Digitalisier mal!

Der CDO – Interner Berater auf Zeit

Warum sich erfolgreiche Digitalisierungstreiber in fünf Jahren selbst abschaffen und dies sogar wünschenswert ist

Ein Gastbeitrag von Roland Riedel, Senior Vice President für Zentraleuropa bei PTC

Was machen Unternehmen, Verbände, Non-Profit-Organisationen und sogar die Regierung, wenn sie vor einer größeren Herausforderung stehen, die sie mit den eigenen vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen nicht stemmen können? Sie holen sich ein Beratungsunternehmen ins Haus, das mit Blick auf die Organisation selbst sowie auf die marktwirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Umstände passende Strategien und Konzepte entwirft und diese gegebenenfalls auch mit umsetzt.

Die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, in der wir uns alle befinden, ist nun nicht nur eine weitere dieser Herausforderungen, sondern der große Umbruch unserer Zeit. Jedermann weiß mittlerweile, dass sie auch für ihn früher oder später signifikante Veränderungen mit sich bringt, sowohl beruflich als auch privat.

Roland Riedel ist Senior Vice President für Zentraleuropa bei PTC (Bildquelle: PTC)

Immer mehr Unternehmen haben die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt, sondern schon angefangen zu handeln. „Wir müssen digitalisieren!“ Klar – aber wie? Es lag bei vielen auf der Hand, dass entsprechende Ressourcen und Kompetenzen intern nicht vorhanden waren und von außen kommen mussten. Oft wurde das zunächst mit besagten externen Beratern gelöst. Flankierend entstand ein neues Berufsbild – der Chief Digital Officer (CDO) war geboren. Warum war das nötig? Die klassische IT, der CIO – zu sehr mit dem laufenden Betrieb der Systemlandschaft verhaftet. Der CTO? Zu stark in die klassische Produktentwicklung involviert. Der CEO? In den digitalen Themen kaum zu Hause. Auf den Anforderungslisten stand jedoch vielerorts die komplette zukünftige Ausrichtung des Unternehmens in einer digitalen Welt – nicht mehr und nicht weniger.

Der CDO – nicht nur Berater, sondern Messias

So kam es, dass in den letzten Jahren mehr und mehr CDOs Einzug in die Unternehmen hielten. Laut einigen aktuellen Studien wie der „2019 Chief Digital Officer“-Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, liegt die CDO-Quote im DACH-Raum bei 44 Prozent und ist global betrachtet überdurchschnittlich hoch. In Deutschland beträgt die CDO-Dichte sogar 48 Prozent. Das zeigt, wie wichtig dieser Posten aktuell ist. Überraschend mutet es da an, dass Deutschland in punkto Digitalisierung bislang bestenfalls im Mittelfeld spielt (vgl. Cisco Digital Readiness Index 2019). Oder ist das vielleicht gerade der Grund für den Ruf nach dem Messias? Der CDO als wahrer Tausendsassa, der alle Unternehmensbereiche verstehen, marktwirtschaftlich und technologisch bewandert sowie trendfokussiert sein muss, kulturschaffend mit den Abteilungen kommuniziert und die Fackel der Digitalisierung so von Tür zu Tür trägt.

Und dennoch stagniert diese Entwicklung aktuell. Das hat diverse Gründe. Dazu zählt sicherlich die fehlende Durchschlagskraft bei der Umsetzung, vor allem dann, wenn um Budgets gerungen wird oder der CDO nicht auf oberster Führungsebene (wie es sein sollte), sondern irgendwo darunter angesiedelt ist. Gerne mischt sich früher oder später dann doch eine/r der oben genannten Damen oder Herren ein, wenn es um Machtverteilung und Entscheidungsgewalt geht.

Unternehmenslenker führen das oft auf Missverständnisse bei der genauen Rollendefinition des CDOs, eine undurchsichtige Aufgabenverteilung zwischen CEO, CIO, CTO und CDO oder mangelndes Verständnis für die Strategien und Maßnahmenpakete zurück (siehe zum Beispiel die „Chief Digital Officer Studie 2018“ der Quadriga Berlin in Zusammenarbeit mit TMG).

Hier kommt des Dilemmas erster Teil: CDO-Rollen werden geschaffen, da es vermeintlich an Know-how und Ideen mangelt, die digitale Transformation anzupacken. Auf dieser Basis lässt sich allerdings auch kein detailliertes Stellenprofil schaffen, das all diese später aufgeführten „Mängel“ von vornherein klärt. Somit lebt und agiert der CDO in einer sehr freien Rolle, was die Schranken für die Gestaltung des Wandels reduziert und somit positiv ist, ihn und sein Handeln aber auch angreifbar macht. In den Augen der Geschäftsführung bleibt er eine Art Wundertüte. Vor allem bei denen, die sich selbst weniger in den Digitalisierungsprozess einbringen und später enttäuscht sind, weil ihre „Erwartungen“ nicht erfüllt werden. Fast schon paradox. Was uns zu der eigentlichen Frage führt:

Wo bleiben die CEOs?

Ein CDO kann basierend auf seiner allumfassenden Rolle wertvolle Impulse liefern und mit einer Digitalisierungsstrategie den Grundstein für den zukünftigen Erfolg eines Unternehmens legen. Die oftmals notwendige Öffnung der Unternehmenskultur schaffen, kann er alleine aber nur selten. Der wichtigste Treiber der digitalen Transformation sollte daher der CEO sein. Er muss sich schneller als alle anderen im Unternehmen dem Wandel stellen, schließlich formuliert er die Vision und die Ziele der Organisation. Hier sehe ich in der Praxis bereits gute Beispiele, wie es laufen sollte, aber noch viel mehr Nachholbedarf.

Macht ein CDO seine Aufgabe wirklich gut – und dies ist des Dilemmas zweiter Streich – wird seine Rolle in wenigen Jahren überflüssig. Das erfolgreich transformierte Unternehmen denkt und handelt eigenständig „digital“, angefangen bei der Geschäftsführung bis hin zu jeder einzelnen Abteilung. Und wenn das digitale Feuer einmal überall lodert, braucht es keinen Brandstifter mehr.

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