Datentreuhandplattformen

Datentreuhandplattformen – der Schlüssel zur digitalen Selbstbestimmung
Gastbeitrag von Dr. Christian Kunz

Unsere persönlichen Daten haben die globalen Technologiekonzerne zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht. In den USA sind dies vor allem die «GAFAs», also Google, Amazon, Facebook und Apple. Ihre Pendants in China heissen «BAT»: Baidu, Alibaba und Tencent. Sie haben alle von einem Phänomen profitiert: dem sogenannten Netzwerkeffekt. Er besagt, dass der Produktnutzen eines Konsumenten von der gesamten Nutzerzahl abhängt. Je mehr Nutzer, desto attraktiver ist das Produkt für den Einzelnen. Dies führt in der Regel zu monopolartigen Strukturen, in denen es für Wettbewerber fast unmöglich ist, mit einmal etablierten Playern mitzuhalten.

Das Nachsehen in Monopolsituationen spüren wir als Kunden, die wir diese Services nutzen, jeden Tag. Aber auch Unternehmen, die für die Daten und damit verbundene Dienstleistungen – meist zielgerichtete Werbung – bezahlen, zahlen drauf.

Die Konzentration von persönlichen Daten bei Wenigen bedeutet auf der Konsumentenseite eine grobe Verletzung der Privatsphäre und ein hohes Risiko von Datendiebstahl bei zentralistischen Datenbanken. Eine Beteiligung des Einzelnen an der Wertgenerierung der Konzerne findet nicht statt. Gleichzeitig steigen die Kosten der Unternehmen für Datenerhebung, -verarbeitung und -pflege sowie für aufwendige Datenschutz- Compliance.

Das traditionelle Modell hat ausgedient

Die 2018 in Kraft getretene EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erteilt EU-Bürgern deutlich erweiterte Rechte in Bezug auf ihre persönlichen Daten. Wir alle können nun wieder Eigentümer unserer Daten werden. Die Kombination von technischen Fortschritten im Cloud Computing, bei Smartphones und Analytics und einem immer grösser werdenden Misstrauen nach immer offensichtlicherem Missbrauch von persönlichen Daten – Stichwort: Cambridge Analytica – hat den perfekten Sturm erzeugt: Endlich ist es möglich, den fundamentalen Paradigmenwechsel hin zu einer neuen Datenökonomie einzuleiten.

In einer Welt, in der die Menge und Sensibilität persönlicher Daten exponentiell wächst, gibt es nur eine Instanz, die das nötige Vertrauen geniesst – das Individuum selbst.

Dr. Christian Kunz

Nachhaltige Lösungen stellen den Nutzer ins Zentrum

Ideen und Lösungsvorschläge dafür existieren schon lange. Bei den meisten spielt das Individuum die zentrale, aktive Rolle. Es geht um «MyData». In einer Welt, in der die Menge und Sensibilität persönlicher Daten exponentiell wächst, gibt es nur eine Instanz, die das nötige Vertrauen geniesst – das Individuum selbst. Mein persönlicher Daten-Twin ist so eng mit mir als Person verbunden, dass ich ihn weder einem Unternehmen noch einer stattlichen Stelle anvertrauen möchte. Unternehmen müssen also neuartige Produkte bereitstellen, die den Verbrauchern die Kontrolle über ihre Daten ermöglichen. Die neue Rolle des Unternehmens ist die eines Datentreuhänders.

Mit Datentreuhandplattformen erlangen Nutzer die Kontrolle über ihre Daten zurück

Für Datentreuhandplattformen gibt es unterschiedliche Namen: Personal Information Management Systeme (PIMS), Datenmarktplatz, Personal Data Store (PDS), Information Bank oder Mediator of Individual Data (MID). Gemeint ist im Grunde immer dasselbe. Eine technische Plattform, die zum einen persönliche Daten auf der Ebene des Individuums aggregiert und unter dessen Kontrolle bringt. Zum anderen wird das Individuum in die Lage versetzt, seine Daten sicher und transparent auszutauschen. Im Detail und der technischen Ausführung unterscheiden sich die verschiedenen Lösungen allerdings. Aktuell gibt es eine Reihe von Early Stage Startups, die um die richtige Lösung konkurrieren. Die am weitesten fortgeschrittenen Player sind BitsaboutMe (CH), digi.me (UK) oder cosycloud (FR). Ein gutes Dutzend weitere stehen in den Startlöchern.


