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 TREND REPORT April 2021 | Nachhaltige Geldanlagen 3   Im Jahr 2030 will die EU die Pariser Klimaschutzziele er- reichen, also 40 Prozent we- niger Treibhausgasemissio- nen im Vergleich zu 1990 ausstoßen. Bis 2050 will sie sogar kom- plett klimaneutral sein. Allein die zu schließende Investitionslücke im Ener- giesektor, um wenigstens die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, beziffert der EU-Rat auf 180 Milliarden Euro pro Jahr. Ein aussichtsloses Unterfan- gen also, wenn nicht auch die Finanz- wirtschaft in die Pflicht genommen wird und Kapitalströme in die richti- gen Kanäle geleitet werden. Die Bauarbeiten an dem benötigten Kapitalaquädukt – um im Bild zu blei- ben – begannen am 20. Juni 2020 und werden am 1. Januar 2022 einen ersten Meilenstein erreicht haben. An diesen Tagen erschien bzw. tritt die sogenann- te EU-Taxonomie-Verordnung in Kraft. Der Europäischen Kommission folgend handelt es sich dabei um „ein neues gemeinsames Klassifizierungs- system mit einheitlichen Begrifflich- keiten, das Anleger überall verwenden können, wenn sie in Projekte und Wirtschaftstätigkeiten mit erheblichen positiven Klima- und Umweltauswir- kungen investieren wollen“. Konkret schafft sie ein Klassifikationssystem, das sämtliche Aktivitäten in nachhal- tig, d. h. „grün“, bzw. nicht-nachhaltig, d.h. „braun“, einstuft. Auf ihrer Basis soll es möglich sein, den grünen Anteil an Umsätzen, Aufwänden und Investi- tionen anzuzeigen. Finanzmarktakteu- re wie Asset Manager und Versicherer, aber auch große Unternehmen, die unter die bisherige Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung fallen, müssen diese Informationen ab dem nächsten Jahr offenlegen. Diese Trans- parenz soll dazu führen, dass Investiti- onen verstärkt in nachhaltige Aktivitä- ten fließen. Investoren können mit ei- nem Blick auf Umsatz, Aufwände und Investitionen wissen, wie groß der An- teil der Nachhaltigkeit ist, was dem Greenwashing vorbeugen soll. Ein Durchbruch für einen nachhaltigen Kapitalmarkt? Wie groß der Effekt der Verordnung nach ihrem Inkrafttreten tatsächlich sein wird, ist allerdings fraglich. „Verordnun- gen, die nur in der EU gelten, können zu einer Verlagerung der braunen Akti- vitäten außerhalb der EU führen“, Green Finance   Die Taxonomie-Verordnung schafft die weltweit erste „grüne Liste“ für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten und stößt doch an Grenzen. von Andreas Fuhrich a.fuhrich@trendreport.de Anja Kern, Stiftungsprofessorin für Handel und Führung, ist für globale Standards bei Kapitalanlagen. prangert Anja Kern an. „Nur eine globale Lösung kann die Erde retten.“ Die Inhaberin der von der Dieter Schwarz Stiftung gGmbH und dem Stifterver- band geförderten Stiftungsprofessur für Handel und Führung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mosbach hat sich Gedanken darüber gemacht, was geschehen müss- te, damit die Regeln eine Aussicht auf globale Anwendung hätten. Anstatt wie die Taxonomie das Klimaproblem mit anderen Umweltzielen und sozialen Standards zu vermischen, schlägt sie ei- nen Klimafokus vor, „weil so die höchs- ten Chancen bestehen für das dring- lichste Problem eine globale Lösung zu finden“. Zudem plädiert sie dafür, dass ein solcher Standard unter der Beteili- gung von Unternehmen entwickelt und getestet wird und nicht von Regierun- gen beschlossen wird, ohne praktische Erfahrungen aus der Wirtschaft zu be- rücksichtigen. „Es ist zu befürchten, dass die Taxonomie zu einem bürokrati- schen Monster wird, das global wenig zum Stoppen des Klimawandels beiträgt.“ Wollen sich Unternehmen und Fi- nanzberater dieser Herausforderung stellen, „bleibt keine andere Möglich- keit, als sich mit den Gesetzestexten auseinanderzusetzen und sich auf de- ren Inkrafttreten vorzubereiten“, befin- det Angela McClellan, Geschäftsführe- rin des Forums Nachhaltige Geldanla- gen. „Momentan“, merkt sie allerdings kritisch an, „bestehen noch viele offene Anwendungsfragen, insbesondere hin- sichtlich der Offenlegungs- und Taxo- nomie-Verordnung, wo die EU nach- schärfen muss.“ So stehen zwar die Kriterien für Klimaschutz und Anpas- sung an den Klimawandel so gut wie fest und sollen ab Januar 2022 Anwen- dung finden, doch an denen für die restlichen vier Umweltziele – nachhal- tige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, Übergang zur Kreislaufwirtschaft, Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmut- zung, Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme – wird derzeit noch gearbeitet. „Die Fi- nanzwirtschaft kritisiert, dass die bis- herige Datenlage nicht ausreicht, um eine ausreichende Bewertung von In- vestitionen nach der Taxonomie vorzu- nehmen“, ergänzt sie. „Die Notwen- digkeit einer einheitlichen finanziellen   


































































































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