Das richtige Mindset: Grundlage für Erfolg

Die TREND REPORT-Redaktion sprach mit Management-Beraterin Julia Kloss, Expertin für den Automotive-Sektor, über Möglichkeiten, mithilfe der digitalen Transformation Produktentwicklung und Compliance in Einklang zu bringen.

Frau Kloss, vor welchen Herausforderungen stehen Ihre Kunden?
Meine Kunden stehen aktuell vor zahlreichen Herausforderungen. Wo fange ich da an?
Ich fange mal ganz „global“ an: Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung. Viele Unternehmen richten sich neu aus, um für die Zukunft optimal aufgestellt zu sein. Erhöhte Anforderungen der Kunden, gesetzliche Änderungen und steigende Komplexität legen es nahe, Geschäftsprozesse zu optimieren und zu digitalisieren sowie bestimmte Abläufe im Unternehmen zu automatisieren. In diesem Kontext werden oftmals auch die IT-Architektur und das Datenmanagement mitbetrachtet, um sich ganzheitlich optimal aufzustellen.
Das diese Neuausrichtung einen kompletten Wandel der Organisation erfordert, sind alle Fachbereiche zu involvieren und ein Change Programm zur Steuerung zu installieren. Die Zusammenarbeit der Organisationsbereiche erfolgt parallel zum Tagesgeschäft und kostet die Organisation viel Kraft und Investment in externe Dienstleister und Beratungsunternehmen, die inhaltlich / fachlich mitwirken.
Des Weiteren stellen die Probleme in den Lieferketten zusätzlich eine Herausforderung für die Unternehmen dar. Wir sehen es aktuell in der Automobilindustrie, dass die Produktion in den Werken runtergefahren wird, und dass bestellte Kunden-Fahrzeuge erst viele Monate später ausgeliefert werden können.
Die Verknappung der Rohstoffe, der Anstieg der Rohstoff- und Energie-Preise sowie der Ukraine-Krieg wirken sich zudem aus. Die Unternehmen müssen reagieren, müssen umdenken, das geht aber nicht von heute auf morgen. Und gleichzeitig bringt diese Krise auch eine Chance mit. Die Unternehmen sollten die Gunst der Stunde nutzen, um sich Gedanken bzgl. alternativer, nachhaltigerer Energien und Materialien zu machen.
Corona hat die Welt verändert. Diese Krise hat zudem gezeigt, dass sich der digitale Wandel „zwangsweise“ schneller vollziehen lässt. Die Vorteile wurden erkannt, der Umstieg auf neue Arbeitsmodelle wurden bestätigt und öffnen die Türen für „New Work“-Konzepte, die zu einer agileren und effizienteren Arbeitsweise und damit zur Erhöhung der Produktivität beitragen können.
Schauen wir noch mal auf die Automobilindustrie und z.B. auf die Entwicklung von Produkten für das Autonome Fahren: Hier sind in der Industrie die Herausforderungen die Sicherheits-Anforderungen in den Systemen/Komponenten umzusetzen und sicherzustellen, dass die Software in den Systemen z.B. nicht von innen/außen manipuliert werden können. Künstliche Intelligenz in der Software kommt zusätzlich hinzu, um die Sicherheit, den Komfort und die Effizienz zu optimieren. Lücken in den ISO-Standards werden aktuell noch „gestopft“, um die Industrie mit Compliance-Vorgaben hinsichtlich der Produktentwicklung zu unterstützen. Funktionale Sicherheit ist bereits ein ISO-Standard (ISO 26262), der im Rahmen der Produktentwicklung einzuhalten und nachzuweisen ist. Das Gleiche wird für den Cyber Security Standard ab 2023 verbindlich in der Produktentwicklung nachzuweisen sein, damit die Produkte auch freigegeben und zugelassen werden können.

