„Digitale Transformation und Nachhaltigkeit sind Megatrends“

Wir sprachen mit Dominic Kurtaz, Managing Director EuroCentral bei Dassault Systèmes über notwendige Strukturveränderungen bei den Unternehmen und ihren Prozessen sowie den beiden Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Herr Kurtaz, in der Pandemie haben viele Unternehmen „nur noch reagieren“ können. Wie kann insbesondere Forschung und Entwicklung wieder „agieren“ und welche Trends sollten darüber hinaus branchenübergreifend fortan im Auge behalten werden?
Das letzte Jahr hat die Art und Weise des Arbeitens für die meisten Unternehmen komplett auf den Kopf gestellt. Es wurde deutlich, dass die Flexibilität von Prozessen und Menschen enorm wichtig ist, um auch in unerwarteten und herausfordernden Momenten die Geschäftskontinuität aufrecht zu erhalten, weiterhin neue Ideen und Innovationen zu schaffen sowie sicherzustellen, dass geistiges Eigentum bestmöglich geschützt wird. Die digitale Transformation nimmt hier eine entscheidende Rolle ein: Durch den strategischen Einsatz digitaler Lösungen lassen sich alle benötigten Informationen zentral verwalten und sind so für alle Beteiligten in Echtzeit verfügbar. Von der Forschung und Entwicklung über die Produktion bis hin zum Marketing können alle Projektbeteiligten ortsunabhängig zusammenarbeiten und so nachhaltig die Innovationskraft steigern. Insbesondere Cloud-Lösungen spielen eine Schlüsselrolle. Sie ermöglichen es Unternehmen, weitaus flexibler zu sein und sich mit Wertschöpfungsnetzwerken von Organisationen und Menschen zu verbinden – und das innerhalb weniger Stunden statt wie bisher in Wochen oder gar Monaten. Dieser Wandel dient als Katalysator für neue IT-Strategien und sogar ganzen Geschäftsmodellen – vom kontaktlosen Verkauf bis hin zur vollständig virtuellen Inbetriebnahme und zum Betrieb unter Verwendung des virtuellen Zwillings in der Cloud. Diesen Effekt haben wir sehr deutlich während des Ausbaus unseres 3DEXPERIENCE Cloud-Geschäfts innerhalb der letzten 12 Monate gesehen.
Ein weiterer wichtiger Trend, der sich in den letzten Jahren immer stärker manifestiert hat, ist das Thema Nachhaltigkeit. Sowohl von Seiten der Verbraucher als auch der Politik wächst die Forderung an Unternehmen, nachhaltiger und umweltgerechter zu wirtschaften. Um diesen Weg zu gehen, setzen viele Firmen auf den Bereich Industrie 4.0. Diesen Trend bestätigt unter anderem eine aktuelle Umfrage der Bitkom unter Industrieunternehmen: Die Mehrheit der Befragten ist überzeugt, dass die Industrie 4.0 den CO2-Ausstoß verringert und bezeichnet deren Technologien als essentielle Tools für die Kreislaufwirtschaft. Digitale Transformation in Bezug auf neue Produkt- oder Dienstleistungsangebote, unternehmerische Nachhaltigkeit sowie die Arbeitskräfte der Zukunft mit den erforderlichen Qualifikationen sind dementsprechend drei Trends, die Unternehmen gleichermaßen fest im Blick haben sollten. Die gute Nachricht ist: Diese Themen gehen Hand in Hand und sind demnach gut miteinander vereinbar. 

Wie könnte F&E neu organisiert sein, um diese Trends aktiv zu gestalten?
Der Schlüssel, um Fertigungs- und Entwicklungsprozesse digitaler und nachhaltiger zu gestalten, liegt in der ganzheitlichen Digitalisierung von Customer Journeys und Unternehmensprozessen – über die Grenzen einzelner Abteilungen sowie externer Akteure hinweg. Umfassende Datenmodelle bilden Innovationsprozesse von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Produkt, im Einsatz und darüber hinaus, digital ab – inklusive Design, Engineering, Fertigung, Logistik und Vertrieb. So eröffnen sie die Möglichkeit, stets flexibel auf veränderte Markt- und Kundenanforderungen zu reagieren und Umweltaspekte, Vorgaben und Kundenerwartungen frühzeitig einzubeziehen. Bereits in der Forschung und Entwicklung lassen sich unter anderem Faktoren wie der CO2-Verbrauch oder erzeugte Abfälle virtuell abbilden und können in die Entscheidungsfindung einfließen. Gleichzeitig erlauben Erfahrungswerte – beispielsweise aus der Produktion – wertvolle Rückschlüsse für die Arbeit der F&E-Abteilung.

