China dreht sich die Entwicklung immer schneller in Richtung Nachhaltigkeit, die Regulatorik zieht an. Wer die Zukunft mithilfe eines Future Architecture-Ansatzes positiv, ökologisch nachhaltig und sozial gerecht gestaltet, wird auch als Unternehmen von heute in den Markt von morgen getragen.

Über den Autor

Julio Luis ist als Director Business Design & Innovation bei Triplesense Reply verantwortlich für die Planung und Durchführung von Projekten im Umfeld digitaler Transformation und Innovation. Mit seinem Team berät er Kunden dabei, wie sie mithilfe eines Future Architecture-Ansatzes mehr Nachhaltigkeit in ihre Geschäftsmodelle bringen können. Weitere Infos: https://fa.triplesensereply.de

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