Insbesondere die Lieferkette ist derzeit stark gestört. Welche Maßnahmen empfehlen Sie Ihren Kunden?
Krisen sind immer auch Chancen. Die Unternehmen sollten Alternativ-Lösungen in Betracht ziehen. Die Realisierung geht nicht von heute auf morgen. Es geht um taktisch, strategische Themen, wie sich ein Unternehmen mittel- und vor allem langfristig ausrichten möchten bzw. sollten. Was sich bei einigen Großkonzernen abzeichnet ist, dass sie eigene Produktion für bestimmte Teile planen und realisieren. Hierbei sei beispielsweise die Investition in eine eigene Batterie-Produktion für Elektro-Mobilität seitens des Automobilzulieferers Bosch zu erwähnen.
Teile-Verfügbarkeit, gestiegene Kosten wie auch die Nachfrage nach innovativeren Technologien und Produkten bestimmen den Markt und fordern die Unternehmen zum Umdenken auf. Es stellt sich die Make-or-Buy Frage. Und in dem Beispiel von Bosch ergibt sich die Chance, neue Märkte zu erschließen. Andere Unternehmen trennen sich zum Beispiel von der Elektronik-Sparte.
Es gibt verschiedenste Ansätze, sich als Unternehmen mittel- und langfristig neu auszurichten.

In der Zukunftsentwicklung (Advanced Engineering) wird Dokumentation ein essentieller Teil des Produktentwicklung sein. Nur so kann Compliance direkt bei der Produktentwicklung sicher gestellt werden, stellt Julia Kloss dar. (Quelle: Julia Kloss)

Wie können sich Unternehmen aus dem Automotive-Sektor bestmöglich auf den schwierigen Herbst vorbereiten?
Das ist eine gute Frage. Erst mal haben die Unternehmen Verträge mit ihren Lieferanten und Alternativen können auch nicht kurzfristig aus der Hosentasche gezaubert werden. Wir sehen, dass die Automobilhersteller z.B. die Lieferketten-Probleme auch nicht ad-hoc ändern können. Sie können entscheiden, welche Fahrzeugklassen priorisiert mit Teilen versorgt werden, und das ist wie immer das Premium-Segment.
Die Konsumenten reagieren und verlagern aufgrund der langen Wartezeiten für Neu-Fahrzeuge ihre Kauf-Entscheidungen in die Zukunft. Die geleasten Fahrzeuge werden länger gefahren, oder es wird sich auf dem Gebraucht-Markt umgeschaut. Dass die Nachfrage auf dem Kfz-Gebrauchtmarkt angezogen hat, hat sich bereits abgezeichnet.
Das wird sich ggf. im Umkehrschluss positiv auf das Reparatur-Geschäft der Hersteller-Marken – ein nicht unerheblicher Anteil des Konzern-Umsatzes – auswirken.
Im Herbst wird sich meines Erachtens die Situation nicht ändern. Es ist seitens der Hersteller, Zulieferer und Konsumenten abzuwarten.
Wir können aber auch lesen, dass es den Herstellern Absatz- und Umsatz-technisch nicht wirklich schlecht geht. In anderen Länder-Märkten steigt die Nachfrage, und so gleicht sich das Ungleichgewicht gesamtheitlich wieder etwas aus.

