Digitale Transformation verdient eine De-Mystifizierung

Welche „Denke“ brauchen wir, damit uns die digitale Transformation wirklich weiter bringt? Die TREND REPORT-Redaktion sprach in diesem Kontext mit Michael Seiger, Geschäftsführer für Deutschland und Österreich bei Wipro, unter anderem zum Thema „New Work“.

Herr Seiger, der Begriff „New Work“ ist äußerst komplex und noch immer wenig greifbar. Was ist Ihre individuelle Definition?
Beim Begriff „New Work“ unterscheide ich drei Dimensionen: die Interaktion mit Kunden, mit Mitarbeitern und die angestrebte Transformation der Arbeit.  
Im Transformationsbereich haben wir bei Wipro unterschiedliche Modelle, sowohl was Arbeitszeit- als auch Vertragsmodelle betrifft, etwa die klassische Festanstellung, die Arbeit als Freelancer oder das projektbasierte Arbeiten. Wir wollen uns zudem in Liquidmodellen engagieren, bei denen feste Arbeitszeiten abgeschafft werden und der individuelle Arbeitsrhythmus von beispielsweise Frühaufstehern und Nachteulen berücksichtigt wird. So wollen wir uns etwa vom klassischen Nine-to-Five entfernen. In Deutschland sind die Arbeitsmodelle noch eher antiquiert. Im angelsächsischen Raum oder in Osteuropa dagegen wird Arbeit viel selbständiger gedacht, Polen ist da ein sehr gutes Beispiel.
Bei der Zusammenarbeit mit Kunden ist die Entwicklung erfreulich: ich kann drei Kundentermine am Tag wahrnehmen, ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen. Die Interaktion ist dadurch fast CO2-neutral. Insgesamt wird häufiger und intensiver kommuniziert. Problematisch ist hingegen, dass es ohne persönlichen Austausch schwieriger wird, Vertrauen aufzubauen.
Bei der Interaktion mit unseren Mitarbeitern haben die letzten Jahre klare Tendenzen gezeigt. So wollen wir definitiv nicht zu einer vollständigen Anwesenheit im Büro zurückkehren – auch, um die traditionell hohe Fluktuation in unserem Markt zu reduzieren. Wir stellen uns beispielsweise nur zwei Tage im Büro vor, damit der informelle Kontakt wieder hergestellt wird. Das deutsche Arbeitsrecht ist dabei leider auch nicht hilfreich, da es noch an sehr veralteten Modellen orientiert ist.
Wir wollen unseren Mitarbeitern keine Fesseln anlegen – die Arbeit soll flexibel gestaltet werden, solange sie mit unseren Standards konform ist. Wichtig dabei ist, dass wir eine Identifikation mit dem Unternehmen schaffen. Dafür halten wir etwa monatliche, informelle Breakfast-Meetings ab. Alle zwei Monate gibt es erweiterte virtuelle Meetings. Ganz wichtig ist es dabei auch, gemeinsam Erfolge zu feiern.

Wie treiben Sie in Ihrem Haus das Thema voran?
Wir haben unsere eigenen Ansätze, die das Zusammenkommen und eine positive Teamkultur proaktiv fördern. Dafür investieren wir auch in unsere Standorte, etwa in Open- und Co-Creation Spaces. Alles soll offen und entspannt sein, damit Büros für Kunden und Mitarbeiter Arbeitsplatz und Treffpunkt in einem sind. Unser Büro im Victoria House in London ist ein treffendes Beispiel: von außen erscheint es traditionell, aber innen ist es ein kollaboratives Mehrzweck-Büro, das interaktive und immersive Technologielösungen mit einer nachhaltigen, lebendigen und verspielten Innenarchitektur kombiniert.

