Page 14 - TREND REPORT April 2021
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   14 Green Building | April 2021 TREND REPORT  Nachhaltigkeit weiterdenken Prof. Dr.-Ing. Markus Koschlik schildert der Redaktion die Lücken der Nachhaltigkeitszertifizierungssysteme im Bauwesen und diskutiert mögliche Lösungsansätze. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, der lokal verfügbar ist, während des Wachstums das Treibhausgas Kohlen- stoffdioxid aufnimmt und als natürliche Senke wirkt. Durch seine angenehme Oberflächentemperatur sowie die Fä- higkeit, die Luftfeuchtigkeit in Gebäu- den zu beeinflussen, trägt es zu einem gesunden Wohnklima bei. Aus Holz können tragfähige, schlanke und leichte Konstruktionen hergestellt werden, die sich nicht nur für den Neubau, sondern insbesondere auch für die Nachverdich- tung beziehungsweise Aufstockung im Bestand befindlicher Gebäude eignen. Holzkonstruktionen können effizient in Werken vorgefertigt werden, was zu ho- hen Genauigkeiten und Bauzeitverkür- zungen führt. Wird Holz mit anderen Baustoffen, wie zum Beispiel Beton, kombiniert, ergeben sich Hybride, die auch die Anforderungen des Brand-, Schall- oder sommerlichen Wärme- schutzes problemlos erfüllen. Welchen Beitrag kann die DHBW Mosbach leisten, das nachhaltige Bauen voranzubringen, und war- um ist sie besonders prädesti- niert dafür? Die DHBW Mosbach kann im dualen Studium auf die enge Zusammenarbeit mit den vielfältigen dualen Partnerun- ternehmen zurückgreifen und dadurch Lehre, Forschung und Entwicklung stets praxisrelevant und praxistauglich gestalten. Aber auch aufgrund des Know-hows und der Profilierung der DHBW Mosbach in den Bereichen des Holzbaus, der Holztechnik und der Holzwirtschaft können am Standort deutliche Synergieeffekte erzeugt wer- den. Darüber hinaus sind bereits heute die Expertisen aller branchenrelevan- ten Studienangebote der DHBW Mos- bach in einem Baukompetenzzentrum zusammengefasst. https://www.mosbach.dhbw.de/ baukompetenzzentrum Herr Prof. Koschlik, vor welchen Herausforderungen steht das Bauwesen aktuell? Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis zur Mitte des 21. Jh. der Ge- bäudebestand, der durch Herstellung und Nutzung für einen Großteil aller Treibhausgasemissionen ursächlich ist, nahezu klimaneutral sein soll. Aber auch die Schonung vorhandener Res- sourcen, das Schaffen einer Circular Economy und die Verankerung der Prinzipien Effizienz, Konsistenz und Suffizienz beim Planen, Errichten, Nutzen und Zurückbauen unserer be- bauten Umwelt sind der Anspruch, dem die Akteure des Bauwesens ge- recht werden müssen. Der Oberbegriff hierfür ist Nachhaltigkeit. Zur Opera- tionalisierung des abstrakten Nachhal- tigkeitsbegriffes dienen im Bereich des Bauwesens heute u. a. diverse Zertifi- zierungssysteme. Können die verschiedenen Zertifi- zierungssysteme alle Fragestel- lungen, die sich im Bereich des nachhaltigen Bauens ergeben, hinreichend beantworten? Die vorhandenen Systeme werden ständig weiterentwickelt und bilden eine sehr gute Grundlage, um die Nachhaltigkeit von Bauwerken sicht- bar und bewertbar zu machen. Aller- dings können die Systeme nicht alle Fragen beantworten und jeglichen Zielkonflikt auflösen. Ein Beispiel hierfür ist insbesondere die Phase von der ersten Projektidee bis zur Entschei- dung für oder gegen die weitere Verfol- gung des Projektes, die auch Projekt- entwicklungsphase (im engeren Sinne) genannt wird. In dieser Phase der ma- ximalen Gestaltungsfreiheit des Bau- herrn sollen die Projektziele festgelegt werden. Die Zertifizierungssysteme de- finieren bisher aber keine Methodik, um Projektziele unter Berücksichti- gung der vielfältigen Wechselwirkun- gen des nachhaltigen Bauens wider- spruchsfrei priorisieren zu können. Welcher weitere Handlungsbe- darf ergibt sich, um Bauwerke ganzheitlich nachhaltig erstellen zu können? Es bedarf für bestimmte Projektphasen noch geeigneter Methoden, beispiels- weise für die Ausschreibung und Ver- gabe von Bauleistungen, wo trotz vor- handener Möglichkeit, den Zuschlag auf das wirtschaftlichste Angebot zu erteilen, zumeist der Angebotspreis ausschlaggebend ist. Wirtschaftlichkeit umfasst neben dem Preis aber auch qualitative, umweltbezogene oder sozi- ale Aspekte, die ganz im Sinne der Nachhaltigkeit einbezogen werden sollten. Hierzu könnte z. B. die Nut- zung erneuerbarer Energiequellen für Baugeräte und die damit verbundene Einsparung von Treibhausgasemissio- nen monetarisiert und in den reinen Angebotspreis einbezogen werden. Ausschreibungszusätze mit konkreten Prozess- und Materialvorgaben sind ebenfalls sinnvoll. Welche Herausforderungen erge- ben sich bei der Übertragung die- ser theoretischen Ansätze in die Praxis? Wichtige Projektentscheidungen wer- den häufig nicht auf Basis der zu er- wartenden Nachhaltigkeit getroffen, sondern zumeist auf Basis der Herstell- kosten. Es gilt, alle Beteiligten zu sensi- bilisieren, dass das in der Herstellung günstigste Bauwerk selten das wirt- schaftlichste oder gar nachhaltigste ist, betrachtet man den gesamten Lebens- zyklus. Es ist also sinnvoll, die Nach- haltigkeit von Bauwerken nicht nur zu dokumentieren, sondern wichtige Ent- scheidungen auf Basis der Nachhaltig- keit zu treffen. So können durch Ein- beziehung der Lebenszykluskosten oder Umweltwirkungen in den frühen Planungsphasen konkrete Varianten- vergleiche durchgeführt und nachhal- tige Ansätze entwickelt werden, z.B. für die Bauweise. Welche Vorteile bieten Holz- oder Holz-Hybrid-Bauweisen im Ver- gleich zu herkömmlichen Massiv- bauweisen?          Es gilt, alle Beteiligten zu sensibilisie- ren, dass das in der Herstellung günstigste Bauwerk selten das wirtschaftlichste oder gar nachhal- tigste ist, betont Prof. Markus Ko- schlik. Über Prof. Dr.-Ing. Markus Koschlik Prof. Dr.-Ing. Markus Koschlik ist seit 2019 Professor für Bauingenieurwesen an der DHBW Mosbach und verantwortet u. a. die Module „Nachhaltiges Bauen“ und „Projektmanagement“. Von 2014 bis 2019 arbeitete er bei der PJS Consulting GmbH im Bereich der Nachhaltigkeitsberatung und promovierte 2019 am Institut für Bau- betrieb der Universität der Bundeswehr München zum Thema „Verfahren zur ganz- heitlichen Nachhaltigkeitsintegration bei öffentlichen Baumaßnahmen im In- und Ausland“.  


































































































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