Corporate Infrastructure Responsibility

von Matthias Steybe

Eigentum verpflichtet

Wer ein Produkt kauft, trägt auch Verantwortung. Nehmen wir ein Smartphone als Beispiel: jedes neue Gerät kommt mit einem Footprint an Emissionen und Ressourcen, den der Käufer sich anrechnen lassen muss. Bereits über drei Viertel der Emissionen im Laufe der Lebensdauer eines Smartphones entstehen bei seiner Herstellung. Die logische Konsequenz: einmal produzierte Geräte so lange wie möglich nutzen. Denn das Ende eines Nutzungszyklus ist längst nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Lebensdauer eines Geräts.

Was in diesem Zusammenhang mit der IT-Ausstattung vieler Unternehmen passiert, kann polemisch als verschwenderisch und zuweilen egoistisch, zumindest aber als zu kurz gedacht bezeichnet werden: Hardware wird teuer neu eingekauft, um anschließend nur für eine bestimmte Zeit genutzt zu werden, bis etwa ein neueres Modell erscheint. Die ausgedienten Geräte landen in der Schublade oder im Keller. War dieser Ablauf bis vor ein paar Jahren noch absoluter Standard in der Beschaffung, ruft er heutzutage instinktiv Irritation hervor. Denn er zeugt von mangelndem Verantwortungsbewusstsein und widerspricht unserem Anspruch von ESG-konformem Handeln grundlegend. Was uns bei Plastikverpackungen stört, kann uns bei Laptops nicht egal sein.


“Das Gebot der Stunde heißt auch für Unternehmen ‚Nutzen anstatt Besitzen‘.”


Die Konsequenzen

Und das Ausmaß der vernachlässigten Verantwortung ist enorm: Laut einer Studie im Auftrag der Bitkom landen zwei von drei ausgedienten IT-Geräten ungenutzt in Schubladen oder Schränken. Nach Angaben der Vereinten Nationen entstehen unter anderem auf diese Weise weltweit jährlich 54 Millionen Tonnen Elektroschrott. Dadurch werden laufend neue Geräte benötigt und auch produziert, obwohl noch funktionsfähige Geräte in den Unternehmen schlummern, und dadurch neben der Mehrfachnutzung auch vom Recycling ihrer knappen Rohstoffe ausgeschlossen werden.

Das Problem dabei sind wie immer Kosten. Seiner Verantwortung für Wirtschaftsgüter und deren Ressourcen und Emissionen vollumfänglich gerecht zu werden, geht in der Regel mit Aufwand oder gar Verzicht einher. Denn das Ergebnis einer nüchternen, betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung ist selten der nachhaltigste Weg.

Verantwortung wird Pflicht und Chance

Aber die Spielregeln sind gerade im Begriff, sich zu ändern, und zwar an zwei Fronten: Zum einen nimmt der Gesetzgeber die Wirtschaft immer stärker in die Pflicht. Eine zunehmende Regulatorik wie der Green Deal der Europäischen Union fordert Unternehmen, klimaneutrale und nachhaltige Maßnahmen voranzutreiben. Wer sich seiner Verantwortung also bisher nicht bewusst war, oder diese sogar bewusst ignoriert hat, gerät zunehmend unter Druck.

Zum anderen stellen neue Nutzungsmodelle die grundlegende Logik hinter der Beschaffung, dem Besitz und der Nutzung von Wirtschaftsgütern und damit auch von Infrastruktur infrage. Egal, ob Musikstreaming oder Mobilität – das Gebot der Stunde heißt auch für Unternehmen ‚Nutzen anstatt Besitzen‘. Denn Verantwortung zu übernehmen kann auch heißen, sie in die richtigen Hände zu legen.

Und die Effekte sind dramatisch: Die aktuelle Green IT-Studie des unabhängigen VITO-Instituts im Auftrag von CHG-MERIDIAN zeigt, dass die Nutzung von IT-Infrastruktur via DaaS-Modell oder Leasing in der Regel deutlich nachhaltiger als der klassische Kauf ist. In Zahlen ausgedrückt können moderne Nutzungsmodelle die CO2-Emissionen um mehr als 50 Prozent senken und bis zu zwei Drittel wertvoller Rohstoffe einsparen.

Fazit: Legt den Hebel um!

Kaufen und dann Vergessen ist bequem, aber verantwortungslos. Die Nutzung von Produkten bzw. Geräten als Einbahnstraße zu verstehen, ist schlicht nicht mehr zeitgemäß. Aber auch die Anbieterseite muss stärker in die Pflicht genommen werden, denn eines ist klar: Genauso wenig wie eine Privatperson kann auch kaum ein Unternehmen den gesamten Kreislauf eines Gerätes selbst managen. Konkret heißt das: Jeder Anbieter muss seine Leistung von Grund auf als Kreislauf denken. Tut er das nicht, liegt es in der Verantwortung seiner bestehenden und potenziellen Kunden, aus dieser Verantwortungslosigkeit Konsequenzen zu ziehen. Denn in einer Marktwirtschaft kann nur die Nachfrage das Angebot entscheidend steuern.

Wir als Privatpersonen haben mit unseren Kaufentscheidungen einen direkten und starken Hebel, um unserer linearen Wegwerfwirtschaft Schritt für Schritt den Stecker zu ziehen. Dazu sind wir bereit, mehr zu bezahlen oder ganz zu verzichten, weil wir unsere Verantwortung nicht als Rechnung begreifen. Es ist mehr als überfällig, dass endlich auch Unternehmen diesen Hebel ernsthaft und ehrlich in die Hand nehmen. Es ist mehr als überfällig, die losen Enden der Linearwirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft zu verbinden.

Über den Autor

Matthias Steybe ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im Bereich Nachhaltigkeit tätig. Seine Karriere in der nachhaltigen Wirtschaft begann 2001 bei der Daimler AG/Mercedes-Benz, wo er für den Umweltbericht des deutschen Premium-Automobilherstellers verantwortlich war. Gemeinsam mit seinem Team stellte er die Unternehmensberichterstattung erfolgreich auf eine effiziente integrierte Nachhaltigkeitsberichterstattung nach den neuen GRI-Standards um. Darüber hinaus implementierte er ein Sustainability Board und eine Office-Struktur innerhalb des Global Players, um Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen auf internationaler Ebene zu managen.

Matthias Steybe kam 2012 zu CHG-MERIDIAN. Anfang 2020 wurde er zum ersten Group Sustainability Officer (GSO) des Unternehmens ernannt.

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