Finanzwelt im Wandel

Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind die größten Treiber der Branche, in der neue Konkurrenten für etablierte Finanzdienstleister auftauchen.

von Andreas Fuhrich

Es ist unwahrscheinlich, dass Banken mit einem größeren Realexperiment für die erzwungene Nutzung der Digitalisierung konfrontiert werden als durch Covid-19“, mutmaßt Stuart Graham, Mitbegründer von Autonomous, einem unabhängigen Marktforschungsunternehmen, welches die Auswirkungen der Pandemie auf die Branche weltweit untersucht. Der hervorstechendste Technologietrend, der durch die notwendigen Filialschließungen während der Lockdown-Phasen beschleunigt wurde, ist die digitale End-to-End-Verarbeitung, die Bankensysteme so einrichtet, dass
persönliche Interaktion vollständig entfällt. Drei Viertel der befragten Banken gaben an, dass sie nun in der Lage sind, Hypotheken oder Kredite für kleine und mittlere Unternehmen anzubieten, ohne persönlich mit dem Kunden zu interagieren. Nur acht Prozent gaben an, dass die Kunden für diese Produkte noch in die Filiale kommen müssen.

Nebenbei wurde dabei auch die für die Finanzwirtschaft so wichtige Kundengruppe der Silver Society digital aktiviert. Nie zuvor ging es Senioren so gut wie jenen der Wirtschaftswundergeneration.
Sie profitieren sowohl von auskömmlichen gesetzlichen als auch betrieblichen Renten. In der Regel weniger aufgeschlossen gegenüber digitalen Neuerungen rücken sie in diesem Punkt nun näher an die Generation ihrer Enkel – den Kunden 2.0 – heran.

Jung und technikaffin verlangen diese vor allem intuitive und einfache Prozesse und scheuen sich nicht, neue Dienstleistungen und digitale Anwendungen zu nutzen und in ihren Finanzalltag zu integrieren. Werden ihre Erwartungen an Services und Konditionen nicht erfüllt, ist diese Kundengruppe schnell bereit, den Finanzpartner auszutauschen oder zu ergänzen. Das Alles-unter-einem-Dach-Konzept vorangegangener Generation ist ihnen fremd.

Neu entstandene Neo-Banken verstanden am ehesten, diese Kundengruppe für sich zu gewinnen. Rein digital konzipiert und ohne kostspielige Filialen können sie ihre Basisangebote oft kostenlos
anbieten. Ungebremst durch schwerfällige Strukturen und Legacy-Systeme und gerne mit FinTechs kooperierend sind sie in der Lage, innovative Trends wie Robo-Advisory und Kryptowährungen in kürzester Zeit in ihr Dienstleistungsportfolio aufzunehmen. So schaffen sie ein wachsendes, an den Bedürfnissen ihrer Kunden ausgerichtetes, digitales Ökosystem.

„Eine obsolete, weil unflexible Systemarchitektur bremst digitale Innovationen aus“, weiß auch Martin Beyer. Der Vorstandssprecher der Fiducia und GAD IT AG berichtet daher über die 2019 abgeschlossene „Mammutintegration“ von mehr als 340 VR-Banken auf agree21: „Allein dadurch gewinnen die VR-Banken die notwendige Flexibilität, um mit dem rasanten Markttempo schrittzuhalten. Damit stehen digitale Mehrwertangebote schneller und zu deutlich geringeren Entwicklungskosten bereit, als dies mit einem monolithischen Kernbanksystem jemals möglich gewesenen wäre. Außer handfesten Kosten- und Effizienzvorteilen stellte die Migration letztlich also die entscheidenden Weichen für höhere Agilität im Wettbewerb.“ Sukzessive entwickelt sich so die heutige Vertriebsplattform zu einer offenen Markt- und Integrationsplattform. „Diese erweiterte Plattform ist nicht nur für eigene Lösungen konzipiert, sondern integriert auch nahtlos Angebote und Lösungen der Verbundpartner, aber auch von Drittanbietern, da wo es opportun er scheint.“


Lesen Sie im Gastbeitrag wie man digitale Näher erreicht

Martin Beyer

>>> Plattformökonomie: So geht Kundenbindung heute


Der digitale Hype, der die Branche erfasst hat, blieb auch von den sogenannten BigTechs nicht lange unbemerkt. Apple, Google, Amazon und Facebook dringen mit neuen Dienstleistungen in den Markt ein. Apple Pay und Google Pay waren hierzulande gerade rechtzeitig auf dem Markt, um von einem Hygieneplus des kontaktlosen Mobile Payment in Corona-Zeiten zu profitieren. Einer infas-quo-Umfrage im Auftrag der Euro Kartensysteme folgend nutzen 27 Prozent der Befragten zwischen 16 und 69 Jahren die digitale Girocard im Alltag, während noch 2019 57 Prozent das Verfahren überhaupt nicht kannten.