Sie fokussieren für Ihre Kunden auf Wettbewerbsvorteile und den Innovationsschub durch die digitale Transformation. Das heißt, Sie konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt um die eh schon gefragten Fachkräfte. Was sind da Ihre Alleinstellungsmerkmale bzw. wie haben Sie Ihr Recruiting ausgerichtet?
Diese Konkurrenzsituation hatten wir schon immer. Früher galten wir eher als verlängerte Werkbank. Das hat sich zu einer erfreulichen Symbiose weiterentwickelt. Unsere Kunden erwarten heute, dass wir ihr Geschäft bis in die Tiefe verstehen. Das geht so weit, dass viele unserer Mitarbeiter zu den Kunden wechseln. Wir sehen das sehr positiv, weil es die angesprochene Symbiose und unser tiefes Verständnis der Kunden bestätigt. Im Umkehrschluss bedeutet es natürlich auch, dass wir um das gleiche Klientel wie unsere Kunden buhlen. Es macht uns aber zunächst einmal stolz, dass viele unserer Mitarbeiter so gut sind, dass Kunden sie in ihren eigenen Reihen haben möchten. Letztlich verstärken wir uns gegenseitig, davon profitieren am Ende alle.
Beim Begriff „Digitale Transformation“ plädiere ich für eine De-Mystifizierung. Viel zu häufig geht es noch darum, Geschäftsprozesse zu optimieren und zu automatisieren. Dadurch entstehen häufig zu viele teilmanuelle Tätigkeiten.
Nichtsdestotrotz sind wir beim Thema digitale Transformation an vorderster Front. Sehen wir uns nur den Automobilsektor an und den Trend des „Software Defined Vehicles“: Wipro hat diesbezüglich die “Cloud Car” Plattform entwickelt, die bei der beschleunigten Entwicklung von softwaredefinierten Fahrzeugen behilflich ist. Wir sind also darauf bedacht, Entwicklungen an vorderster Front voranzutreiben. Wir sehen uns als Experten an der Schnittstelle zwischen Technologie und Business und als verlässlichen Partner, der diese Materie beherrscht.
Wir sehen in Deutschland einen Trend zur De-Globalisierung. Daher wollen wir auch unser Recruiting weiter lokalisieren und gewisse Funktionen mit Mitarbeitern vor Ort besetzen.
Für die lokalen Talente steht ergebnisorientierte und vor allem sinnstiftende Arbeit zunehmend im Vordergrund. Da ist Wipro mit seinem Wertesystem glücklicherweise weit vorne.  Zwei Drittel (66 %) der Geschäftsanteile von Wipro sind durch die Azim Premji Foundation für philanthropische Zwecke bestimmt.
Wir sind ein großes, globales Unternehmen und führend in den Bereichen globale Technologiedienstleistungen und Beratung. Wipro ist für die Zukunft gut aufgestellt und will weiterwachsen. Wachstum bedeutet auch Karrierechancen. Allein im letzten Jahr sind wir in Deutschland um 85 Prozent gewachsen und in drei Jahren wollen wir unseren Umsatz verdoppeln. Unser ausgesprochenes Ziel ist es in Deutschland jedes Jahr 400 Mitarbeiter einzustellen.
Im Bereich Gender und Diversity engagieren wir uns beispielsweise im Rahmen des PANDA-Netzwerks für weibliche Führungskräfte. Mit unserem „Begin again“-Programm wollen wir gezielt Frauen beim Wiedereinstieg in die Berufswelt unterstützen. Wir möchten auch gezielt diverse Kandidaten ansprechen, denn wir sind der festen Überzeugung, dass Diversität zu Performance führt. LGBTQ+ Menschen sollen sich bei uns wohlfühlen und wir haben unternehmenseigene Richtlinien, um dies zu sicherzustellen.

Wie schaffen Sie es, bei den aktuellen Themen und Technologien immer auf dem Laufenden zu bleiben?
Das Thema Cloud steht bei uns hoch im Kurs. Dafür haben wir eigens die Wipro Cloud Services entwickelt. Unsere Mitarbeiter sind Experten in den unterschiedlichen Technologien und wir profitieren von einem aktiven Partnernetzwerk. Dabei setzen wir verstärkt auf Co-Development, um zusammen mit unseren Partnern neue Themen zu entwickeln. Schön ist dabei, dass viele Kunden gleichzeitig auch Partner sind.
Wir bringen unseren Kunden auch Innovationen, indem wir über Wipro Ventures, den Investmentarm von Wipro, in frühe bis mittlere Start-ups im Bereich der Unternehmenssoftwareentwicklung investieren. Wir erforschen künstliche Intelligenz und beschäftigen uns mit der Frage, wie Anwendungen besser in die Cloud übertragen werden können. Wir haben Innovationszentren in Bengaluru, Indien, und in Mountain View, USA, wo wir technologiebasierte Innovationen entwickeln, um unsere Unternehmenskunden bei der Entwicklung erfolgreicher Projekte zu unterstützen. Nur mit diesem Engagement und dieser Leidenschaft sind wir in der Lage, die Standards von morgen zu entwickeln.


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