Page 15 - TREND REPORT Juni 2019
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TREND REPORT Juni 2019 | Wachstum durch KI 15 che Umgebungen nehmen wir bereits einen Spitzenplatz ein“, entgegnet Pro- fessor Holger Hanselka, Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). „Das Wissen, das wir aktuell haben, müssen wir in den Markt brin- gen, sodass es der Gesellschaft und Wirtschaft nutzt“. Zu diesem Zweck will die Regierung ein Dual-Career- Modell etablieren, welches Forschern einen leichteren Wechsel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ermög- licht und mit konkreten Maßnahmen die Zahl an Gründungen im Bereich KI erhöhen. Insbesondere Berlin hat sich dabei zur Start-up-Hauptstadt der künstlichen Intelligenz gemausert und zieht die größten Kapitalgeber des Kontinents an. „Rund 100 Berliner Professorinnen und Professoren befas- sen sich schon heute mit KI“, begrün- det Olaf Schulz, Direktor für Firmen- kunden bei der Berliner Sparkasse die Vorrangstellung. „Laufend kommen neue digitale Talente nach Berlin, etwa mit der Ansiedlung des Deutschen In- ternet-Instituts und dem Millionen- projekt Siemensstadt 2.0.“ Beim Grün- derpreis der Berliner Sparkasse oder beim Businessplan-Wettbewerb Berlin Brandenburg bringt das Institut digita- le Macher mit Unternehmen, Medien und Geldgebern zusammen. „Wer in Berlin die Uni verlässt und eine gute Idee hat, der bleibt und gründet hier,“ weiß Schulz zu berichten, „die Stadt ist jung, kreativ und bietet stabile Netz- werke für Know-how und Unterstüt- zung.“ Wie wichtig es ist, die Start-up- Förderung hierzulande anzuschieben belegt eine Untersuchung der Initiative „appliedAI“ an der UnternehmerTUM GmbH. Immerhin konnten im April diesen Jahres 214 KI-Start-ups identi - ziert werden. Doch während das chine- sische Start-up Sensetime allein seit 2017 2,1 Milliarden Dollar von chine- sischen Risikokapitalgebern und Kon- zernen wie Alibaba oder Qualcomm erhalten hat, konnten alle deutschen KI-Start-ups zusammen in den letzten zehn Jahren lediglich 1,2 Milliarden Euro einwerben. Höchste Zeit also, hier die Rahmenbedingungen für jun- ge Unternehmen zu verbessern. Neben der Start-up-Förderung soll ins- besondere der deutsche Mittelstand von der „Strategie Künstliche Intelli- genz pro tieren. Dazu sollen mindes- Neue Perspektiven für KI Die Redaktion sprach mit Prof. Dr. Vol- ker Gruhn, Vorstandsvorsitzender der adesso AG, über die Planung und Im- plementierung neuer Technologien. Herr Prof. Gruhn, wie unterscheiden sich KI-Projekte von anderen IT-Pro- jekten? Ziel KI-basierter Anwendungen ist es, Zusammenhänge in Daten zu erken- nen oder große Datenmengen auto- matisch zu klassi zieren. Hier geht es um Anomalien, Muster oder Cluster: Die eine Kreditkartentransaktion un- ter 100 000, die ein Betrug ist. Die fünf Sensormessungen in Terabytes von Datenströmen, die zusammen auf ei- nen Maschinenausfall hindeuten. Bei diesen datengetriebenen Systemen gibt es häu g keine klaren Anforde- rungen, die das Projektteam zu Be- ginn formulieren könnte. Deswegen kommt der Datenbasis im Vergleich zu klassischen Softwareentwicklungs- projekten eine größere Bedeutung zu. Verfügbarkeit, Qualität, Herkunft, Konsistenz, aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen der Nutzung sind entscheidende Themen. Wie  nden Unternehmen am besten heraus, ob und wie ihnen die neuen KI-Technologien Wettbewerbsvortei- le verscha en? Dieses Finden der passenden KI-An- wendungsfälle – passend zu den ei- genen Kunden, Prozessen und Mitar- beitern – ist eine der entscheidenden Managementaufgaben. Es mangelt nicht an Einsatzmöglichkeiten. Das Gegenteil ist der Fall: Das