Deutschlands Recycling-Märchen

Schein und Sein: Die Verwertung von Abfällen spielt in Deutschland bereits eine große Rolle, dennoch werfen die hohen Recyclingquoten Fragen auf.

Mit dem Welt-Abfall-Index 2022 haben die Experten für intelligentes Abfallmanagement, Sensoneo, eine Studie veröffentlicht, in der die Effizienz von Abfallwirtschaften in Ländern weltweit untersucht wurde. Die Ergebnisse zeigen, es bestehen weiterhin große nationale Unterschiede bei der anfallenden Müllmenge sowie darin, wie Abfälle entsorgt und recycelt werden. Die Untersuchung wurde erstmals 2019 durchgeführt.

Mit Blick auf seine Effizienz und unter Berücksichtigung offizieller Daten des Statistischen Bundesamtes verfügt Deutschland über die drittbeste Abfallwirtschaft der Welt. Mit diesem Ergebnis steigt Deutschland in der Rangliste auf. Im Vergleichsjahr 2019 belegte Deutschland nur Rang 6. Nur in Südkorea und Dänemark werden Siedlungsabfälle noch effizienter und umweltverträglicher entsorgt.

Offiziellen Angaben zufolge werden in Deutschland jährlich 302 Kilogramm Wertstoffe pro Kopf dem Recycling zugeführt. Diese Quote macht Deutschland zum Recycling-Weltmeister. Doch Experten misstrauen den von offiziellen Behörden herausgegebenen Daten und verweisen auf den irreführenden Messpunkt, aus dem sich die gern zitierte Recyclingquote ergibt.

Zur Studie

Studie “Welt-Abfall-Index” hat die Abfallwirtschaft in 38 OECD-Ländern analysiert und nennt die effizientesten Abfall-Nationen und größten Müllsünder weltweit


  • Deutschland ist Recycling-Weltmeister auf dem Papier. 302 Kilogramm Wertstoffe pro Kopf werden jährlich recycelt, so offizielle Daten.
  • Experten misstrauen den Daten des Statistikamtes. Sie kritisieren den aktuellen Messpunkt aus dem sich die Recyclingquote ergibt.
  • Hohe Recyclingquote beschert Deutschland Platz 3 im Ranking der effizientesten Abfallwirtschaften der Welt.
     

Nur ein Bruchteil der Wertstoffe wird tatsächlich recycelt

Die veröffentlichte Quote beschreibt die Abfallmenge, die in den Recyclinganlagen des Landes ankommt und damit eine Masse zu Beginn eines langwierigen Sortierprozesses innerhalb der Anlage. An dessen Ende nur ein Bruchteil der angelieferten Wertstoffe auch tatsächlich recycelt und zu neuen Materialien wird. Was aussortiert wird und nicht wiederverwendet werden kann, wird verbrannt.

Umweltverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland gehen davon aus, dass weniger als 16 Prozent der in Deutschland zum Recycling vorgesehenen Wertstoffabfälle zur Wiederverwendung aufbereitet werden können. 


“Mit dem Welt-Abfall-Index wollen wir die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die ungeregelte Entsorgung massiv zur größten Umweltverschmutzung der Erde beiträgt.”

Martin Basila, CEO und Mitgründer von Sensoneo

Die Messpunkte von aktueller Recyclingquote und wahrer Recyclingquote.

Nicht alles, was als Wertstoff in der Recyclinganlage landet, kann auch wiederverwertet werden. Die aussortieren Abfälle werden verbrannt, landen aber trotzdem in den offiziellen Quoten.


Um Materialmixe sorgfältig zu trennen, fehlt oft die nötige Spezialtechnik

Große Probleme verursacht insbesondere der Materialmix vieler Abfälle. Immer mehr Produkte bestehen nicht nur aus einem Material, sondern kombinieren verschiedene Wertstoffgruppen. Ein modernes Beispiel hierfür ist der Joghurtbecher aus Kunststoff mit Pappmantel und Aluminium-Deckel. Wenn der Becher nicht bereits sauber getrennt im gelben Sack und in der Papiertonne landet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er zwar in der Recyclinganlage registriert wird, aber am Ende doch noch verbrannt wird. Insbesondere kleine, sehr dünne Materialien und Lebensmittelverpackungen sind schwer zu recyceln, da ihre Aufbereitung sehr ausgefeilte Technologien erfordert, die eher in Ausnahmefällen verfügbar sind. Weitere Gründe sind die spätere Verwendbarkeit auf dem Markt und der Preis, der den anspruchsvollen Recyclingprozess widerspiegelt.