Wie helfen Sie Ihren Kunden dabei?
Unser Ansatz ist ganzheitlich und bezieht von der Forschung und Entwicklung bis hin zur Interaktion mit Kunden und deren Erfolge viele Parameter mit ein. Im ersten Schritt ist es daher unser Ziel, Wissen aufzubauen, Knowhow zu stärken sowie Einblicke und Mehrwerte zu bieten. Damit bieten wir branchenweit ein einzigartiges Konzept, dass unseren Kunden einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil ermöglicht.
Außerdem liefert unsere cloudbasierte 3DEXPERIENCE Plattform Unternehmen jeder Größe – vom Start-up bis zum Großkonzern – eine ganzheitliche Plattform für Daten sowie Nutzer. Sie ermöglicht Mitarbeitern aus verschiedenen Abteilungen und über verschiedene Standorte hinweg in Echtzeit an einem Produkt mitzuarbeiten und Ideen einfließen zu lassen. Die Bereitstellungszeiten verkürzen sich damit von Monaten hin zu Tagen oder sogar Stunden. Mit Hilfe einer solchen Plattform sind Unternehmen in der Lage, die komplette Entwicklung – vom ersten Konzept bis zum Verbraucher– virtuell zu simulieren und so ressourcen- und emissionsschonendes Produzieren, ganz im Sinne einer „Circular Economy“, zu berücksichtigen. Mit Modellierung und Simulation lassen sich neue Materialien, der Einfluss von Umweltfaktoren und die Verhaltensweisen eines Produkts in der virtuellen Welt erproben – und das bevor die Herstellung beginnt. Somit lassen sich die Kundenakzeptanz und der Produkterfolg bereits vor dem Start der Produktion ermitteln und Produktionsausfälle ausschließen.

Stichwort „Künstliche Intelligenz“: Welche Berührungspunkte haben Ihre Lösungen zu diesen Themen und wie kann das Ihren Kunden im Wettbewerb helfen?
Produkte werden immer vernetzter, dementsprechend komplexer, müssen auch widrigsten Umwelteinflüssen standhalten und natürlich auch Gesetzesvorschriften entsprechen. In der Produktentwicklung bedeutet das:  Eine große Menge an Daten wird benötigt, um die Produkte durch Simulation in der virtuellen Welt zu analysieren und zu prüfen. Unsere Lösungen auf Basis der 3DEXPERIENCE Plattform unterstützen Kunden mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) dabei, Leistungsvoraussetzungen zu schaffen, zu nutzen und anschließend intelligent die notwendigen Daten zu erzeugen. Auch besonders herausfordernde Konstruktionsaufgaben können in Rekordzeit durchgeführt werden, da die Berechnungen nur anhand wirklich erfolgskritischer Parameter erfolgen. Dies spart Zeit, fördert die Innovation und erleichtert gleichzeitig die Planung und Durchführung neuartiger KI-basierter Prozesse im gesamten Unternehmen.

F&E ist auch immer nahe an Innovationsförderung und Förderung für Forschung („Forschungsprogramme“). Hat Dassault Systèmes hier auch Berührungspunkte?
Innovationsförderung ist ein gutes Stichwort: Unsere Gesellschaft befindet sich an einem Punkt, an dem es unumgänglich ist, sich den drängendsten Herausforderungen unserer Zeit zu stellen – sei es der Schutz unserer Umwelt oder neue Lösungen und Wege in der personalisierten Medizin. Innovationen spielen hierfür eine essenzielle Rolle und bilden die Basis für den Fortschritt unserer Gesellschaft. Genau aus diesem Grund fördern wir im Rahmen unseres 3DEXPERIENCE Labs neuartige Lösungen und wegweisende Innovationen mit gesellschaftlicher Relevanz. Beispielsweise haben wir im letzten Jahr gemeinsam mit Start-ups und Herstellern mehrere Initiativen gestartet, die auf eine schnelle Beantwortung drängender Fragen rund um die COVID-19 Pandemie abzielen. Das indische Start-up Inali hat es so zum Beispiel geschafft, innerhalb von weniger als acht Tagen ein sicheres und erschwingliches „intelligentes Beatmungsgerät“ zu entwickeln, das schnell hergestellt und in Notfällen eingesetzt werden kann. Solche Erfolgsgeschichten zeigen, wie es durch Zusammenarbeit und gemeinsame Ideen möglich ist, die Welt positiv zu verändern. Zudem haben wir in Deutschland ein „Battery Innovation Center“ eingerichtet, das einen durchgängigen Ansatz von der Materialgewinnung über die wissenschaftlich fundierte Entwicklung und Herstellung bis hin zum Recycling und zur Entsorgung verfolgt. Diese fortschrittliche Kompetenz hat sich bereits in einer Reihe von Forschungsprojekten bewährt und ist nun für Start-ups sowie industrielle Akteure verfügbar.

Weitere Informationen unter:
https://www.3ds.com/

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