Findet der Algorithmus Ihren Lieblingsplatz?

Dies ist ein Gastbeitrag von Roman Hennig CEO, Orizon GmbH, Augsburg

Ob Robo-Recruiting, automatisiertes Matching oder Sprach- und Videoanalyse – künstliche Intelligenz (KI) und digitale Tools sind im Recruiting derzeit in aller Munde. Viele Unternehmen experimentieren mit den neuen Möglichkeiten – stets mit dem Ziel, offene Stellen noch schneller, effizienter und passgenauer besetzen zu können. Bei Orizon haben wir eine ganz besondere Sichtweise, wenn es um digitale Bewerbungsprozesse und die aktuellen Fähigkeiten entsprechender Technologien geht.

Roman Hennig: Wir können die Verantwortung für Chancengleichheit und Vorurteilsfreiheit in Bewerbungsprozessen nicht an einen Computer abgeben nach dem Motto: „Mach‘ uns mal Vielfalt“.

Blended Recruiting – die Mischung machts

Wir bezeichnen unsere Herangehensweise als „Blended Recruiting“. Das bedeutet, dass digitale Anwendungen und persönlicher Kontakt sich ergänzen und fließend ineinander übergehen. Allerdings liegt unser Fokus eindeutig auf der persönlichen Beratungsebene. Wir wollen unsere Bewerber*innen ebenso kennenlernen wie unsere Kundenunternehmen, ein Gespür für die jeweiligen Bedürfnisse entwickeln und auf dieser Basis möglichst viele „Volltreffer“ landen. Im Bereich digitaler Technologien haben wir bei Orizon bereits Vieles ausprobiert. Selbstverständlich nutzen wir digitale Technologien, zum Beispiel ein modernes Customer Relationship Management-System oder Anwendungen für das Bewerbermanagement. Das erleichtert nicht nur unsere Arbeit und die unserer Kund*innen – auch die Bewerber*innen schätzen den unkomplizierten Einstieg über digitale Tools. Gerade die jüngere Generation will heute keinen Papierfragebogen mehr ausfüllen. Bei einzelnen Themen waren wir Vorreiter und haben zum Beispiel schon vor einigen Jahren das KI-unterstützte Matching von Bewerber*innen und offenen Stellen getestet. Unter dem Strich mussten wir damals feststellen, dass einige der neuen Entwicklungen am Bedarf vorbei gingen oder einfach noch zu unausgereift waren. Vielversprechend ist Robo-Recruiting in Zukunft sicherlich für die Vorauswahl von Kandidat*innen insbesondere bei weniger komplexen Stellenprofilen. Dort ermöglichen Algorithmen ein schnelleres Screening und damit eine effizientere Besetzung von Stellen. Geht es hingegen um höherqualifizierte Bewerber*innen – beispielsweise im Bereich der direkten Personalvermittlung –, so werden digitale Tools der persönlichen Beratung auf absehbare Zeit noch nicht das Wasser reichen können.

Vielfalt geht vor

Eine weitere wichtige Frage beim Thema KI im Recruiting ist die nach der Objektivität. Ein Computer ist zunächst einmal in dem Sinne objektiv, als dass er nicht den Kleidungsstil oder das Alter von Kandidat*innen beurteilt. Diese Aspekte nehme ich als Mensch in einem persönlichen Gespräch an meinem Gegenüber zwangsläufig wahr – ob ich will oder nicht. Aber: Wir können die Verantwortung für Chancengleichheit und Vorurteilsfreiheit in Bewerbungsprozessen nicht an einen Computer abgeben nach dem Motto: „Mach‘ uns mal Vielfalt“. Diese Verantwortung tragen wir alle gemeinsam: Personalberater*innen wie auch Arbeitgeber*innen. Gefragt sind der persönliche Blick auf die Menschen und eine ordentliche Portion Mut, auch einmal ungewöhnliche Personalentscheidungen zu treffen und nicht immer nur nach dem gleichen Schema vorzugehen.

Gerade in der Zeitarbeit stößt künstliche Intelligenz derzeit recht schnell an ihre Grenzen, denn dort haben wir es häufig nicht mit schnurgeraden, karriereorientierten Lebensläufen zu tun. Orizon berät und vermittelt auch Berufseinsteiger*innen, Wiedereinsteiger*innen, Langzeitarbeitslose oder Geflüchtete – einem Matching-Algorithmus ist schwer zu erklären, dass auch ein*e Kandidat*in mit Lücken im Lebenslauf oder einer längeren Phase der Beschäftigungslosigkeit vielleicht genau der richtige Mitarbeitende sein könnte. Auch wenn Robo-Recruiting, zum Beispiel ein Bewerberinterview mit einem Chatbot, nur eine Vorauswahl treffen soll: Wer einmal aussortiert ist, erhält meist gar nicht erst mehr die Chance auf ein persönliches Kennenlernen mit dem potenziellen Arbeitgeber. Genau darauf kommt es aber an. Bewerber*innen, die auf den ersten Blick für eine bestimmte Stelle weniger geeignet erscheinen, können sich im persönlichen Beratungsgespräch eben doch als Wunschbesetzung entpuppen.

Der menschliche Faktor, persönlicher Zuspruch und Einfühlungsvermögen spielen beim Thema Arbeit und Personal eine herausragende Rolle. Sich im Job wohlzufühlen, die eigenen Talente einsetzen und sich weiterentwickeln zu können, hängt mit so vielem mehr als nur der formalen Qualifikation oder einem ansprechenden Gehalt zusammen.

Roman Hennig, Orizon GmbH

Empathie statt automatisiertes Matching

Empathie ist aus meiner Sicht in diesem Zusammenhang von elementarer Bedeutung. Der menschliche Faktor, persönlicher Zuspruch und Einfühlungsvermögen spielen beim Thema Arbeit und Personal eine herausragende Rolle. Sich im Job wohlzufühlen, die eigenen Talente einsetzen und sich weiterentwickeln zu können, hängt mit so vielem mehr als nur der formalen Qualifikation oder einem ansprechenden Gehalt zusammen. Das zeigen auch die von Orizon in Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Marktforschungsinstitut Lünendonk jährlich durchgeführten Arbeitsmarktbefragungen unter Arbeitnehmer*innen in Deutschland. Erfahrene Personalberater*innen besitzen ein Gespür dafür, ob eine bestimmte Stelle zu jemandem passen könnte oder nicht. Das ist unser Anspruch: Arbeitsplätze zu Lieblingsplätzen zu machen.

Dieses Ziel wird alleine durch eine digitale Technologie – wie ausgereift sie auch sein mag – auf absehbare Zeit nicht zu erreichen sein. Wir haben den Markt weiterhin aufmerksam im Blick, so dass wir sehr genau bewerten können, welche digitalen Instrumente unsere Arbeit sinnvoll unterstützen können. Im Zweifel entscheiden wir uns aber gegen ein neues Tool, wenn die Evaluation ergibt: Das bringt uns, unsere Kund*innen und unsere Bewerber*innen derzeit nicht weiter. Der Einsatz automatisierter Prozesse kann nie Selbstzweck sein, sondern muss einen ganz klaren Nutzen haben. Orizon setzt digitale Anwendungen als Türöffner und Hilfestellung in der operativen Abwicklung ein – aber um alles andere kümmern wir uns persönlich.

Weitere Informationen unter:
https://www.orizon.de/de

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.