“Eine lückenlose Abfallwirtschaft gehört zu den wichtigsten Maßnahmen im Umwelt- und Naturschutz”, mahnt Martin Basila, CEO und Mitgründer von Sensoneo. “Mit dem Welt-Abfall-Index wollen wir die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die ungeregelte Entsorgung massiv zur größten Umweltverschmutzung der Erde beiträgt. Der Index soll Industriestaaten hervorheben, die viel zu wenig Verantwortung für ihre Hinterlassenschaften übernehmen. Mit der Veröffentlichung von Zahlen soll darüber hinaus ein Gefühl für die unglaublich großen Mengen an Abfall, die wir Jahr für Jahr produzieren, geweckt werden. Die erschreckenden Angaben sollen dazu motivieren, insgesamt weniger Müll produzieren zu wollen.”

Tabelle: Die fünf Länder der Welt mit der effizientesten Abfallwirtschaft, mit Mengen pro Kopf, die als Siedlungsmüll anfallen, die recycelt, verbrannt und deponiert werden. Die vollständige Rangliste sowie Informationen zur Methodik und den verwendeten Quellen findet sich unter: https://sensoneo.com/de/welt-abfall-index/

StaatSiedlungsabfälleRecyclingVerbrennungDeponie
1Südkorea400 kg243 kg88 kg46 kg
2Dänemark845 kg300 kg282 kg7 kg
3Deutschland623 kg302 kg204 kg5 kg
4Schweiz706 kg210 kg333 kg0 kg
5Finnland596 kg168 kg345 kg3 kg

Weitere Erkenntnisse aus dem Welt-Abfall-Index 2022:

  • Nach umfassender Analyse der Abfallwirtschaft in 38 Ländern ergibt sich die Türkei als größte Müllsünder-Nation der Welt – wie schon 2019. Trotz sichtbarer Verbesserungen im Bereich Recycling lassen sich die großen Abfallmengen, die jährlich illegal entsorgt werden – insgesamt 176 Kilogramm pro Kopf – nicht dagegen aufwiegen.
     
  • Die meisten Abfälle fallen in den Vereinigten Staaten an. Jeder US-Bürger produziert aktuell 811 Kilogramm Müll, von denen etwa die Hälfte auf einer Deponie landet und 95 Kilogramm verbrannt werden.
     
  • Mit 243 Kilogramm pro Kopf fällt am wenigsten Siedlungsmüll in Kolumbien an.
     
  • Das Entsorgungssystem in Chile führt lediglich zwei Kilo pro Einwohner dem Recycling zu. In keinem anderen Land wird weniger recycelt. 417 Kilogramm Abfälle pro Kopf landen auf der Deponie und werden somit besonders umweltbelastend entsorgt.
     
  • Am stärksten abgebaut hat die Abfallwirtschaft in Island. Daten zufolge ist die Müllproduktion der Isländer seit 2019 um sieben Prozent gestiegen. Gleichzeitig wird 68 Prozent weniger Müll recycelt als im Vergleichsjahr.
     
  • Aus umwelttechnischer Sicht ist die Müllverbrennung der Deponierung von Abfällen vorzuziehen. Nur 17 von 38 Staaten verbrennen anteilig mehr Müll als sie deponieren, nämlich Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Irland, Japan,  Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Schweden, die Schweiz, Slowenien, Südkorea und das Vereinigte Königreich.
     
  • Nur in der Schweiz werden überhaupt keine Abfälle deponiert. Die Schweizer produzieren 706 Kilogramm Müll pro Einwohner. 333 Kilogramm werden verbrannt. 210 Kilogramm werden dem Recycling zugeführt.

Methodik und Quellen unter:
https://sensoneo.com/de/welt-abfall-index/ 

Aufmacherbild / Quelle / Lizenz
Photo by Pawel Czerwinski on Unsplash

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