Amazon hingegen schickt sich an, das Bezahlen im Onlinehandel via Amazon Pay zu vereinfachen. Im Amazon-Nutzerkonto gespeicherte Daten lassen sich per einfachem Klick oder Alexa-
Sprachsteuerung auf anderen Händlerportalen zum Einkauf nutzen. Ein zusätzliches Log-in für andere Händler entfällt dadurch.

Digitale Währung

Facebook schließlich wollte mit Libra nichts Geringeres als eine digitale Weltwährung erschaffen. Nachrichten, Fotos und Videos lassen sich kostenlos und in Sekundenbruchteilen verschicken. Überweisungen brauchen teils Tage und sind teuer, sobald Grenzen überschritten werden und unterschiedliche Währungen ins Spiel kommen. Das Konzeptpapier aus dem Sommer 2019 sah eine digitale Währung vor, die auf einem Korb an Fiatwährungen wie Euro und Dollar basieren sollte. Zur Entwicklung der Libra-Blockchain und Verwaltung der Libra-Reserve – reale Gegenwerte, die die Währung stützen und eine geringe Volatilität aufweisen sollten – wurde eigens dafür in Genf die Libra Association gegründet. Neben Facebook gehören zu den Gründungsmitgliedern des Konsortiums auch Unternehmen wie Spotify, Uber, Vodafone oder E-Bay. „Wir glauben, dass die Zusammenarbeit und Innovation mit dem Finanzsektor, einschließlich der Regulierungsbehörden, der einzige Weg ist, um sicherzustellen, dass ein nachhaltiges, sicheres und vertrauenswürdiges Rahmenwerk diesem neuen System zugrunde liegt“, ließ die Organisation in einer ihrer ersten Pressemeldungen verlauten. Doch die erhoffte Zusammenarbeit gestaltete sich schwieriger als gedacht. Vielmehr hagelte es Kritik und die Einführung einer Parallelwährung mit dem Potenzial, das Finanzsystem zu destabilisieren, wurde befürchtet. Ganz zu schweigen von den Datenschutzbedenken, die eng mit dem sozialen Netzwerk verknüpft sind. Auch das Zuckerberg noch 2019 unter Eid versichern musste, dass er ohne die explizite Genehmigung der US-Regulierer keine Währung auf den Markt bringen würde, half dabei wenig.

In Deutschland könnte die Inflation bis Jahresende mehr als 3 Prozent betragen.

Isabel Schnabel

Seit dem ersten Dezember 2020 heißt Libra Diem, verbunden mit einer strategischen Neuausrichtung. Diem arbeitete ausschließlich mit der Schweizer Finanzaufsicht Finma zusammen. Die Hoffnung: Wenn diese die Digitalwährung absegne, würden andere Länder sicher folgen. Doch auch dieses Vorhaben scheiterte unlängst. Der „intensive Lizenzierungsprozess in der Schweiz und das konstruktive Feedback der Finma und von mehr als zwei Dutzend anderen Regulierungsbehörden weltweit“ seien für das Projekt sehr hilfreich gewesen, versuchte Diem das erneute Scheitern positiv
auszudrücken.

Seit dem 13. Mai steht nun fest, dass Diem seinen Hauptsitz in die USA verlagert. Von den Plänen einer Weltwährung, die auf einem Korb an Fiatwährungen beruht, ist nichts mehr übrig gewesen und Diem schrumpft zu einer nur an den Dollar-Kurs gekoppelten digitalen Währung. Ein sogenannter Stable Coin – einer von vielen.

Ein Erbe der Libra-Diem-Debatte ist immerhin, dass das Thema Digitale Währung auf die Agenda der Zentralbanken gerutscht ist. Während die USA, Kanada und Europa solche Vorhaben bisher lediglich angekündigt haben, schafft China Fakten. Seit 2020 existieren dort bereits Apps, die das Bezahlen in E-Yuan bzw. Chinese Digital Currency Electronic Payment (DCEP), wie es offiziell heißt, ermöglichen. Auch erhalten Menschen dort einen Teil ihrer staatlichen Leistungen auf diese Weise.

In Europa wird man mindestens bis 2025, wenn nicht länger, auf die Einführung eines digitalen Zentralbankgelds warten müssen. Mitte Januar gab EZB-Präsidentin Christine Lagarde zu Protokoll, dass die 2020 zu diesem Zweck eingesetzte Taskforce allein so lange benötige, um die „institutionellen, rechtlichen und praktischen Aspekte zur Schaffung eines digitalen Euros zu klären“. Einer der größten Vorteile digitaler Währungen wären sekundenschnelle und dennoch kostengünstige Überweisungen über Landesgrenzen und Kontinente hinweg. Gerade wer viel im Ausland oder für ausländische Firmen arbeitet, müsste so nicht länger wochenlang auf seine Bezahlung warten. Hierzu zählen auch die sogenannten digitalen Nomaden, die globetrottend mit ihrem Laptop umherziehen und dabei an unterschiedlichsten Projekten auf selbstständiger Basis arbeiten.