Autorenportrait
Dr. Christian Kunz, Co-Founder & CEO ist ein Online-Experte und Daten-Enthusiast. Er ist überzeugt, dass langfristig nur nutzerzentrische Datenmodelle die Privatsphäre schützen und garantieren können. Erst so können Verbraucher einen fairen Anteil an dem mit ihren Daten generierten Mehrwert erhalten.
Er hat einen Doktor in Kernphysik vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Nach seiner Zeit als Berater im High-Tech Sektor bei McKinsey & Company, leitete er als Senior Director Advertising das globale Werbegeschäft bei eBay Inc. sowie als CEO den Schweizer E-Commerce Marktplatz ricardo.ch.


Funktionsweise einer Datentreuhandplattform am Beispiel BitsaboutMe

BitsaboutMe bietet zunächst eine Reihe von Importern an. Sie ermöglichen es den Nutzern, ihr Recht auf Datenportabilität (Art. 20 DSGVO) gegenüber Plattformen wie Google, Facebook, Amazon, Banken oder Loyalty-Card-Anbietern und eCommerce-Shops auszuüben. Dazu sammelt der Nutzer Kopien seiner persönlichen Daten, die die Firmen gespeichert haben, in seinem persönlichen Datenspeicher (PDS). Dieser PDS ist eine dezentrale verschlüsselte Datenbank, zu der nur er selbst das Passwort hat. So ist sichergestellt, dass ohne seine Zustimmung niemand – auch nicht BitsaboutMe selbst – auf diese Daten zugreifen kann. So sind die Daten maximal geschützt. Ist allerdings das Passwort verloren, kann es nicht wiederhergestellt werden, und die Datenaggregation ist dann unwiederbringlich verloren.

BitsaboutMe

In einem nächsten Schritt visualisiert BitsaboutMe die im PDS gesammelten Datentypen und verdeutlicht, welche Informationen aus den Daten extrahiert werden können.

In einem weiteren Schritt kann der Nutzer seine Daten auf einem Marktplatz mit interessierten Parteien teilen. Der Austausch erfolgt ähnlich wie beim Online-Marktplatz eBay. Ein Unternehmen oder Organisation schaltet ein Angebot auf, das alle Bedingungen nach DSGVO-Kriterien klar definiert (z.B. Vertragspartei, Art der Daten, Zweck der Verarbeitung, Art der Datenverarbeitung, Entschädigung, Zeitdauer der Überlassung). Wenn der Nutzer zustimmt, kommt ein Datenüberlassungsvertrag zwischen Nutzer und Anfragendem zustande. Der Nutzer erhält die Entschädigung, der Anfrager erhält Zugriff auf die Daten. Die Einwilligung wird rechtverbindlich dokumentiert. Der Nutzer hat stets die volle Übersicht über alle getätigten Deals und jede einzelne Abfrage seiner Daten. Er kann die Einwilligung zur Verwendung seiner Daten jederzeit widerrufen und damit den Datenaustausch sofort beenden.

Mit dieser Systematik lassen sich die vielerlei Arten von Daten mit verschiedenen Bezahlmodellen für vielfältige Use-Cases umsetzen. Ein paar Beispiele: Ein Marktforscher zahlt monatlich €5 für einen permanenten Datenfeed von Einkaufsdaten. Eine Universität bezahlt €10 für das Ausfüllen eines Fragebogens. Eine Bank bezahlt eine jährliche Prämie von €2, wenn Nutzer ihre Profildaten synchronisieren. BitsaboutMe verdient an diesen Transaktionen eine Kommission vom Datenanfrager. Für Privatnutzer ist die Nutzung der Plattform stets kostenlos und der Datenaustausch kann auch ganz ohne Bezahlung oder gegen Treupunkte und andere nicht monetäre Prämien erfolgen.

Ausblick

Wagen wir einen Blick ins Jahr 2025: Auf Millionen von Smartphones wird eine Datentreuhand-App installiert sein. Als «Robo-Privacy-Advisor» unterstützt sie Nutzer bei den komplexen Entscheidungen, die das Management der Privatsphäre und die Erteilung von Zugriffsrechten auf persönliche Daten betreffen. Die DSGVO wurde nachgeschärft und persönliche Daten werden grundsätzlich nicht mehr bei den einzelnen Dienstleistern, sondern immer im PDS des Nutzers abgelegt. Damit liegt die Kontrolle über die Verwertung seiner Daten beim Konsumenten, der damit einen willkommenen, jährlichen Zuverdienst von mehreren 100 Euro erwirtschaften kann.

https://bitsabout.me/de/

Aufmacherbild / Quelle / Lizenz
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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