Energieeinkauf: ohne Digitalisierung keine Chance

Das Unternehmen enPORTAL ist ein führender IT-Dienstleister und Portalbetreiber für die digitale Beschaffung von Strom und Gas und ein cloudbasiertes Energiedatenmanagement. Mittelständische Unternehmen aus allen Branchen mit einem Jahresverbrauch ab 100.000 Kilowattstunden im Jahr nutzen das Energieportal für Ihre Energiedatenverwaltung und für Ausschreibungen über den digitalen Marktplatz mit über 650 Energielieferanten. Seit Jahresbeginn 2022 sind bereits 600 Ausschreibungen mit einem Gesamtvolumen von 7,5 Terawattstunden Energie über den digitalen Marktplatz gelaufen. Wir haben den enPORTAL Geschäftsführer Clemens Graf von Wedel zum Interview getroffen.

Herr Graf von Wedel, wie ist die Lage bei den Energieeinkäufern und welche Stimmung nehmen Sie aktuell wahr?
Unsere Kundenbetreuer stehen im täglichen Austausch mit Energieeinkaufsabteilungen und verantwortlichen Energieeinkäuferinnen/-einkäufern und daher erhalten wir ein recht gutes Bild zur Stimmungslage. Wir bemerken aktuell, dass die Lage sehr angespannt und viele Energieverantwortliche recht unsicher sind. Zwischen Vertriebsstopp-Wochen vonseiten der Energieversorger, kurzen Zeitfenstern mit Bindefristen von max. 5 Minuten oder nur Tranchen-Angeboten an einem einzelnen Tag variieren die Optionen täglich. Die Betonung liegt auf täglich. So haben wir jeden Tag neue Herausforderungen, denen wir uns gemeinsam mit unseren Kunden stellen müssen. Daher gilt es permanent neu zu prüfen, welche Optionen die besten für das jeweilige Unternehmen sind. Aber hier sind wir mit unserem digitalen Tool bestens aufgestellt und können das auch für unsere Einkäufer/-innen gewährleisten.

Welche Veränderungen gibt es bei Energieausschreibungen, die über Ihren digitalen Marktplatz laufen?
Ja, tatsächlich nehmen wir eine elementare Veränderung bei den von uns betreuten digitalen Ausschreibungen von Strom und Gas wahr: Früher haben die Unternehmen bzw. Einkäufer diktiert, welche Beschaffungsform, Zahlungsziele oder z. B. Toleranzbänder sie wünschen – heute sind es aufgrund der extremen Preisexplosionen die Lieferanten, die den Ton angeben bzw. auch angeben müssen, weil sie selbst vom volatilen Energiemarkt abhängig sind. Das Blatt hat sich somit um 180 Grad gedreht. So geben Energieversorger derzeit an, wann sie welche Preise machen können oder eben nicht. Verändert hat sich auch die Prüfung der Bonität, die bei einigen Energieversorgern derzeit bis zu 10 Tage dauern kann.

„Die Lage ist wirklich angespannt, aber auch jetzt zeigt sich, dass sich Wettbewerb auszahlt“, stellt Clemens Graf von Wedel fest. (Bildquelle: enPortal)

Wie viele Angebote erhalten Energieeinkäufer denn derzeit, wenn Sie eine Ausschreibung durchführen?
Vielleicht blicken wir kurz zurück: Durch unsere über 650 integrierten Energieversorger auf dem Strom- und Gasmarktplatz hatten wir bis 2021 im Durschnitt zwischen 10—25 Angebote je Ausschreibung, bei attraktiven Unternehmen natürlich deutlich mehr. Heute sind die Einkäufer froh, wenn sie Angebote erhalten und gar noch auswählen können. Die Lage ist wirklich angespannt, aber auch in der jetzigen Situation zeigt sich: ein Wettbewerb zahlt sich aus und wir finden gemeinsam mit dem Kunden eine Lösung und einen passenden Energieliefervertrag. Manchmal wiederholen wir eine Ausschreibung eine Woche später, wenn von den Lieferanten die Information kommt, dass sie dann voraussichtlich wieder anbieten können. Wichtig ist der direkte Draht zum Markt, zu den Vertriebsentscheidern bei den Energieversorgungsunternehmen und die Kenntnis über die Börsenentwicklung – diese Infos haben wir, sodass wir unsere Einkäufer/-innen bestens auf dem Laufenden halten und beraten können.