Anders als bisherige Kryptowährungen böte das digitale Geld der Zentralbanken vor allem Sicherheit und Stabilität. „Der E-Euro ist sehr viel weniger von Kursschwankungen bedroht. Zahlungsvorgänge werden einwandfrei ausgeführt, Zahlungsströme erfolgen rechtskonform“, erläutert Prof. Dr. Horst Gischer. Mit Blick auf Diem ergänzt der Finanzwissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg: „Die EZB hat kein Interesse an der Vermarktung der Nutzerdaten oder der Verwertung anderer Informationen über die Menschen, etwa für Werbung.“

Nachhaltigkeit

Zudem ist die Schaffung eines E-Euros anders als bspw. der Bitcoin nicht an eine Unmenge an Energie zur Verschlüsselung gebunden. „Wir sind besorgt über die rasch zunehmende Verwendung
fossiler Brennstoffe für das Bitcoin-Mining“, begründete Elon Musk Mitte Mai per Tweet, warum Tesla diesen als Zahlungsmittel nicht mehr akzeptiere, und sorgte so für einen Kurseinbruch. Auch wenn er glaube, dass Kryptowährungen eine „vielversprechende Zukunft“ hätten, könne dies nicht „mit hohen Kosten für die Umwelt verbunden sein“. De facto kalkuliert ein Rechner der Universität Cambridge stetig den jährlichen Stromverbrauch für das Schürfen und Transaktionen des Bitcoins. In der Woche vor dem Musk-Tweet wurde dabei mit 148,46 Terawattstunden (TWh) der bisherige Spitzenwert berechnet – das liegt zwischen dem jährlichen Stromverbrauch der EU-Staaten Schweden (132 TWh) und Polen (153 TWh).

 

Nachhaltige Investmentfonds und Mandate: Die Entwicklung nachhaltiger Investmentfonds und Mandate verzeichnet seit 2018 eine stark ansteigende Zuwachsrate.

Dadurch, dass die Gesamtmenge der zu schürfenden Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt ist und die dazu nötigen Rechenverfahren immer aufwendiger werden, ist ein Inflationsschutz in die populärste Kryptowährung fest integriert. Doch neben Umweltbedenken erschüttern auch extreme Kursschwankungen das Vertrauen möglicher Investoren. Hier macht sich, anders als bei
einer von einer Regulierungsbehörde abgesegneten Währung, der sogenannte Tinkerbell-Effekt bemerkbar. Wie bei der Fee in Peter Pan hat der Bitcoin nur so lange einen Wert, wie die Menschen
daran glauben.

Im Gegensatz dazu ist die Entwertung des Notenbankgeldes in der Regel ein schleichender Prozess. „In Deutschland rechnen wir damit, dass es durchaus zu einer Inflation kommen kann, die größer ist als 3 Prozent“, unkte unlängst EZB-Direktorin Isabel Schnabel. Bis 2045 würden sich damit die jetzigen Preise verdoppeln. Wohin also mit dem Geld angesichts des anhaltenden Niedrigzinses und einer im Nachklang der Coronakrise zunehmenden Geldentwertung. Als wertbeständig kommen dabei neben Immobilien vor allem Rohstoffe infrage. Wie beim Bitcoin ist auch hier die Menge begrenzt, was die Werterhaltung absichert. Vor allem Gold hat sich dabei zudem in Krisenzeiten stets bewährt.


Wie in Mining- und rohstoffunternehmen investiert und dabei ökonomisch und ökologisches Abbauen unterstützt werden kann, erläutert unser Experte Tobias Tretter.

>>> Rohstoffinvestments mit gutem Gewissen


„Bei vielen Investoren hat Mining aber leider immer noch das Image ein großer Umweltsünder zu sein“, erläutert Tobias Tretter in diesem Zusammenhang und stimmt mit Blick auf China, Afrika oder Russland diesen Befürchtungen zu. Grundsätzlich jedoch arbeiten die meisten Minen heutzutage sehr nachhaltig und das Thema sowie die Reduzierung von Treibhausgasen wird sehr ernst genommen. „Newmont als weltweit größter Goldproduzent hat sich dazu verpflichtet, 500 Millionen US-Dollar in die Reduzierung der Treibhausgase zu investieren, und man wird den CO2-Ausstoß bis 2030 um 30 Prozent reduzieren und bis spätestens 2050 komplett CO2-neutral Rohstoffe abbauen“, gibt der Vorstand der Commodity Capital AG ein Beispiel. Gemeinsam mit seinem Team setzt er sich aktiv für nachhaltigen Rohstoffabbau ein, schaut sich zu diesem Zweck die Minen direkt vor Ort an und trifft darauf basierend die Investitionsentscheidungen für seine angebotenen Fonds.
Ein möglicher Baustein, damit auch die Enkel der heutigen Silver Society ihren Ruhestand genießen können.

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