Page 10 - TREND REPORT November 2019
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 10 Smarter Standort Deutschland | November 2019 TREND REPORT  Kostentransformation braucht Mut und Kompetenz Herr Dr. Engelhardt, worauf müs- sen sich deutsche Unternehmen jetzt einstellen? Zunächst einmal gibt es erste Anzeichen einer Rezession in Deutschland, wie et- wa rückläufige Auftragseingänge. Dies führte dazu, dass mehr als 50 börsenno- tierte Unternehmen in den ersten bei- den Quartalen 2019 ihre Gewinnprog- nosen reduziert haben – vor allem in der Automobilindustrie. Insbesondere vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung verlangt dies von den Unternehmen einen schwierigen Spagat zwischen Kostensenkungen und gleich- zeitiger Wachstums- und Innovations- förderung. Nicht zuletzt geopolitisch ist das Marktumfeld von einer zunehmen- Dr. Hendrik Engelhardt, Director bei Deloitte Consulting, sieht bei vielen Unternehmen, dass aufgesetzte Transformations- und Kostensenkungs- programme nicht wirksam umgesetzt werden. Das klingt zunächst gut. Aber: Neun von zehn deutschen Unternehmen ver- fehlen ihre selbst gesteckten Ziele zur Kostensenkung – und das trotz konser- vativer Planung. Die meisten dieser Programme sind zu kurzfristig ausge- richtet und adressieren nur Teilberei- che – und auch diese meist bloß inkre- mentell. Der große Wurf bleibt aus. In der aktuellen Wirtschaftslage in Deutschland ist das eine schlechte Nachricht. Vor dem Hintergrund in- ternationaler Handelskriege und poli- tischer Spannungen setzen diese Pläne spät an, bleiben daher reaktiv und ver- fehlen die Chance, aus den Verände- rungen nachhaltige Wettbewerbsvor- teile zu generieren. Welche Rolle spielt dabei die Digi- talisierung und damit die Auto- matisierung? Digitale Lösungen, mit denen sich operative Kosten senken lassen, wer- den häufig nur unzureichend imple- mentiert. Dies liegt oftmals daran, dass das entsprechende Know-how noch nicht im Unternehmen vorhanden ist. In der industriellen Fertigung und Lo- gistik führen beispielsweise Roboter seit vielen Jahren Aufgaben von Men- schen aus. Als nächste Stufe der digitalen Transformation drängt Robotertechnik jetzt in andere Wertschöpfungsbereiche: Nicht nur Finanzprozesse mit riesigen Volumina werden mit „Robotic Pro- cess Automation“ höchst effizient erle-     „Neun von zehn deutschen Unternehmen verfehlen ihre selbst gesteckten Ziele zur Kostensenkung“, schlägt Dr. Engelhardt Alarm. „In der ak- tuellen Wirtschaftslage in Deutschland ist das eine schlechte Nachricht.“  den Dynamik geprägt. Daher müssen Unternehmenslenker trotz des heraus- fordernden Umfelds flexibel auf dyna- mische Veränderungen reagieren kön- nen. Nur inkrementelle Maßnahmen reichen hierzu nicht aus, weil insbeson- dere die Einführung neuer digitaler Technologien signifikante finanzielle Ressourcen benötigt – Ressourcen, die bei einem angespannten Marktumfeld bewusst und gezielt eingesetzt werden müssen.Hiergehtesumgrundlegende beziehungsweise disruptive Strukturän- derungen im jeweiligen Geschäftsmodell. Dafür sind die Kostenstrukturen strate- gisch weniger relevanter Geschäftsberei- che rigoros auf Effizienz zu trimmen. Somit wird zusätzlicher finanzieller Spielraum für Investitionen in Innovati- on und Digitalisierung geschaffen. Was meinen Sie mit „disruptiven Strukturänderungen“? Es muss ein Umdenken stattfinden, weg von den gängigen kontinuierlichen Ver- besserungsprozessen, die ja ohnehin laufen. Ein Drosseln der Produktion al- leine wird nicht ausreichend sein. Er- folgreiche Geschäftsmodelle müssen ef- fizient aufgestellt werden. Kritisch ist es, dabei kontinuierlich bestehende Wett- bewerbsvorteile weiter auszubauen. Ein wesentlicher Treiber ist hier der konse- quente Einsatz digitaler Technologien als Basis für eine weitere intelligente Au- tomatisierung und Effizienzsteigerung. DerenEinsatzschafftdieVoraussetzun- gen, dass Mitarbeiter sich stärker auf Kunden und die Weiterentwicklung be- stehender oder den Aufbau neuer Pro- dukte und Services fokussieren. Welche Erkenntnisse förderte Ihre aktuelle Studie zutage? Um es kurz zu sagen: Die Ergebnisse sind ernüchternd. Mehr als die Hälfte der in Deutschland, aber auch interna- tional befragten Unternehmen plant, in den nächsten 24 Monaten ein Kos- tensenkungsprogramm umzusetzen. Warum erreichen nur wenige Un- ternehmen ihre angepeilten Kos- teneinsparungen? Dies liegt im Wesentlichen daran, dass die Umsetzung nicht konsequent genug verfolgt wird. Das volle Potenzial kann damit nicht gehoben werden. Zudem besteht in deutschen Firmen oft ein Man- gel an Kompetenz in Hinsicht auf die Implementierung innovativer digitaler Lösungen für eine wirksame und nach- haltigeKostenreduktion.Oftistderin- terne Widerstand höher als erwartet: „Alte Zöpfe“ schneiden sich einfach nicht so leicht ab. Selbst dann nicht, wenn durch Veränderungen Wettbe- werbsvorteile erzielt werden können. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Mitarbeiter frühzeitig einzubinden. Transparenz über die Notwendigkeit der Sparmaßnahmen und Aufzeigen von Perspektive gegenüber der Beleg- schaft sind hierbei absolut erfolgskri- tisch für eine Transformation. Nur so können die Ziele erreicht werden. digt. Auch andere Funktionen lassen sich mit dieser neuen Technologie au- ßerordentlich beschleunigen – insbe- sondere solche, die standardisiert ver- laufen. Zunehmend können die Robo- ter aber auch Aufgaben erfüllen, die eine gewisse „Intelligenz“ bei der Ab- wicklung erfordern. Wie kann das Problem gemeistert werden, was raten Sie an? Der Einsatz smarter Roboter führt dazu, dass sich einige Tätigkeitsprofile ändern werden. Im Idealfall können die frei werdenden Kapazitäten ge- nutzt werden, um in Bereichen der ei- genen Wertschöpfung mit größerer strategischer Relevanz eingesetzt zu werden oder um neue Geschäftsfelder aufzubauen. Das erfordert jedoch Mut und Risikobereitschaft sowie konse- quentes Hinterfragen der eigenen Stär- ken und Schwächen. www.deloitte.com    Bildquelle / Lizenz: Deloitte 


































































































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