Gibt es auch Änderungen bei Beschaffungsformen? Kaufen die meisten eher für ein gesamtes Lieferjahr ein oder eher kurzfristig?
Da sprechen Sie einen spannenden Punkt an. Wir bemerken seit Jahresbeginn, dass immer mehr Kunden, die früher selbstverständlich Festpreise vereinbart haben – was für viele sinnvoll war, bei den damals günstigen Preisen! – jetzt auf horizontale oder vertikale Tranchen umsteigen bzw. es auch müssen. Natürlich deshalb, weil die Lieferanten oft nichts anderes anbieten können. Das führt dazu, dass sich viele Unternehmen neu darauf einlassen und sich gleichermaßen das Wissen darüber aneignen müssen, denn nicht jeder Einkäufer ist mit diesen Beschaffungsformen vertraut. Aber auch hier sind digitale Lösungen die beste Möglichkeit, um schnell reagieren und mit dem entsprechenden Beschaffungsmodell an den Markt gehen zu können – die Grundlage sind vollständige und aktuelle Energiedaten – diese kombiniert mit einem Energieexperten, der den Markt kennt, ermöglicht ein schnelles Wechseln zu einer anderen Beschaffungsform.

Haben die meisten Unternehmen ihre Energiemengen für 2023 schon fest vereinbart oder warten diese noch ab?
Viele unserer Kunden hatten die gefallenen Terminmarktpreise im Zuge des 1. Lockdowns Anfang 2020 für Ausschreibungen genutzt und sich langfristig für mehrere Jahre mit Strom und Gas eingedeckt. Die können sich noch etwas zurücklehnen und müssen sich nicht stressen. Diejenigen, die damals noch weiter spekuliert haben, dass die Preise noch weiter sinken würden, sind dann ab dem 2. Halbjahr 2020 auf dem falschen Fuß erwischt worden und haben zu wesentlich höheren Preisen beschaffen müssen. Denn seitdem geht es preislich nur noch nach oben. Unsere Auswertung zeigt, dass viele unser Kunden für 2023 eingedeckt sind. Für alle anderen ist aber das aktuelle Preisniveau für die Belieferung für 2023 ein wahres Horrorszenario.

Der richtige Zeitpunkt zum Energieeinkauf ist immer der, der am besten in die Wirtschaftsplanung passt.

Clemens Graf von Wedel

Was antworten Sie auf die Frage, wann der richtige Einkaufszeitpunkt ist?
Eine Frage, die uns täglich gestellt wird und auf die wir natürlich eine Antwort haben: Der beste Einkaufszeitpunkt ist der, der in die Wirtschaftsplanung passt. Wie erkenne ich das? Indem ich schon vor der Ausschreibung weiß, mit was für Kosten ich für den Lieferzeitraum rechnen muss. Das haben wir mit unserem Onlineportal mittels einer individuell auf das Verbrauchsprofil des Kunden erstellten Energiepreisprognose umgesetzt: das bedeutet, der Kunde sieht jeden Tag auf Basis der Terminmarktkonditionen mit welchen Preisen er für die vertragsfreien Lieferjahre rechnen muss. Wenn das in die Kostenkalkulation passt, wird eingekauft. Alles andere ist unserer Ansicht nach Börsenflüsterei und entzieht sich jeder Grundlage. Keiner kann wissen, wann der beste Zeitpunkt in der Zukunft ist. Es gilt jeden Tag zu wissen, wie sich die Marktlage der Strom- und Gasbörsen auf meine noch zu beschaffenden Lieferzeiträume auswirkt. Wenn Einkäufer/-innen das wissen, können sie auch Entscheidungen fällen. Natürlich gilt es, die Marktentwicklungen zu kennen und zu beobachten, aber auch hier stehen wir mit Marktnews von professionellen Marktredaktionen parat.


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Welche Empfehlungen können Sie Energieeinkäufern abschließend geben?
Wir empfehlen ganz klar: Wer seine Energiedaten noch nicht online managt und mit den aktuellen Börsenentwicklungen verknüpfen kann, sollte dies schnellstmöglich umsetzen. Wer noch offline seine Beschaffung umsetzt und nur mit dem örtlichen Versorger verhandelt oder und seine Energiedaten in Excel-Tabellen verwaltet, hat unserer Ansicht nach keine Chance, das Beste aus der schwierigen Situation herauszuholen und gefährdet im schlimmsten Fall seine Existenz. Es gibt die digitalen Möglichkeiten im Markt und wer nicht erkannt hat, wie elementar wichtig es geworden ist, sich jetzt mit dem Energiemarkt digital zu vernetzen, der braucht im Grund – so hart es klingen mag – auch keine weiteren digitalen Prozesse innerhalb des Unternehmens umzusetzen. Auf ein professionelles Energiedatenmanagement sollte der Fokus gelegt werden, denn ohne Energie zu den bestmöglich günstigen Preisen auch keine erfolgreiche Produktion oder Dienstleistung. Aber wir merken auch, dass diese Einsicht bei vielen Geschäftsführern und Entscheidern von mittelständischen Unternehmen angekommen ist und derzeit aktiv umgesetzt wird.

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