Zuviel an Auswahl ist das Problem. Eine Kunst, sich hier nicht zu verzetteln. Dage- gen hilft nur etwas ganz Altmodi- sches: miteinander reden. Der Daten- analyst und der Sachbearbeiter, der Machine-Learning-Experte und der Kampagnen-Manager, der Software Engineer und der Endkunde. Nur wenn KI-Know-how und Fachwissen von Anfang an zusammenkommen und zusammenarbeiten, entsteht et- was Sinnvolles. Das klingt einigerma- ßen trivial, ist aber in der Praxis häu-  g der Punkt, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Prof. Volker Gruhn: „Buil- ding AI-based Systems ist unsere Antwort auf die Be- sonderheiten des KI-Ent- wicklungsprozesses.“ Welche Vorgehensmodelle oder wel- che Projektwerkzeuge helfen den Ent- scheidern in Unternehmen bei die- sen Kommunikationsthemen weiter? „Building AI-based Systems“ ist unsere Antwort auf diese Besonderheiten des KI-Entwicklungsprozesses. Dahinter verbirgt sich ein Vorgehensmodell mit Rollen, Phasen und Verantwortlichkei- ten. Dieser Ansatz stellt sicher, dass die Beteiligten frühzeitig wissen, ob KI-An- wendungen überhaupt geeignet sind. Er strukturiert den gesamten Prozess und unterstützt das Team dabei, KI-Sys- teme in den Kontext klassischer Infor- mations- oder cyberphysikalischer Sys- teme einzubinden. Im Rahmen von Building AI-based Systems arbeiten wir mit speziellen Rollenpro len: Domain Expert, Data Scientist, Software Engi- neer und Data Domain Expert. Jeder dieser Experten bringt unterschiedli- ches Know-how über Daten, Techno- logien, Prozesse, Domänen und das eigene Unternehmen ein. Durch die Kombination dieser Fertigkeiten ent- steht ein Projektteam, das alle KI-Anfor- derungen abdeckt, nicht nur die tech- nischen. Der zweite Ansatz, auf den wir bei KI-Themen setzen, ist der soge- nannte „Interaction Room“ (IR). Der IR gibt Kommunikationsprozessen in Pro- jekten eine Struktur und einen Rah- men. Eigentlich ist er nicht speziell für KI-Projekte gedacht, passt aber genau zu den oben beschriebenen Anforde- rungen. Beim IR handelt es sich um einen echten, begehbaren Raum mit vier Wänden. Sie dienen zur Visualisierung von Prozessen und zur Darstellung von Projektdetails. Im IR arbeitet ein inter- disziplinäres Team aus Fach- und IT- bzw. KI-Experten unter der Anleitung eines Moderators zusammen. Gemein- sam ermitteln sie in Abstimmungsrun- den Lösungen für die zentralen Themen und Fragestellungen des Projektes. Wie und wie schnell werden die neu- en Technologien rund um KI, Block- chain und IoT Prozesse verändern? Wo die Reise mit KI und anderen Tech- nologien hingeht, kann heute nie- mand seriös beantworten. Wer hätte 2009 vorhersagen können, wie Smart- phones und Apps unser Leben ver- ändern? Vielleicht setzen wir in fünf Jahren Blockchain-Anwendungen so selbstverständlich ein wie heute die EC-Karte an der Supermarktkasse. Oder die Technologie reiht sich ein in die Reihe der überzogenen Hypes. Die genauen Entwicklungspfade vorher- zusagen, ist unmöglich. Aber Tenden- zen zeichnen sich ab: Sprache wird in der Interaktion mit Systemen immer bedeutender. Mit der Konsequenz, dass Technologie für Anwender unsichtbar wird. Die Autonomie von Anwendun- gen nimmt zu. Häu ger tre en sie Ent- scheidungen, ohne einen Menschen mit ins Boot zu holen. Dies führt in vielen Bereichen, vom Einkauf über die Produktion bis hin zur Logistik, zu anderen, deutlich enger getakteten Prozessen. Aber auch zu anderen Kon- stellationen in der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Systemen. www.adesso.de 


































































































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