Die Energiewende sichern

Gastbeitrag von Ulrich Lissek, Head of Communications and Governmental Relations der Nord Stream 2 AG

Um kaum ein Thema wird in der breiten Öffentlichkeit so – teilweise dogmatisch – gestritten wie um die Energie­wende. Dabei wird die Notwendigkeit einer Umstellung unserer Energieversorgung kaum bezweifelt, aber bei Umsetzung und Zeitrahmen gehen die Meinungen weit auseinander. Leider geraten dabei Wunschdenken und Machbarkeit durcheinander, es entstehen in ein und demselben Lager Zielkonflikte – etwa bei Windrädern. Der Blick auf das, was diese Volkswirtschaft braucht und was ihr zugemutet werden kann, verstellt sich zunehmend.

Für Europa und insbesondere für Deutschland ist eine sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung exis­tenziell. Der Atomausstieg ist besiegelt, die geplante schrittweise Schließung von Kohlekraftwerken wird den Gasbedarf für Stromerzeugung deutlich ansteigen lassen. Die Gasproduktion der EU wird sich in den nächsten fünfzehn Jahren halbieren, der Gasbedarf dagegen stabil bleiben. Dadurch entsteht für die EU eine Importlücke von 120 Mrd. m3 pro Jahr. Diese Lücke kann sowohl durch verflüssigtes Erdgas (LNG) als auch durch Pipelinegas geschlossen werden, allerdings im fairen Wettbewerb in einem freien Markt. Gaskraftwerke liefern verlässlich Strom und gleichen Schwankungen der erneuerbaren Energien aus. Und das Potenzial des emissionsärmsten fossilen Brennstoffs ist nicht ausgereizt. Die komplette Verstromung der von Nord Stream 2 transportierten Jahresmengen (55 Mrd. m3 Erdgas) kann die Hälfte der EU-Stromerzeugung aus Kohle ersetzen und so 160 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Dies entspräche den gesamten CO2-Emissionen des deutschen Verkehrssektors von jährlich 163 Millionen Tonnen.

„In Ab­hängigkeit von der Herkunft des LNG würden die Nord-Stream-2-Route sowie die neuen Pipelines aus dem modernen Gasfeld im russischen Bowanenkowo 2,4- bis 4,6-mal weniger Treibhausgas­emissionen als der LNG-Transport verursachen.“

Ulrich Lissek, Head of Communications and Governmental Relations der Nord Stream 2 AG

Auch im Wärmesektor und in der Industrie lässt sich noch auf Jahre mit Erdgas der CO2-Ausstoß verringern. Wer dieser Logik folgt, muss auch den Transport von Gas einem ökologischen Vergleich unterziehen. Das Ergebnis ist eindeutig: In Abhängigkeit von der Herkunft des LNG würden die Nord-Stream-2-Route sowie die neuen Pipelines aus dem modernen Gasfeld im russischen Bowanenkowo 2,4- bis 4,6-mal weniger Treibhausgasemissionen als der LNG-Transport verursachen. Diese Einsparungen zwischen 17,1 und 44,6 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr entsprechen etwa den jährlichen Emissionen von Litauen beziehungsweise der Slowakei. Auch die Kosteneffekte sind beachtlich: Nach Berechnungen des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) würden europäische Verbraucher ohne die großen Mengen wettbewerbsfähigen Gases transportiert durch Nord Stream 2 mit Mehrkosten in Höhe von bis zu 4 Milliarden Euro pro Jahr belastet.

Nun allerdings drängen die USA mit immer schrilleren Sanktionen auf einen Baustopp von Nord Stream 2, einem 8-Milliarden-Projekt, was bereits zu 94 Prozent fertiggestellt ist und durch das Folge-Investitionen von knapp 4 Milliarden getätigt wurden.

Für die USA ist das Spielfeld klar definiert: Neue Pipelines aus Russland würden die Abhängigkeit Europas erhöhen und Moskau Milliarden einbringen, um damit Aggression und Krieg zu finanzieren. So einfach, so falsch. In der Realität ist Russland abhängig von Europa, denn es hat keinen anderen vergleichbaren Absatzmarkt für sein Gas. Im Gegenzug kann Europa – wenn es denn wollte – neben der eigenen Produktion sowie Importen aus Norwegen und weiteren Ländern sein Erdgas über die zahlreichen LNG-Häfen beziehen, zwar zu höheren Preisen, aber die Kapazitäten sind da. Und was die Milliarden angeht: Da spielen die USA mit gezinkten Karten. Sie selbst spülen Moskau hohe Summen in die Kassen unter anderem durch den Import von Öl – ein Blick in die Handelsbilanzen ist selbsterklärend. Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen erkennt man klar, dass es den USA auch um einen Angriff auf die europäische Souveränität geht. Nord Stream 2 ist – bei fairer Betrachtung – geopolitisch ein Leichtgewicht im Vergleich zu anderen Krisen. Es ist – und das sieht man mit zunehmender Besorgnis in den europäischen Hauptstädten – nur der Lackmustest der USA im Hinblick auf die europäische Standfestigkeit. Es ist das Vorgeplänkel für kommendes, die Felder sind klar definiert: Luftfahrt- und Autoindustrie, Digitalwirtschaft oder Chemie. „America first“ duldet keine Konkurrenz.

Bereitwillig versteht sich die US-Außenpolitik als verlängerter Arm der US-Energiewirtschaft: Höchst selbstlos bieten die USA ihr Fracking-Gas als Ersatz für russisches Gas an – als „freedom gas“ für Europa. Das fällt inzwischen auf: In einer Forsa-Umfrage im September 2020 sehen 95 Prozent der Deutschen im Verkauf von LNG den Grund für US-Sanktionen. 60 Prozent sprechen sich übrigens für die Fertigstellung von Nord Stream 2 aus.

Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und ein effektiver Klimaschutz in der Energieversorgung dürfen nicht der Sanktionswillkür der USA unterworfen werden. Dies müssen souveräne Entscheidungen Europas bleiben, wie und woher sich unser Kontinent mit Energie versorgt. Die Voraussetzungen stimmen: Stabile Lieferquellen und Transportrouten sind mehr als ausreichend vorhanden. Dies gilt es zu erhalten. Denn nur mit einer stabilen Energieversorgung werden sich die ambitionierten Ziele der Energiewende erreichen lassen.

www.nord-stream2.com/de/

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