„Angebote statt Zwang“

Insgesamt läuft Recruiting in Deutschland viel zu langsam. 113 Tage dauert es im Schnitt, eine offene Stelle zu besetzen (laut Bundesagentur für Arbeit). Diese vergleichsweise lange Time-to-Hire sorgt für viele Personalengpässe. Modernes Recruiting und aktives Sourcing stellen HR daher vor Herausforderungen – genauso vor Herausforderungen wie das Halten von Mitarbeiter:innen. Wir sprachen mit Frank Hensgens von Indeed, wie sich das auf seine Plattform auswirkt.

Frank Hensgens: „New Work bedeutet für mich primär Flexibilität, Vertrauen und ein bewusster Umgang mit Ressourcen.“

Herr Hensgens, Unternehmen stehen eine Fülle von Recruiting-Kanälen zur Verfügung – insbesondere online warten interessante Modelle. Wie findet ein Unternehmen den genau passenden?
Es wird Sie nicht überraschen, dass ich das Angebot von Indeed für unterschiedlichste Unternehmen passend finde. Das hängt zum einen damit zusammen, dass auf Indeed mehr Menschen als auf jeder anderen Jobplattform nach einem Job suchen. Eine Stellenanzeige wird entsprechend oft gesehen, auch grenzüberschreitend. Zum anderen fokussieren wir uns nicht nur auf White-Collar-Jobs, sondern bieten auch Stellenangebote aus den klassischen Blue-Collar-Bereichen. Unser Angebot ist divers und entsprechend sind es auch unsere User*innen und potenzielle Bewerber*innen. Zusätzlich haben inzwischen 1,8 Millionen Menschen auf Jobsuche ihren Lebenslauf bei uns hinterlegt. Das macht das Finden von Kandidat*innen für Unternehmen effizienter. Zeit ist heute mehr denn je ein entscheidender Faktor bei der Besetzung von Stellen.
Und wir bringen aktiv Unternehmen und Menschen auf Jobsuche zusammen. Ende Juli haben wir erfolgreich die zweite Auflage unserer Interview Days veranstaltet – digital, bundesweit und speziell für die Flughafenbranche. Hier kommen Arbeitgeber und Arbeitsuchende schnell und unbürokratisch zusammen. In Zeiten von Arbeitskräftemangel benötigen wir Abkürzungen im Bewerbungsprozess, keine Umwege.

 

Können Sie Aussagen treffen, wie sich Ihre Plattform durch die letzten beiden Jahre verändert hat?
Unser Nutzungsvolumen lag im ersten Quartal 2022 bei 25 Millionen Visits auf Indeed und unserem Partner Glassdoor (gemäß Comscore).
Bei den ausgeschriebenen Stellen gibt es einen deutlichen Trend nach oben: Im Juli 2022 haben wir 52 Prozent mehr offene Stellen auf Indeed verzeichnet als im Vergleich zum 1. Februar 2020. Jeden Monat kommen rund eine Million offene Stellen hinzu. 
Sehr positiv finde ich die Entwicklung bei den auf Indeed hinterlegten Lebensläufen: Da liegen wir inzwischen bei fast zwei Millionen. Allein im ersten Quartal 2022 wurden monatlich 110.000 neue Lebensläufe hochgeladen. Eine spürbare Veränderung gibt es bei den Jobs mit Option auf Homeoffice: Hier enthalten inzwischen 12,4 Prozent aller Stellenanzeigen einen Verweis auf Remote bzw. Homeoffice, mehr als dreimal so viel wie vor der Pandemie. Auch bei den Suchen werden Homeoffice und Remote dreimal so häufig abgefragt wie vor der Pandemie und machen aktuell 2,4 Prozent aller Suchen aus. 

 

Was glauben Sie, welche der aktuellen Trends bei New Work werden bleiben und warum?
Die zunehmende Digitalisierung ist eigentlich kein Trend mehr, sondern hat sich im Verlauf der Pandemie zum Standard verfestigt. Das wird bleiben. Untrennbar mit der Digitalisierung ist das ortsunabhängige Arbeiten verbunden. Auch das hat sich während der Pandemie bewährt. Ich weiß, dass es Unternehmen gibt, die das Rad zurückdrehen wollen und die Belegschaft ins Büro zurückbeordern. Aber das wird sich nicht durchsetzen. Dazu bietet inzwischen zu oft die Konkurrenz im Kampf um Talente Homeoffice oder hybride Arbeitsmodelle an. Außerdem erweitern Unternehmen mit der Option auf Remote Work den Pool an möglichen Bewerbenden erheblich. Wer da nicht mitmacht, wird abgehängt werden.

Wie definieren Sie für sich persönlich und in Ihrem Unternehmen den Begriff?
New Work bedeutet für mich primär Flexibilität, Vertrauen und ein bewusster Umgang mit Ressourcen. Auch und besonders mit den Ressourcen der Arbeitnehmenden. Wir haben fordernde Jahre hinter uns, die alle viel Kraft gekostet haben. Indeed hat während der Pandemie den YOU Day eingeführt: Einen Tag im Monat, an dem alle Beschäftigten – weltweit – gleichzeitig freihaben. Das gibt den Arbeitnehmenden Raum zum Auftanken und Durchatmen. Unsere Erfahrungen damit sind mehr als positiv. 

Was möchten Sie Entscheidern aus dem HR-Bereich mit auf den Weg geben vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen?
Ich habe den Eindruck, es ist bislang bei zu wenig Entscheider*innen angekommen, dass wir einen Markt für Arbeitnehmende haben. Es ist momentan schwerer, einen Job zu besetzen als einen zu finden. Deshalb ist mein Appell: Werdet flexibler und geht auf die Bedürfnisse der Bewerbenden ein. Fokussiert Euch in Stellenanzeigen auf unverzichtbare Fähigkeiten und kürzt die langen Listen mit Anforderungen. Und schaut über den Tellerrand hinaus und gebt Menschen eine Chance, die ihr beim Recruiting bislang nicht auf dem Schirm hattet. 
Aber nicht nur das Finden von Kandidat*innen ist eine Herausforderung für HR, auch das Halten. Unternehmen, die Homeoffice und hybrides Arbeiten anbieten, stehen vor der Schwierigkeit, wie sie ihre Unternehmenskultur lebendig halten und den Teamgeist pflegen. Bei Indeed hätten wir die Leute gerne wieder häufiger im Büro. Wir drängen Sie allerdings nicht. Sondern wir haben Teamtage, an denen vor allem der Austausch im Mittelpunkt steht. Da wird dann zusammen gegessen, die Leute reden miteinander und holen das an Begegnung nach, was über Videocall verloren geht. Unternehmen sollten also ein Anreiz schaffen, dass die Beschäftigten Lust haben, ins Büro zu kommen. Angebote statt Zwang. Das ist für mich der Weg der Zukunft. 


Über den Interviewpartner

Frank Hensgens ist Deutschlandchef von Indeed und erfahrener Techmanager seit 20 Jahren. Als ausgewiesener Arbeitsmarktexperte kennt er die Recruiting-Branche wie kaum ein anderer in Deutschland. Der studierte Diplom-Kaufmann arbeitete lange Jahre für seinen heutigen Konkurrenten Stepstone und war dort u.a. als Vorstand für das Deutschland-Geschäft verantwortlich.


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