ESG und Absicherung: Die Must-Haves für Investoren

Was ist wirklich nachhaltig? Wie können sich Investoren strategisch gegen Marktrisiken absichern? Welche Auswirkungen haben aktuelle legislative Initiativen auf die ESG-Sektoren? Diesen Fragen geht  Leo Willert, Gründer und Head of Trading bei ARTS Asset Management in seinem Beitrag nach.

Gründer und Head of Trading bei ARTS Asset Management Leo Willert

Das aktuelle Kriegsgeschehen in der Ukraine und die damit verbundene Energiekrise Europas hat viele andere Themen in den Hintergrund rücken lassen. So auch das Thema Nachhaltigkeit. Zwar gibt es noch vereinzelt Meldungen sowie Initiativen, die auf die weiterhin bestehende Klimakatastrophe hinweisen, doch im Moment bewegen Inflation, Heizkosten, Zinsanstiege und die drohende Rezession die Gemüter. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage von KPMG unter CEOs internationaler großer Unternehmen offenbarte immerhin, dass ESG als Stellschraube für die eigene Unternehmensperformance zunehmend anerkannt wird. Jedoch gab die Hälfte der befragten Manager an, die eigenen ESG-Bemühungen in den nächsten sechs Monaten zu stoppen oder zu überdenken, wenn die wirtschaftliche Unsicherheit anhält. Ein Drittel der Befragten hat dies der Umfrage zufolge bereits getan.

Aus den Augen, aus dem Sinn funktioniert nur nicht. Auch wenn die Erderwärmung aus manchen Köpfen verschwinden mag, wachsen die tatsächlichen und finanziellen Risiken der Zukunft weiter an. Es mag schon sein, dass sich kurzfristig auch gute Renditen in der „alten“ CO2-Industrie erzielen lassen und Unternehmen sich kurzfristig entlasten, wenn diese auf die ESG-Bremse treten. An einer konsequenten und zügigen Umgestaltung hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise führt trotzdem kein Weg vorbei. Zum Glück haben offensichtlich Anleger die langfristige Bedeutung von ESG erkannt: Laut dem BVI stieg das in nachhaltigen Fonds investierte Vermögen in Deutschland im ersten Halbjahr 2022 trotz der Marktunsicherheiten auf ein neues Rekordhoch von 718 Mrd. Euro, eine Steigerung um 48 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das stimmt optimistisch, trotz der starken Gegenbewegung der Märkte.

Für Nachhaltigkeit gibt es keine klare Definition

Aber ab wann agiert ein Unternehmen wirklich nachhaltig? Wie nachhaltig ist Nachhaltigkeit? Viele haben eine subjektive Empfindung, was unter dem Begriff „Nachhaltig“ zu verstehen ist und was nicht. Aber ist dies auch global oder zumindest europaweit deckungsgleich? Ist zum Beispiel Atomkraft jetzt „grün“ und nachhaltig? 

Eines ist klar, nachhaltiges Investieren bedeutet natürlich nicht nur die Einhaltung ökologischer Kriterien bei der Auswahl von Wertpapieren, sondern auch die Berücksichtigung sozialer und Governance-bezogener Aspekte. Die hitzige Diskussion um die Einstufung ganzer Branchen, wie der Atomindustrie als nachhaltige Wirtschaftsaktivität im Rahmen der EU-Taxonomieverordnung, führt vor Augen, wie schwierig eine Zuordnung sein kann.

Nachhaltigkeitssiegel geben Standards vor

Im Finanzbereich haben sich mittlerweile verschiedene Nachhaltigkeitssiegel etabliert. In Österreich ist das staatlich vergebene Gütesiegel „Österreichische Umweltzeichen UZ49“ ein bewährter Standard für Nachhaltigkeit. Um sich dafür zu qualifizieren, müssen Finanzprodukte über Auswahlprozesse verfügen, die Branchen wie die Atom- oder Rüstungsindustrie ausschließen und diejenigen Investments identifizieren, die eine positive Wirkung für Umwelt und Soziales entfalten. Das FNG-Siegel für nachhaltige Investmentfonds des Forums für nachhaltige Geldanlagen (FNG) ist ebenso ein etabliertes ESG-Label für Fonds im deutschsprachigen Raum. Dabei werden die Nachhaltigkeitskriterien in Zusammenarbeit mit Finanzfachleuten und Akteuren aus der Zivilgesellschaft festgelegt und stetig weiterentwickelt. Bei der Definition der Mindeststandards orientiert sich das FNG-Siegel am UN Global Compact.

Um jedoch sicherzugehen, dass der eigene Nachhaltigkeitsbegriff mit der verfolgten Anlagestrategie eines nachhaltigen Fonds übereinstimmt, sollten Anleger das Nachhaltigkeitskonzept jedes Fonds individuell überprüfen.

Nachhaltigkeit schützt nicht vor Marktrisiken

Ein nachhaltig anlegender Fonds investiert primär in Unternehmen und Staaten, die vorausschauend handeln und einen aktiven Beitrag dazu leisten, Umwelt-, Sozial- und Unternehmensrisiken zu senken. In Folge sollten diese Unternehmen und Staaten dadurch auch selbst weniger von externen Umwelt-, Sozial- und Unternehmensrisiken betroffen und besser für die Zukunft gerüstet sein.

Jedoch entspricht eine Einstufung als nachhaltiges Unternehmen nicht automatisch einer Absicherung gegen sämtliche Risiken. Ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen ist meistens genauso von konjunkturellen Einbrüchen negativ betroffen wie ein konventionell agierendes Unternehmen. Dies zeigt sich auch an der Entwicklung nachhaltiger Aktienindizes. So liegt beispielsweise der MSCI World ESG Screened Index im gegenwärtigen von Unsicherheiten geprägten Marktumfeld mit -21,41 Prozent year-to-date (Stand 31.10.2022) sogar etwas stärker im Minus als der Mutterindex MSCI World mit -21,17 Prozent.

Marktrisiken strategisch absichern

Um Marktrisiken effektiv zu begrenzen, bedarf es aber eines aktiven Portfolio-Managements. Und dies unabhängig vom Nachhaltigkeitsgrades des Investmentfonds. Denn eine aktive Anlagestrategie bietet gegenüber einer passiven Anlagestrategie den klaren Vorteil, dass aktiv in die Fondszusammensetzung eingegriffen werden kann, wenn sich Marktturbulenzen andeuten. So kann das Portfolio durch eine Umschichtung von Aktien in risikoärmere Assets wie nachhaltige Anleihen oder den Geldmarkt abgesichert werden. Wenn die Marktdaten einen Markteinbruch andeuten, kann die Aktienquote reduziert und im Worst Case sogar auf null Prozent heruntergefahren werden. Beim nachhaltigen Momentum-Fonds C-QUADRAT ARTS Total Return ESG T (ISIN: AT0000618137) beträgt die effektive Aktienquote aktuell rd. 18 Prozent (Stand: 31.10.22). Stop-Loss-Limits auf einzelne Werte stellen ein weiteres zusätzliches Absicherungsinstrument dar. Zieht der Markt an, wird wieder in nachhaltige Aktien investiert. Das Investment atmet also mit dem Markt und schlechte Zeiten an den Börsen müssen nicht ausgesessen werden.