Sie berichten wiederkehrend von Problemen in der Compliance ausgehend von Fehlern und Nachlässigkeiten im Fertigungsprozess. Warum ist da nicht längst mehr passiert? Wird den Mitarbeitern nicht genügend Raum gegeben, um entsprechend zu handeln?
Die Probleme beginnen in der Produktentwicklung, nicht – in der Produktion.
Die Abläufe in der Fertigung sind bis runter auf Arbeitsanweisungen, Checklisten etc. definiert. Wenn es in der Produktion nicht so wäre, würde Chaos ausbrechen. Also gerade in der Produktion muss es saubere Prozesse geben, und diese müssen auch eingehalten werden. In der Produktentwicklung starten viele Projekte nicht basierend auf Standard-Prozessen, deren Einhaltung sichergestellt wird. Viele Mitarbeiter arbeiten sehr häufig in mehreren Produktentwicklungs-Projekten, in denen unterschiedlich gearbeitet wird. Es gibt sehr häufig keine Standards, oder sie werden nicht berücksichtigt. Was ich über 20 Jahre in der Automobilindustrie gesehen habe, lässt sich mit dem Spruch „Chaos, Chaos, Wunder, Auto“ ausdrücken.
Wir wissen, dass Ingenieure und IT’ler insbesondere darauf Wert legen, dass ihrer Kreativität freien Lauf gelassen wird. Dokumentieren „nervt“ einfach nur.
In der Zukunftsentwicklung (Advanced Engineering) geht es „bedingt“ noch so. In vielen Unternehmen wird mittlerweile – gerade in den Software-Entwicklungsbereichen „agil“ gearbeitet. Mit der Methodik wird sich der Produktlösung schrittweise angenähert. Das macht gerade Sinn, wenn die Anforderungen an das Produkt noch nicht eindeutig definiert werden können. Die Teams arbeiten selbst-organisiert, d.h. die Entwickler / Ingenieure haben die Freiheit kreativ zu sein. Jedoch nicht ohne nachweisliches Dokumentieren. Das wird leider oft missverstanden.
Für Produkte, die Software enthalten – zum Beispiel im Chassis-/Fahrerassistenz-Bereich – müssen Sicherheitsanforderungen im Produkt nachweislich umgesetzt und getestet sein. Und da sind wir beim Stichwort „Compliance“. Die Automobil-Hersteller fordern die nachweisliche Einhaltung von ISO Standards wie funktionale Sicherheit (ISO 26262), Automotive SPICE (ISO 15504) und weitere – wenn wir Richtung „Autonomes Fahren“ schauen – bei ihren Zulieferern. Assessments zur Überprüfung der Einhaltung der Compliance-Standards in den Produktentwicklungs-Projekten seitens der Hersteller stehen regelmäßig auf der Agenda. Und das führt natürlich zu Stress bei den Automobil-Zulieferern. Es führt also kein Weg mehr daran vorbei, als sich mit den Compliance-Standards nicht nur im Wortlaut und Kontext vertraut zu machen, sondern die entsprechende Einhaltung im Rahmen der Erstellung der Projekt-Ergebnisse nachweisen zu können. Hierzu bedingt es Standard-Prozesse, die auf den Projekt-Kontext hin angepasst werden können, das einheitliche Verständnis in der Organisation sowie die operative nachweisliche Umsetzung.

Was könnte in diesem Zusammenhang durch ein „digitales Enablement“ der Führungsetage erreicht werden?
Der Wandel in diese Richtung ist in Unternehmen nur schrittweise zu realisieren.
Das richtige Mindset der Führungsetage und eine professionelle Tool-Unterstützung sind Voraussetzungen, um sich für die Zukunft optimal aufzustellen. Die Geschäftsprozess-Abläufe inklusive des Kern-Prozesses „Research & Development“ (Produktentwicklung) sind nicht mehr Papier-basiert zu managen. Die wachsende Komplexität der Prozesse kann im Zuge der gestiegenen Anforderungen (interne/externe Faktoren) nicht mehr beherrscht werden. Das Zauberwort heißt „Digitalisierung“.
Mit dem richtigen Prozessmanagement-Tool können so auch die Compliance-Anforderungen mit den Prozessen „verheiratet“ werden. Was dann nur noch erreicht werden muss, ist die einheitliche Anwendung der Prozesse in Projekten und in der Organisation. Die Grundlage für Erfolg ist eine entsprechende Kultur und der „richtige“ Mindset, der ganz oben bei der Führungsetage ausgeprägt ist und nach unten in die Organisation weitergetragen und gelebt wird.
Leider zu oft gesehen: Erst wenn Unternehmen an ihre Grenzen stoßen, die Komplexität in Produktentwicklungs-Projekten zu beherrschen, wird der Ruf nach digitaler Befähigung „laut“. Um langfristig Erfolge zu erzielen, darf hierbei nicht der organisationale Veränderungsprozess mit dem Ziel der nachhaltigen Etablierung unterschätzt werden.


Bildquelle / Lizenz Aufmacher: Photo by İrfan Simsar on Unsplash

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