Page 19 - TREND REPORT Juni 2018
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TREND REPORT
Juni 2018 | Digitaler Zehnkampf 19
Vor kurzem ist die dritte Ausgabe des Avoka-Reports „Digitaler Ver- trieb in Banken“ erschienen. Was sind die wichtigsten Ergebnisse? Generell kann man sagen, dass sich die Digitalisierung von Bankanwendun- gen endlich durchgesetzt hat. In allen Ländern und quer durch alle Bankseg- mente werden immer mehr Produkte digital und vor allem mobil zur Verfü- gung gestellt. Dabei überrascht mich am meisten, wie stark die deutschen Banken aufgeholt haben. Mittlerweile sind vier von sechs untersuchten Groß- banken im sogenannten „Digital Pro- mised Land“ angekommen. Dass die deutschen Institute sich so schnell so weit nach vorne „kämpfen“, hätte ich nicht erwartet. Unsere Studie zeigt zwar, dass die amerikanischen und aus- tralischen Banken den europäischen in Sachen digitaler Vertrieb weiterhin ein Stück voraus sind, sie zeigt allerdings auch, dass Europa und speziell die deutschen Finanzinstitute vor allem in Sachen Mobile Banking massiv aufge- holt haben.
Business Banking hat 2017 einen Riesensatz gemacht und die On- line-Verfügbarkeit solcher An- wendungen wuchs weltweit um über 200 Prozent. Wie erklären Sie sich das?
In den vergangenen zwei Jahren haben die Banken global sehr viel Zeit und Geld in das Privatkundengeschäft in- vestiert, um dort digitale Produkte an- zubieten, die sich der Endkunde wünscht. Ganz einfach weil von dort der größte Druck kommt und dort auch die größte Wechselbereitschaft besteht. Durch diese einseitige Fokus- sierung sind das Onboarding für Fir- menkunden und die entsprechenden Business-Anwendungen aus dem Blick- feld geraten. Mittlerweile haben die Banken aber erkannt, wie wichtig und gewinnträchtig die Digitalisierung des Firmenkundengeschäftes ist, und fan- gen an, hier ihre Expertise auszubauen. Übrigens sind die 200 Prozent eher ir- reführend, da die Institute von einem relativ geringen Status quo gestartet sind. Spannend wird der Zuwachs in diesem Jahr sein, denn dann zeigt sich, ob dies nur ein Strohfeuer war oder eine nachhaltige Entwicklung ist.
Beim Thema mobiles Produktan- gebot für Privatkunden lagen die europäischen Banken 2016 noch
Digital Banking - Deutschland holt auf
Was deutsche Banken noch von australischen und nordamerikansichen Geldhäusern lernen können, erläutert Christian Brüseke, General Manager Avoka GmbH, im Interview mit der Redaktion.
und nicht willens, den Kunden in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten zu stel- len. Sie sehen das  ema Digitalisie- rung vor allem aus der Perspektive der Prozessoptimierung, anstatt den Kun- den in den Vordergrund zu stellen. Zweitens: Die hiesigen Banken geben sich zu schnell mit dem zufrieden, was sie schon erreicht haben. Dass sie bei- spielsweise in Sachen Kundenservice noch viel mehr tun können und inves- tieren müssen, erkennen sie erst lang- sam. Drittens: Die Bedeutung von Bargeld nimmt ab und gleichzeitig steigt die Akzeptanz und vor allem die Nutzung von PayPal, Google Pay oder Apple Pay. Davon pro tieren FinTechs und E-Commerce-Firmen wie Ama- zon&Co., die näher am Kunden sind und schneller neue attraktive digitale Finanz-Lösungen und -Apps auf den Markt bringen als die Banken.
Abschließend: Welchen Tipp ge- ben Sie den Banken, um mit inter- nationalen Wettbewerbern und den FinTechs mitzuhalten?
Nicht nachzulassen, was die Digitali- sierung betri t und gleichzeitig verste- hen, dass die Transformation der Pro- zesse nicht das Endziel darstellt, son- dern nur Mittel zum Zweck ist. Der Fokus muss auf den Bereichen Kun- denzufriedenheit und positives Erleben liegen. Die Institute müssen sich im- mer wieder die Frage stellen: „Was will und braucht der Kunde?“ und nicht „Welche Produkte und Abläufe sind für die Bank am relevantesten?“ Das ist genau das, was beispielsweise die Aust- ralier erkannt haben und besser ma- chen. Sie trauen sich mehr, probieren mehr aus und da darf auch mal was schief gehen. Darüber hinaus müssten deutsche Banken mehr mit ihren Kun- den zusammenarbeiten. So kann man neue Prozesse und Produkte durchaus mit Kundenfeedback entwickeln und am Kunden ausprobieren. Die Online- Bank N26 hat das getan und schauen Sie, wo die heute stehen.
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vor Nordamerika. Wie kommt es, dass Europa 2017 stagnierte und die Amerikaner vorbeizogen?
Die Europäer waren der Meinung, dass sie mit ihren neuen mobilen Angeboten genug getan haben und sich auf den Lorbeeren ausruhen können. Aber das ist eine gefährliche Einstellung. Der Bankenmarkt kennt über kurz oder lang keine Grenzen mehr und immer mehr FinTechs, aber auch ausländische Ban- ken werden in andere Länder expandie- ren. Bestes Beispiel sind Goldman Sachs, die mit ihrer Online-Banking- Plattform „Marcus“ jetzt in Deutsch- land ins Privatkundengeschäft einstei- gen wollen. Hinzu kommt, dass es gera- de im mobilen Umfeld keinen Stillstand gibt. Was gestern als Produkt noch top war, kann schon morgen alt aussehen. Die nordamerikanischen Institute ha- ben da die bessere Einstellung: Sie sehen Banking als sich ständig verändernden Prozess, investieren kontinuierlich, ru- hen sich nicht aus und entwickeln im- mer neue Features und Anwendungen. Davon pro tieren sie jetzt.
Wagen wir einen Blick ins Jahr 2023: Wo stehen die deutschen Banken und vor allem warum? Fünf Jahre sind natürlich eine lange Zeit. Aber wenn die Banken hier ihre Bemühungen beim  ema Digital Sa- les nicht drastisch hochfahren, werden wir viele Verlierer sehen. FinTechs und vor allem ausländische Banken werden sich etabliert haben; die Margen der deutschen Banken schrumpfen; es wird weitere Fusionen geben, ja geben müs- sen. Kurzum, der Markt wird heteroge- ner und die deutschen Banken verlie- ren Marktanteile. Das liegt, wenn sich nichts ändert, vor allem an drei Punk- ten. Erstens: Die deutschen Banken sind nach wie vor nicht in der Lage
Weitere Informationen zur Studie „Digitaler Vertrieb in Banken“ finden Sie hier: https://www.avoka.com/ portfolio-items/white-paper-2018-state-of-digital-sa- les-in-banking-report/



















































































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